Auktionshaus Felzmann: „Solche historischen Zeugnisse gehören nicht in private Haushalte“

Am vergangenen Montag sollten beim Auktionshaus Felzmann in Neuss historische Dokumente aus der Sammlung eines „privaten NS-Forschers“ versteigert werden. Die Auktion löste sowohl bei Forschungseinrichtungen wie dem Fritz Bauer Institut in Frankfurt am Main als auch in der Presse Empörung aus und wurde daraufhin abgesagt. Wie blicken Einrichtungen wie das Deutsche Historische Museum in Berlin (DHM) auf den Sammlermarkt für Briefe, Akten und andere Zeugnisse der nationalsozialistischen Diktatur?

DIE ZEIT: Herr Backhaus, das Auktionshaus Felzmann wollte ein Konvolut mit dem Titel Das System des Terrors, Volume II, 1933–1945 versteigern, darunter den Brief eines polnischen Auschwitz-Häftlings aus dem Jahr 1940 (Startpreis 180 Euro), die Gestapokarteikarte mit Informationen zur Hinrichtung eines jüdischen Bewohners des Ghettos Mackheim in Ostpreußen (350 Euro) und einen Judenstern für Schutzhäftlinge im Konzentrationslager Buchenwald (350 Euro), laut Auktionsbeschreibung mit „Gebrauchsspuren“. Vor wenigen Tagen wurde der Verkauf abgesagt. Wären die Objekte für Sie als Sammlungsdirektor des DHM von Interesse?

Fritz Backhaus: Nach allem, was ich über die angebotenen Schriftstücke gelesen habe, handelt es sich um aufschlussreiche Quellen zur Geschichte des Holocaust. Für Museen wie das Deutsche Historische Museum oder NS-Gedenkstätten wären sie von großem Interesse. Solche historischen Zeugnisse gehören an Orte, an denen sie fachgerecht aufbewahrt werden, der Forschung zugänglich sind und der Geschichtsvermittlung dienen können, nicht in private Haushalte.

ZEIT: Werden Sie oder Kollegen aus anderen Institutionen nun versuchen, die Sammlung des ominösen „privaten NS-Forschers“ zu erwerben, wie es in der Beschreibung hieß?

Backhaus: Was das DHM angeht, gibt es bislang keine Initiative. Es dürfte auch schwierig werden, da das Auktionshaus vermutlich verpflichtet ist, die Anonymität des Verkäufers zu wahren.

ZEIT: Die geplante Versteigerung von Briefen aus nationalsozialistischen Ghettos haben viele als zynisch empfunden, als Kommerzialisierung historischen Leids. Sehen Sie das ähnlich?


Auktionshaus Felzmann: Fritz Backhaus, Sammlungsdirektor des Deutschen Historischen Museums

Fritz Backhaus, Sammlungsdirektor des Deutschen Historischen Museums

Backhaus: Aber ja, ich verstehe diese Empörung. Die Ankündigung der Auktion ließ jede Sensibilität im Umgang mit den Zeugnissen von Terror, Mord und menschlichem Leid vermissen. Insbesondere wurde keine Rücksicht auf die Persönlichkeitsrechte der Opfer genommen und Fragen möglichen unrechtmäßigen Erwerbs nicht ausreichend thematisiert. Es ist gut, wenn dieser Skandal eine Debatte über den Umgang mit historischen Zeugnissen des NS und deren Kommerzialisierung anstößt. Im Einzelfall muss man natürlich genau hinsehen. Wer verkauft hier was in welcher Absicht? Will hier ein Nachfahre von Tätern die Dokumente begangenen Unrechts noch im Nachhinein finanziell ausbeuten? Oder bieten Nachkommen aus einer Familie von NS-Verfolgten private Briefe und andere Schrift- oder Erinnerungsstücke an? Wer auf dem freien Markt Dokumente und anderes erwirbt, bewegt sich schnell in einer Grauzone.

ZEIT: In einer Presseerklärung hat das Auktionshaus Felzmann am vergangenen Montag auf die öffentliche Kritik reagiert. Darin heißt es, dass es durchaus üblich sei, solche Dokumente auf den Markt zu bringen – und dass zu den Kunden des Hauses auch Museen zählten. Kaufen auch Sie auf Auktionen historische Dokumente oder Artefakte für das DHM?

Backhaus: Ja, das tun wir. Und zwar aus allen Epochen, das DHM präsentiert ja die gesamte deutsche Geschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Entsprechend stehen wir in Kontakt zu den unterschiedlichsten Händlern, Sammlern und auch Auktionshäusern, die auf historische Artefakte spezialisiert sind.

Wir wollen nicht, dass unser Geld in rechte Netzwerke fließt.

Fritz Backhaus

ZEIT: Und Sie erwerben auf solchen Auktionen auch Gegenstände aus der NS-Zeit?

Backhaus: Ja, aber eher selten.

ZEIT: Haben Sie es öfter mit dubiosen Angeboten zu tun?

Backhaus: Immer wieder. Dabei kann es sich um Fälschungen handeln, etwa um angebliche Aquarelle Adolf Hitlers. Wobei ich klarstellen muss: Die allermeisten Objekte, gerade aus der Zeit des Nationalsozialismus, kommen als Schenkung zu uns – von Menschen, die Dokumente oder Gegenstände auf dem Dachboden entdecken oder den Nachlass verstorbener Verwandter sichten. So gelangen immer wieder Tagebuchaufzeichnungen, Briefe und Fotos in unsere Sammlung, die sonst vielleicht verloren gehen würden. Oft stammen sie aus Familien, deren Vorfahren zu den Tätern oder auch nur zu den „Mitläufern“ gehörten, manche aber auch von Nachkommen der Opfer des NS-Terrors.

ZEIT: Gibt es für Sie beim Ankauf Ausschlusskriterien?

Backhaus: Wir sind verpflichtet, nichts anzukaufen, was in einem Unrechtskontext erworben worden ist. Soweit dies möglich ist, prüfen wir vor dem Erwerb die Provenienz der Objekte. Wir wollen außerdem nicht, dass unser Geld in rechte Netzwerke fließt, die mit Nazi-Objekten und -Memorabilia handeln. Letztlich ist es eine Abwägungssache, in der ethische, rechtliche und wissenschaftliche Kriterien in Einklang zu bringen sind. Prinzipiell gilt: Wenn wir ein ungutes Gefühl bei einem Angebot haben, lassen wir lieber die Finger davon.