Auftrieb am Auktionsmarkt: Diese Millionenkunst soll Frühlingsgefühle wecken

Die Beziehung zwischen Dänemark und den Vereinigten Staaten ist derzeit nicht gerade die beste, doch die größte Sammlung dänischer Kunst außerhalb des Königreichs befindet sich in amerikanischer Hand. John L. Loeb Jr. war von 1981 bis 1983 US-Botschafter in dem skandinavischen Land und begeisterte sich auch für dessen Kunst – Maler wie Vilhelm Hammershøi, deren Werke er zu kaufen begann und neben amerikanischen in der Botschafterresidenz ausstellte. Nach seiner Rückkehr in die USA organisierte er dort Ausstellungen aus seiner stetig wachsenden Sammlung, die schließlich etwa 150 Arbeiten umfasste. Nun hat der Neunzigjährige sie dem Auktionshaus Phillips zum Verkauf anvertraut. Über mehrere Auktionen verteilt kommt sie kommende Woche in London und im Mai in New York zum Aufruf. Erwartet wird ein Gesamterlös von gut zwölf Millionen Dollar.

Das Spitzenlos bei Phillips’ „Modern & Contemporary Art Evening Sale“ am 5. März in London ist Hammershøis „Interior of Woman Placing Branches in Vase on Table“ (Taxe 1,5 bis zwei Millionen Pfund) aus dem Jahr 1900, mit der für seine Gemälde typischen evozierten Stille und durch Grautöne erzeugten spröden Kühle. Hammershøi erfreut sich seit einigen Jahren wachsender Beliebtheit: 2024 eröffnete die Galerie Hauser & Wirth in Basel neue Räume mit einer Ausstellung seiner Interieurs, das Museo Thyssen-Bornemisza in Madrid widmet ihm gerade eine Retrospektive.

Bei Phillips: Vilhelm Hammershøi, „Interior of Woman Placing Branches in Vase on Table“, 1900, Öl auf Leinwand, 40 mal  39,1 Zentimeter, Taxe 15.5 bis zwei Millionen Pfund
Bei Phillips: Vilhelm Hammershøi, „Interior of Woman Placing Branches in Vase on Table“, 1900, Öl auf Leinwand, 40 mal  39,1 Zentimeter, Taxe 15.5 bis zwei Millionen PfundPhillips

Zu den teuersten Losen in der Auktion gehören außerdem das Porträt „Mao“ (1,4/1,8 Millionen) von Andy Warhol und ein Militärhubschrauber mit rosa Schleifen von Banksy, „Happy Choppers“ (1/1,5 Millionen). Aus einer belgischen Sammlung kommt Tracey Emins Gemälde „An insane desire for you“ (600.000/800.000). Ihre Soloschau in der Tate Modern wurde gerade eröffnet. Die Auktion soll mit 29 Losen zwölf bis 17 Millionen Pfund einspielen. Inklusive der Tagesauktion will Phillips in der kommenden Woche in London 18,7 bis 26,5 Millionen Pfund umsetzen.

Die „Modern & Contemporary Evening Auction” bei Sotheby’s am 4. März führt 54 Lose, die gemeinsam 96,7 bis 135,9 Millionen Pfund einbringen sollen. Das ist weit mehr, als die entsprechende Auktion im vergangenen Jahr erlöste, die mit 34 Losen auf 62,5 Millionen kam. Zusammen mit den Tagesauktionen sowie dem „David Hockney Sale: The Arrival of Spring“ mit sechzehn auf Drucken von iPad-Gemälden peilt das Haus einen Umsatz zwischen 113 und 160,8 Millionen Pfund an. Unter den Highlights der Abendauktion sind fünf Werke von Lucio Fontana aus einer deutschen Privatsammlung, aus der außerdem eine Arbeit von Alberto Giacometti und ein Werk von Sam Francis kommen. Fontanas künstlerische Sprache ist vollständig erfasst, von frühen Leinwand-Perforationen zu einzelnen Schnitten, Skulpturen und dreidimensionaler Malerei. Ein großes, schwarz-grünes „Concetto spaziale“ ist auf 8,5 bis 12 Millionen Pfund taxiert und teilt sich die Spitzenposition mit Francis Bacons „Self-Portrait“ aus dem Jahr 1972, das ebenso auf bis zu zwölf Millionen geschätzt ist.

