Ausstellung in Berlin: Wussten Sie, dass welcher Regisseur David Lynch Lampen machte?
Der legendäre Regisseur David Lynch war auch als Künstler tätig. In Berlin sind nun Zeichnungen, Malereien, Fotos und Skulpturen von ihm zu sehen. Hier spürt man, was uns Menschen von Maschinen unterscheidet
David Lynch: „Untitled (Berlin)“, 1999
Foto: The David Lynch Estate, courtesy Pace Gallery
Jetzt ist es so. Das Missverstehen, das Einander-nicht-verstehen-Können, die Grenzen von Worten, von Sprache überhaupt, auch wenn zwei die gleiche sprechen, das ist etwas, das uns als Menschen ausmacht. Überhaupt erst zum Menschen macht. Das uns von Maschinen unterscheidet (oder zumindest gerade noch so?). Und damit ist nicht die Meinungsverschiedenheit, die viel zitierte sogenannte Spaltung der Gesellschaft gemeint, denn das Missverstehen ist dadurch bedingt, dass man sich überhaupt zuhört, dass man etwas voneinander wissen möchte. Was es noch viel unerträglicher macht, wenn man die Aussendung des Gegenübers nicht greifen kann, nicht begreifen. Da steht sie, und man kann kaum reagieren, weil man gar nicht weiß, was sie von einem will. Horror.
Es gibt dieses Bild des Regisseurs David Lynch, auf das er etwas geschrieben hat, und man kann seine Sätze nicht entziffern, von Human Science ist dort zu lesen, aber anderes verschwindet unter der dunklen Farbe. Vor diesem Bild steht Oliver Shultz, Chefkurator der Pace Gallery, und beschreibt seine Verzweiflung, nicht verstehen zu können, was der Künstler hier wollte. Das müsse man aushalten, sagt er. Und das fühlt man gleich. Die Worte liegen verführerisch vor einem, aber wie hinter Glas kann man sie nicht berühren.
Die Galerie selbst in der alten Tankstelle erinnert an den Horror-Vibe von Los Angeles
Und vielleicht ist es das, was das Werk von David Lynch ausmacht, dieses unüberwindbar begrenzte Verlangen, die menschengemachte Gefahr, die darin auch lauert, weil man nicht wissen kann, wie einem die Worte gesinnt sind. Was sein Werk so soghaft macht. Weil es um all das geht, was unter dem Begreifen liegt, an das man sich herantasten möchte und nicht immer kann.
Dieses Werk liegt hier jedenfalls vor einem. Denn in der Berliner Dependance der Pace Gallery, dieser alten Tankstelle in Schöneberg, die mit ihrem Bambusgarten davor sowieso schon aussieht wie aus einem Lynch-Film und an den Horror-Vibe von Los Angeles erinnert, eröffnet jetzt, etwa ein Jahr nach dem Tod von David Lynch, eine Ausstellung mit seiner Kunst. Zu sehen sind Arbeiten aus dem Besitz der David Lynch Foundation: Zeichnungen, Malereien, Fotos, Videos und Skulpturen – beziehungsweise Lampen. Wussten Sie, dass David Lynch Lampen machte?
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Große Malereien, mit kleinen Fratzengesicht-Skulpturen versehen, ein Mädchen baumelt aufgeknüpft am Baum, ein Kind mit einem Messer in der Hand, ein Zaun, ein Gatter. EinFlugzeug. Eine Marienfigur, mit Monsterbaby neben sich, das große blaue Tränen weint. Eine Frau nackt im Bett, ihr Geschlecht einladend platzierend. Dass die Welt aufhört, sich zu drehen, wenn sie da ist, das steht sehr verständlich daneben. Und es gibt Fotos. Ein Selbstporträt in einem Hotelzimmer, Details aus einer leeren Berliner Fabrik.
Lynch-Filme wie Blue Velvet, seine Serie Twin Peaks seien immer auf einem Bild basierend entstanden, erzählt der Kurator. Einer Leiche am Ufer, einem Ohr im Gras. Sie seien der Kern. Und so sind hier im ersten Raum der Ausstellung ein Bild und ein Film zu sehen, der zweite den er je machte, und sie setzen die Stimmung, werfen in den Verstand des Filmemachers und studierten Malers, der Sprache als Schlüssel zur Psyche bearbeitete.
Es ist eine intime Ausstellung, in Räumen, die einem Wohnraum ähnlich gestaltet sind, Teppich und Wandfarbe wurden dem Lynch-Kurzfilm Rabbits entliehen. Und sie ist nicht nur äußerst interessant für Menschen, die Lynch verehren, weil seine Filme ihr Unterbewusstsein kitzelten. Sondern auch für die, die das Missverstehen nur schwer aushalten können. Für die erscheint Lynchs Psycho-Werk vielleicht sogar sehr liebevoll. Und so kann man doch auch das Einander-nicht-Verstehen betrachten, als Teil der Liebe, die den Menschen wirklich noch von der Maschine unterscheidet.
David Lynch Die Tankstelle, Bülowstraße 18, 10783 Berlin, 29. Januar bis 29. März 2026