Ausstellung | Jüdische Kulturtage Berlin: Den Geist visuell zeugen

Der erste Buchstabe ist verschönert mit bunten Serifen, Tier- und Fabelwesen, Drachen etwa, um die sich manchmal Blumen ranken – was man von manch altem Schmöker kennt, ist wesentliches Merkmal des „Hamilton Siddur“, einer jüdischen liturgischen Handschrift aus dem frühen 14. Jahrhundert. Nicht ohne Grund ist sie als die schönste Pergamenthandschrift der Ausstellung Materialisierte Heiligkeit. Jüdische Buchkunst im rituellen Kontext ausgewiesen: Die in starken Farben leuchtenden Verzierungen, die mitunter auch Mischwesen aus Mensch und Tier zeigen, faszinieren.

Wertender als das wird es in der minimalistisch gehaltenen Ausstellung nicht. Das ist ein Glück für die Schau, die im Rahmen der diesjährigen Jüdischen Kulturtage im Kulturwerk der Staatsbibliothek Unter den Linden in Berlin zu sehen ist. Denn statt der mit Trendbegriffen bestückten oder mit emotionalisierenden Phrasen arbeitenden Beschriftungen, wie sie in letzter Zeit in vielen Museen zu sehen sind, bedienen sich die beiden Kuratorinnen Annett Martini und Dana Eichhorst in der Ausstellung einer unaufdringlichen Sprache, die in sanfter Sachlichkeit ihr Sujet umkreist. So bekommt man neues Wissen vermittelt, ohne gedanklich in eine bestimmte Richtung geschoben zu werden.

Mit Torarollen, Gebetsbüchern aus dem 14. Jahrhundert oder der größten hebräischen Bibel des Mittelalters zeigt die Ausstellung ausgewählte Handschriften aus der Sammlung der Staatsbibliothek, an denen Spuren der Geschichte abzulesen sind. Der spezifisch jüdischen, aber auch der vergangenen Zeit. Neben der größten heute bekannten hebräischen Bibel etwa sind fein säuberlich verschiedene Relikte ausgestellt, die im Zuge ihrer Restaurierung zum Vorschein kamen: Obstkerne und Holzsplitter, Insekten, sogar ein Knochenfragment wurden aus dem alten Band entfernt.

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Die hebräische Bibel „Tanach“ stimmt inhaltlich weitgehend mit dem Alten Testament überein, wird aber, anders als im Christentum, in dem Altes und Neues Testament untrennbar verbunden sind, als abgeschlossen und eigenständig verstanden. Außerdem sind die 24 heiligen Bücher in anderer Reihenfolge angeordnet. Und: Im Judentum wird das Gebot des Bilderverbots in der Regel strikter verfolgt als in der christlichen Tradition – gerade auf diesen Punkt wird hier allerdings ein neues Licht geworfen.

Denn mit den bunten Verzierungen der Schriften, die in der Schau zu sehen sind, wird das Gebot des Bilderverbots mal subtiler, mal offensichtlicher umgangen. Je nach geografischen Umwelteinflüssen und historischen Epochen sind neben den Texten mal mittelalterliche Miniaturen zu erkennen, in anderen Fällen tanzen barocke Putten über die Buchstaben, die an italienische Gemälde des späten 16. Jahrhunderts erinnern. Die große Torarolle aus Erfurt, im Mittelalter ein Zentrum jüdischen Lebens, wirkt dagegen schlicht und ungeschmückt. Lediglich das Schriftbild ist kunstvoll ausgeführt.

Schon der Titel der Ausstellung, Materialisierte Heiligkeit, gibt Anlass zur Auffassung, das Sakrosankte könne doch greifbar sein – obwohl gerade die Unfasslichkeit des Heiligen in den heiligen Schriften verankert scheint. Sie lässt sich fassen: in all den Handschriften, ob aus Mittelalter, Neuzeit oder Zeitgeschichte. Wissen und Geist der Zeit bleiben erhalten – und sichtbar. So lässt sich etwa aus einer der ausgestellten Esterrollen, die zum jüdischen Feiertag Purim verlesen werden, anhand von Schriftart, verwendetem Pergament und sogar aus der abgebildeten Architektur und der Kleidung der Figuren die Herkunft der Rolle ableiten: in diesem Fall ist es Norditalien, wo zur Entstehungszeit dieser Esterrolle im 17. Jahrhundert aschkenasische und sephardische Gemeinden nebeneinander lebten.

Der Begriff Aschkenasim bezog sich im Mittelalter auf jüdisches Leben in Nordfrankreich und im deutschsprachigen Raum, das sich im Verlauf des 15. und 16. Jahrhunderts nach Mittel- und Osteuropa ausdehnte, während in Spanien, Portugal und Nordafrika vor allem die Sephardim lebten. Im Zuge der von Bewegung und Vertreibung geprägten Jahrhunderte verloren diese Grenzen allerdings an Relevanz.

Was bleibt, ist die im Judentum immense Bedeutung der Schrift, bei der die Forschung heute aschkenasische, sephardische, jemenitische, byzantinische oder Schrifttypen des Mittleren Ostens voneinander unterscheiden kann. Die Tradition sei keineswegs „erstarrt“, gerade die Beschäftigung mit materialen Elementen einer Torarolle rufe immer wieder eine Diskussion um das jüdische Verständnis von Echtheit hervor.

Das Schreiben der Tora ist weiterhin nur ausgebildeten jüdischen Schreibern vorbehalten, genannt Sofer, wie ein in die Ausstellung integrierter Kurzfilm zeigt. Die „Arbeit des Himmels“, wie sie in einem babylonischen Talmud genannt wird, erfordert enorme Sorgfalt und Präzision. An der Vorstellung, dass durch einen kleinen Fehler – etwa das Vergessen eines Buchstabens – „eine ganze Welt“ zerstört wurde, habe sich in den letzten 2.000 Jahren nicht viel geändert. Erst im Jahr 2007 stellte die erste weibliche Schreiberin, „Soferet“, eine Torarolle fertig.

Neben dem Herstellungsprozess heiliger jüdischer Schriften – selbst die Tinte muss eine bestimmte Rezeptur unterlaufen, um koscher zu sein – legt die Ausstellung ein Augenmerk auf die Bedeutung der jüdischen Zeitrechnung. Die richtet sich nach Sonne und Mond und ist mit der synagogalen Lesung verbunden, wenn aus der Tora an bestimmten Tagen die gleichen Stellen gelesen werden.

Die Ausstellung, die noch bis Mitte Januar im Kulturwerk der Staatsbibliothek Unter den Linden in Berlin zu sehen ist, zeigt insofern eindrücklich die bis heute ungebrochene Bedeutung der Schrift für das Judentum: Denn als materialisierte Heiligkeit symbolisierten und symbolisieren die Schriftrollen für die in die Diaspora zerstreuten jüdischen Gruppen eine „tragbare Heimat“, die sich in der Schrift, in den Geschichten kollektiv überlieferte.

Materialisierte Heiligkeit. Jüdische Buchkunst im rituellen Kontext Stabi Kulturwerk, Berlin, bis 25. Januar 2026