Star bei Sotheby's: Francis Bacon, „Self-Portrait“, 1972, Öl auf Leinwand, 36 mal 30,5 Zentimeter, Taxe acht bis zwölf Millionen Pfund
Star bei Sotheby’s: Francis Bacon, „Self-Portrait“, 1972, Öl auf Leinwand, 36 mal 30,5 Zentimeter, Taxe acht bis zwölf Millionen PfundSotheby’s / VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Bacons Gemälde gehört zu einem Quartett von Werken der „School of London“, eingeliefert aus der Lewis Collec­tion, zu der auch Lucien Freuds Akt „Blond Girl on a Bed“ (6/8 Millionen) aus dem Jahr 1987 zählt. Es ist ein, wie Freud es nannte, „nacktes“ Porträt, in dem der Betrachter die Selbstwahrnehmung des mit all seinen Unvollkommenheiten ungeschützt dem Blick ausgesetzten Modells spürt. Die französische Moderne, vertreten durch Monet, Signac und Léger, vervollständigt das Angebot.

Christie’s reiht am 5. März gleich drei Abendauktionen aneinander: Den „20th/21st Century: London Evening Sale“ mit 40 Losen und einer Gesamttaxe von 87,4 bis 131,3 Millionen Pfund, den „The Art of the Surreal Evening Sale“ mit 27 Losen und einer Erwartung von 27,4 bis 42,7 Millionen sowie eine Auktion aus der belgischen Privatsammlung Vanthournout (siehe unten stehenden Artikel), die mit 31 Losen auf 28 bis 43 Millionen erreichen soll. Hinzu kommen sechs Tages- und Onlineauktionen, darunter die deutsche „Hegewisch Collection Part II“ mit einer oberen Gesamttaxe von 2,7 Millionen. Die gesamte Londoner Woche soll Christie’s zwischen 173,8 und 263,3 Millionen Pfund in die Kassen spülen. Im vergangenen Jahr lag die obere Gesamterwartung bei nur 167,5 Millionen.

Noch mehr britische Kunst bei Sotheby's: Lucian Freud, „Blond Girl on a Bed“, 1987, Öl auf Leinwand, 40,6 mal 50.8 Zentimeter, Taxe sechs bis acht Millionen Pfund
Noch mehr britische Kunst bei Sotheby’s: Lucian Freud, „Blond Girl on a Bed“, 1987, Öl auf Leinwand, 40,6 mal 50.8 Zentimeter, Taxe sechs bis acht Millionen PfundSotheby’s

Als Spitzenlos des „20th/21st Century: London Evening Sale“ tritt Wassily Kandinskys „Le rond rouge“ (10,5/15,5 Millionen) an. Der Einlieferer zahlte für das Werk 2018 bei Sotheby’s mit Aufgeld 20,6 Millionen Dollar. Eine monumentale Bronze von Henry Moore, „King and Queen“ (10/15 Millionen), erinnert daran, dass im Mai in den Kew Gardens in London die größte je veranstaltete Freiluftausstellung mit Skulpturen Moores stattfinden wird. Von Gerhard Richter ist das Landschaftsbild „Schober“ (6/9 Millionen) dabei. 2017 erzielte es bei Christie‘s 6,9 Millionen Dollar mit Aufgeld.

Ein weiterer Gerhard Richter bei Christie's: „Abstraktes Bild“, 1991, Öl auf Leinwand, 112 mal 102 Zentimeter, Taxe 4,5 bis 6,5 Millionen Pfund
Ein weiterer Gerhard Richter bei Christie’s: „Abstraktes Bild“, 1991, Öl auf Leinwand, 112 mal 102 Zentimeter, Taxe 4,5 bis 6,5 Millionen PfundChristie’s

Das teuerste Los der Surrealismus-Auktion, die 1989 bei Christie’s eingeführt wurde, ist Magrittes „Les grâces naturelles“ (6,5/9,5 Millionen). Es hing lange als Leihgabe im Musée Magritte in Brüssel und zeigt Zwittergestalten zwischen Blatt und Vogel. In Dorothea Tannings frühem surrealistischen Gemälde „Children’s Games“ (1/2 Millionen) aus dem Jahr 1942 reißen zwei energische Mädchen Tapete von der Wand und legen darunter verborgene, nackte Körper frei. Wie die im Vergleich zu den Frühjahrsterminen des vergangenen Jahres deutlich höheren Gesamttaxen nahelegen, setzen die Auktionsunternehmen – und der Standort London – den seit Herbst zu beobachtenden, zögerlichen Aufwärtstrend im oberen Marktsegment weiter fort.

Source: faz.net