Autobranche: Volkswagen stemmt sich in China gegen den Abstieg

Das Modell ID.Aura soll Volkswagen in China endlich wieder einen großen Verkaufserfolg bescheren. Mit den fließenden Karosserielinien und den scharf zusammengekniffenen Scheinwerfern sieht die elektrische Limousine nicht nur modern aus. Sie bringt auch neueste Technik mit, vom schnellen Laden bis zum Fahrassistenten, der das Auto fast allein durch die Stadt manövriert – und das für einen Preis von umgerechnet nur etwa 14.000 Euro. In kürzester Zeit haben VW und seine chinesischen Partner die Systeme dafür entwickelt. Nun soll das Auto im Lauf des Jahres auf den Markt kommen, als Teil einer Flut neuer Modelle: „Wir starten jetzt die größte Produktoffensive, die wir je in China angestoßen haben“, sagt VW-Konzernchef Oliver Blume. In China sei für Volkswagen jetzt „Crunchtime“, also die heiße Phase im Kampf um die Zukunft.
Seit chinesische Wettbewerber den Markt in der Volksrepublik systematisch aufrollen, sind die Verkaufszahlen von VW dort eingebrochen, vom Höchststand im Jahr 2019 um ein Drittel auf zuletzt noch 2,6 Millionen Fahrzeuge. Nun sollen in diesem und im kommenden Jahr 30 neue Modelle in China in den Handel kommen, allesamt „elektrifiziert“ – als reine Stromer, Hybride oder Verbrenner mit Reichweitenverlängerer, entwickelt vor Ort für den lokalen Markt.
In einem Gespräch mit Journalisten in Berlin haben sich Konzernchef Blume und Chinavorstand Ralf Brandstätter in dieser Woche kämpferisch gegeben. VW sei ein fester Teil der chinesischen Automobilindustrie: „Wir sind dort, um zu bleiben“, beteuerten sie in der VW-Repräsentanz an der Prachtstraße Unter den Linden – hinter ihnen eine Glaswand mit dem Motiv eines dramatisch orangeroten Himmels über Shanghai. Zugleich ist im Konzern schon wieder von einem „Übergangsjahr“ die Rede: In den Verkaufszahlen werden sich die neuen Modelle also erst nach und nach niederschlagen, und auch die zuletzt stark rückläufigen Gewinne aus dem Chinageschäft dürften sich wohl frühestens im kommenden Jahr erholen.
Der Druck bleibt enorm, vor allem auf Konzernchef Blume, der zum Jahreswechsel seine Doppelrolle als Vorstandsvorsitzender der Sportwagenmarke Porsche beendet hat und nun als VW-Konzernchef endlich greifbare Erfolge auf seinen vielen Baustellen vorweisen muss. In Berlin beteuerte der Manager am Dienstagabend, dass das Tempo in der Restrukturierung hoch bleiben wird. Vor allem die Kostenarbeit müsse in allen Märkten weitergehen, sagte er, „auch, um uns die nötigen Investitionen in die Zukunft leisten zu können“.
Anderthalb Jahre Vorsprung in China
Das Chinageschäft hat VW zuletzt grundlegend neu sortiert. Mit lokalen Partnern wie Horizon Robotics und Xpeng haben die Wolfsburger an neuer Fahrzeugtechnik für die Volksrepublik gearbeitet. Nun wollen sie Durchbrüche vermelden. Wie der Konzern am Mittwoch mitteilte, ist eine neue Elektronikarchitektur fertig, die mit weniger Zentralrechnern auskommt und Funktionen vom autonomen Fahren bis zu drahtlosen Software-Updates ermöglicht.
An einer solchen „zonalen“ Architektur arbeitet der Konzern auch für die westlichen Märkte, dafür hat er einen Pakt mit dem amerikanischen Start-up Rivian geschlossen. In China liegen die Ingenieure etwa anderthalb Jahre vor ihren Kollegen im Westen: Schon im zweiten Quartal soll das System für die Volksrepublik, intern „China Electronic Architecture“ genannt, in Serie gehen, im batteriebetriebenen Modell ID.Unyx. Konzernchef Blume bezeichnete das Auto in Berlin als „Techpionier“, damit beginne „die Produktion softwaredefinierter Fahrzeuge in China für China“.
Auch an anderer Stelle haben Chinachef Brandstätter und die Partner im Land mächtig gewirbelt. Ein mit Horizon Robotics entwickelter Chip soll weiteren Schub für selbstfahrende Systeme bringen, eine Technik, die sich in China verbreitet, während Europa hinterherhinkt. Die zuletzt chaotisch wirkende Arbeitsteilung zwischen den Gemeinschaftsunternehmen mit den langjährigen Partnern SAIC und FAW wurde neu sortiert. In der Stadt Hefei ist parallel eine Art chinesisches Wolfsburg für die lokale Entwicklung entstanden. Und jetzt, so Brandstätter, sei auch ein Ende des Preiskampfs in Sicht, der seit Jahren in dem Land tobt und vor allem westliche Hersteller an den Rand gedrängt hat. „Es wäre eine Illusion, zu glauben, dass die Preise eines Tages wieder das alte Niveau erreichen werden“, sagte Brandstätter in Berlin. „Wir gehen jetzt aber davon aus, dass die Talsohle erreicht ist und die Preise nicht weiter fallen werden.“
Doch der Gegenwind bleibt heftig, und die Erfolgsaussichten sind ungewiss. Kaum etwas zeigt das deutlicher als der Start eines neuen Audi-Modells, das auf die ikonischen vier Ringe verzichtet und stattdessen mit einer neuen Wortmarke angetreten ist – AUDI in Versalien. Der Verkaufsstart des Modells wirkt schwach, auch wenn Audi betont, dass die bislang kursierenden Zahlen noch keine belastbaren Rückschlüsse auf den Vertriebserfolg zulassen. Zugleich gewinnen lokale Wettbewerber im Land immer weiter an Boden. Der Hersteller Geely aus Hangzhou hat sich zuletzt an den Gemeinschaftsunternehmen von VW vorbeigeschoben und liegt nun, gemessen an den Verkaufszahlen, auf Rang zwei hinter BYD. Chinas Autohersteller arbeiten schnell und pragmatisch. Etablierte Marken wie VW mit ihrem großen Apparat können kaum noch mithalten.
Blume und Brandstätter versuchen nun, die lokale Produktion auch als Sprungbrett in andere Märkte zu nutzen. Die niedrigen Kosten in China seien ein guter Ausgangspunkt, um von dort aus verstärkt nach Südostasien, in den Nahen Osten oder in Teile Südamerikas zu liefern, hieß es in Berlin. Doch auch in diesen Regionen treffen die Wolfsburger zunehmend auf chinesische Rivalen, die in all jene Märkte drängen, in denen sich keine allzu hohen Hürden durch politische und regulatorische Vorgaben auftürmen. Damit schwingen sich die Hersteller aus der Volksrepublik zu Lieferanten ganzer Weltregionen auf, und die Zahlen, die VW nun in Berlin genannt hat, verdeutlichen den Druck: Binnen fünf Jahren habe sich die Zahl der von chinesischen Automobilherstellern exportierten Fahrzeuge auf mehr als sechs Millionen nahezu verdreifacht, sagte Brandstätter. Man müsse damit rechnen, dass eine Welle chinesischer Produkte über den globalen Süden in die Weltmärkte rolle.