Ausstellung | Fotograf Ulrich Wüst in Leipzig: Die Sowjetzone im Wildwuchs

Die GfZK in Leipzig zeigt unter dem Titel „Wandern in Geschichte“ Fotografien von Ulrich Wüst aus vier Jahrzehnten – Motive sind unter anderen Alltagsgegenstände wie DDR-Mokkakännchen und Tischlampen


Dodendorfer Straße

Foto: L‘age D‘Or


Die Flasche „Sonnenglanz“ hat der Vormieter zurückgelassen, als er ins Heim zog. Das Etikett verrät noch, dass die Hochglanzpolitur auch „insektentötend“ war. Auf blau-karierter Wachstuchdecke hat Ulrich Wüst sie als bedeutungsvolles Objekt inszeniert. Als er die Schlüssel zur Wohnung bekam, stand sie schon ein Jahr leer. Was nicht mitgenommen wurde, war nicht wichtig genug.

In der Ausstellung Wandern in Geschichte in der Galerie für Zeitgenössische Kunst (GfZK) in Leipzig sind die großformatigen Farbfotografien von Alltagsgegenständen wie Tischlampen und Mokkamühlen aus der DDR über alle Räume verteilt. Dabei auch drei Einweckgläser mit kaum noch zu identifizierenden Früchten – nebeneinander stehend ergeben sie Schwarz, Rot, Gold.

Verschiedene Orte der DDR, zum Beispiel Chemnitz

Ulrich Wüst bezeichnet sich selbst als Fotografen, ist in einem der vielen Wandtexte zu lesen. In Ich-Perspektive kommentiert und vermittelt er auf diesem Wege seine zentralen Werkgruppen aus den Jahren 1978 bis 2019: „Wichtig ist mir jedoch zu betonen, dass ich nicht dokumentarisch arbeite. Ich benutze das Dokumentarische als eine Form, als ein Mittel, und in bestimmten Arbeiten will ich auch dokumentarisch genau sein.“

Wüst ist Autodidakt. 1949 in Magdeburg geboren, hat er Stadt- und Regionalplanung in Weimar studiert und einige Jahre als Stadtplaner in Berlin gearbeitet. Ein Feld, das ihn interessierte. Doch der Bürotrott stand in zu starkem Kontrast zu seinem „so gar nicht erwachsenen Freizeitleben“. Er wurde Bildredakteur bei der Zeitschrift Farbe und Raum und war ab 1984 freischaffend.

Zwischen 1979 und 1985 entsteht seine erste Serie. Die scheinbar objektiven Stadtbilder sind an verschiedenen Orten in der DDR aufgenommen. Darunter der Karl-Marx-Kopf in der damals gleichnamigen Stadt Chemnitz. 1984 wählt Wüst nicht die Frontalperspektive, sondern fängt ihn von der Seite ein. Wer den Nischel nicht kennt, wird kaum den Kommunisten erkennen.

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Den meisten Raum nehmen die angelegten Blumenbeete und das Congress-Hotel ein, das Anfang 2026 geschlossen wurde. Erst nach längerem Hinsehen sind ein paar Menschen zu erkennen – auf Wüsts Bildern dominieren Landschaft und Gebäude. Schwarz-weiß zeigen sie die Spuren des Zweiten Weltkrieges, den ungehinderten Verfall historischer Bausubstanz und Absurditäten des Städtebaus. „Das hatte einen durchaus aufklärerischen Aspekt“, so Wüst. „Ich wollte letztlich eine Auseinandersetzung herbeiführen über das, was wir uns unter ‚Stadt‘ vorstellen und was diese Umwelt mit uns macht.“

Melbourne, Busan, dann Leipzig

Für Kurator Matthias Flügge eine Form der Architekturkritik, die auch von subtilem Humor getragen wird. Flügge und Wüst kennen sich lange. Für das Institut für Auslandsbeziehungen haben sie diese Ausstellung zusammengestellt, die um die Welt reist – bisherige Stationen waren 2024 im australischen Melbourne und 2023 in Busan in Südkorea. Neun Serien und zwei Leporellos umfasst sie, der Titel Wandern in Geschichte steht sowohl für die jahrzehntelange Beschäftigung mit der deutschen Teilung und deren Überwindung sowie ganz konkret für Wüsts Praxis.

Denn Gehen ist für Ulrich Wüst Methode. Er hat kein Auto, ist zu Fuß oder auch mal mit dem Fahrrad unterwegs. Ein Grund, warum er seine Stadtbilder oft bei strahlendem Sonnenschein fotografiert hat. Und grau genug waren die Städte.

Für die Leipziger Ausstellung wurden drei Serien ergänzt: Im Oktober 1989 ist Wüst in der Stadt. Montag für Montag wird seit September demonstriert. Die Maueröffnung ist noch unvorstellbar, doch Veränderung spürbar. Lange saß man am Abend zusammen. Wüst übernachtet in Plagwitz, einem stark industriell geprägten Arbeiterstadtteil. Am Morgen war „Nebel im Kopf und Nebel draußen“.

Der Blick aus dem Fenster zeigt die graue Realität zwischen Essen, Ruß und Schienen. Eine halbe Stunde ist er durch wenige Straßen gelaufen, ohne Kaffee, ohne Frühstück. Wie von selbst fotografierte er das Sinnbild einer erschöpften Industriegesellschaft kurz vor dem Kollaps.

Die Stadt ist fertig, er zog aufs Land

Inzwischen habe er aufgehört, Bilder in den Städten zu machen, erklärt Wüst am Tag der Eröffnung in der GfZK. „Früher war ich diesen Orten und dem Land ausgeliefert.“ Inzwischen sei die Stadt im doppelten Sinn fertig: Fertig gebaut und fertig gemacht. Zum Fotografieren reizt ihn das nicht mehr.

Dafür zog es ihn aufs Land: Mit der gleichen Strenge und Trockenheit der Stadtbilder widmete er sich der Gemeinde Nordwestuckermark – in „Randlage“ fernab von aller ländlichen Idylle.

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Im Landkreis Prenzlau fotografierte er 1985 noch das skurrile Nebeneinander von Plattenbau, Kirchtürmen und einem verfallenden Bauernhaus. 2018 entstehen hier zwölf Farbfotografien. Vor strahlend blauem Himmel sind die Menschen weiterhin unsichtbar, aber deutlich spürbarer: Hinter der mit aufwendigen Graffiti verschönerten Fassade, im Hermes-Shop, im China-Restaurant „Family“, hinter den Gardinen, vor denen die Deutschlandfahne weht.

Eine der stärksten Arbeiten kombiniert Zitate aus dem Buch Wissensspeicher Wehrausbildung von 1979 mit Fotografien der darin enthaltenen Illustrationen. Das DDR-Schulbuch für die 9. und 10. Klasse handelt vom Töten. Doch in diesem Nachschlagewerk für die vormilitärische Ausbildung wird der Gegner nicht getötet; da werden „Ziele vernichtet“. Wüst legt diese sprachliche Hygiene frei – und macht sichtbar, wie eine Gesellschaft früh gelernt hat, das Eigentliche nicht zu benennen.