Ausfuhren boomen: Chinas Exportrekord landet in den Geschichtsbüchern

Weder der Handelskrieg noch die Klagen der EU über die Warenschwemme haben dem chinesischen Exportmotor im vergangenen Jahr etwas anhaben können. Stattdessen verzeichnete die Volksrepublik den höchsten jemals gemessenen Exportüberschuss eines Landes. Die Ausfuhren überstiegen die Einfuhren im vergangenen Jahr um 1,189 Billionen Dollar, umgerechnet 1,02 Billionen Euro. Das geht aus Daten des Nationalen Statistikamtes vom Mittwoch hervor. Das entspricht einem Anstieg von einem Fünftel gegenüber dem Jahr 2024.
„Es gibt keinen historischen Vergleich für eine ähnliche Exportdominanz“, sagte Dan Wang, Direktorin für China beim Beratungshaus Eurasia Group und frühere Chefökonomin der Hang-Seng-Bank in Shanghai, der F.A.Z. Der Exportüberschuss liegt in einer ähnlichen Größenordnung wie die Wirtschaftsleistung von Saudi-Arabien, den Niederlanden, Polen oder der Schweiz.
Chinas Exportüberschuss macht rund ein Prozent der globalen Wirtschaftsleistung aus. Weder Japan noch Deutschland seien während ihrer Exporterfolge auf einen solch hohen Wert gekommen, sagte Wang. Als Anteil am eigenen Bruttoinlandsprodukt erwirtschaftete gerade Deutschland einst zwar einen höheren Exportüberschuss. Die chinesische Wirtschaft ist aber ungleich größer und deshalb für die Weltwirtschaft wichtiger. Gemessen an der Weltwirtschaft, erzielten zuletzt die USA während der Weltkriege Exportüberschüsse ähnlichen Ausmaßes.
Deflation macht sich bemerkbar
Der Export ist der wichtigste Treiber der chinesischen Konjunktur. Das Land kämpft gleichzeitig im Inland mit einer enorm schwachen Nachfrage, die von der Immobilienkrise ausgelöst wurde. Die Erzeugerpreise sinken seit drei Jahren. Präsident Xi Jinping hat die Stärkung der Binnennachfrage für dieses Jahr zur Priorität erhoben. Allerdings verspricht die Kommunistische Partei seit Jahrzehnten eine Stärkung des Konsums, bisher sinkt dessen Anteil an der Wirtschaftsleistung aber eher, als zu steigen.
Die Deflation ist im Inland deutlich spürbar, Eiscreme kostet mitunter weniger als 25 Cent. Hotelzimmer in gehobenen Vier-Sterne-Hotels kosten in vielen Städten kaum 50 Euro, Mahlzeiten häufig nur zwei, drei Euro. Die Deflation führte in den vergangenen drei Jahren dazu, dass Chinas Produkte im Ausland immer günstiger wurden, während die Produkte aus westlichen Industrienationen durch eine hohe Inflation deutlich teurer wurden.
„China stabilisiert seine Wirtschaft auf Kosten des Auslands“, kritisierte Jürgen Matthes, Ökonom für Internationale Wirtschaftspolitik am arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft, den Rekordüberschuss. Weitere Handelskonflikte seien deshalb unvermeidbar.
China wehrt sich gegen die Vorwürfe des Westens
Der Wechselkurs gleicht die unterschiedlichen Preisentwicklungen bisher nicht aus, sondern verstärkt sie eher. Innerhalb des vergangenen Jahres hat der Euro gegenüber dem chinesischen Yuan um knapp ein Zehntel aufgewertet, chinesische Produkte wurden dadurch günstiger. Zuletzt wertete der Yuan leicht auf. Eine deutlichere Aufwertung bezeichnete IW-Ökonom Matthes als unwahrscheinlich. Deshalb brauche die EU ein Instrument, „um auch gegen Währungsverzerrungen mit Ausgleichszöllen vorzugehen“.
Europäische Politiker, darunter Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Frankreichs Präsident Emanuel Macron, haben immer wieder eine robustere Handelspolitik gegenüber China gefordert. Vereinzelt gab es Untersuchungen und höhere Zölle, die sich bisher aber nicht in den Handelsbilanzen niederschlagen. Erst in dieser Woche hatte Brüssel die Zölle auf chinesische Elektroautos aufgeweicht und den Exporteuren stattdessen die Möglichkeit eingeräumt, Mindestpreise mit der Kommission zu vereinbaren.
China wehrt sich stets gegen die Vorwürfe aus dem Westen. Solange dieser selbst Exportüberschüsse erwirtschaftet habe, habe er damit keine Probleme gehabt, heißt es von nationalistischen Kommentatoren immer wieder. Gleichzeitig gibt man dem Westen selbst die Schuld. Die Exportkontrollen auf Hightech-Produkte hielten China davon ab, mehr zu importieren, sagte Wang Jun, Vizeminister der chinesischen Zollbehörde, am Mittwoch. Die USA und ihre westlichen Partner schneiden China von den neuesten Computerchips und Maschinen für deren Produktion ab. Zuletzt weichte US-Präsident Donald Trump diese Exportkontrollen für Halbleiter des US-Konzerns Nvidia aber auf, stattdessen bremst nun selbst Peking deren Import, um die eigenen Chiphersteller zu schützen.
Im abgelaufenen Jahr führte der von Trump angezettelte Zollkrieg dazu, dass der direkte Handel zwischen den beiden größten Volkswirtschaften einbrach. Chinas Produkte stießen dafür anderswo auf reges Interesse. Während die Ausfuhren in die USA um ein Fünftel sanken, legten jene nach Südostasien um mehr als 13 Prozent zu und standen für knapp 18 Prozent aller chinesischen Ausfuhren. In die USA ging nur noch ein Neuntel aller Waren.
Stattdessen kauften die EU (plus 8,4 Prozent) und im Speziellen Deutschland deutlich mehr Produkte aus China. Die Lieferungen in die Bundesrepublik legten um mehr als ein Zehntel zu, die Einfuhren aus Deutschland gaben um mehr als zwei Prozent nach. Der Handel mit Russland büßte erstmals seit fünf Jahren deutlich ein. Chinas Ausfuhren in das Partnerland sanken um mehr als zehn Prozent. Hauptgrund war, dass die russische Führung chinesische Autos stärker aus ihrem Markt fernhält.