„Auf welcher Albtraum-Skala von eins solange bis zehn war dasjenige eine glatte 20“, sagt welcher SPD-Wahlkampfmanager
Der SPD-Wahlkampfmanager blickt auf den Wahlabend von Rheinland-Pfalz zurück. Obwohl Ministerpräsident Schweitzer bei den persönlichen Werten stets vor seinem Kontrahenten gelegen hat, unterlag Stauss mit seiner Kampagne erstmals dem CDU-Kandidaten.
Noch Anfang März hatte er sich „extrem zuversichtlich“ gezeigt. Auf die Einschätzung seines Podcast-Partners Hajo Schumacher, dass es für den Ministerpräsidenten Alexander Schweitzer „deutlich knapper“ in Rheinland-Pfalz aussehe als für den Grünen-Politiker Cem Özdemir bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg, erwiderte Frank Stauss: „Nein, das sehe ich ehrlich gesagt nicht so.“ Auch bei der vorangegangenen Wahl habe die SPD erst wenige Tage vor dem eigentlichen Termin die konservative Konkurrenz in Umfragen überholt. „Die CDU hat deutlich unterperformt und die SPD hat überperformt.“
Seit Jahrzehnten ist Stauss für die SPD als Wahlkampfmanager tätig. Allein in Rheinland-Pfalz hat er bislang fünf Kampagnen geleitet, angefangen mit dem Spitzenkandidaten Kurt Beck, mit dem er 2006 die absolute Mehrheit hatte erringen können. Mit dem amtierenden Ministerpräsidenten Schweitzer musste sich der Werbetexter nun erstmals dem CDU-Kontrahenten geschlagen geben. „Wenn du es dreimal hintereinander in deine Richtung kippst, gibt es keine Garantie, dass es beim vierten Mal auch in deine Richtung kippt“, sagte er in seinem Podcast „Elefantenrunde“.
„Es war natürlich ein irrsinniger Schlag in die Magengrube“, konstatierte Stauss. Sowohl der Ministerpräsident als auch die Wahlkämpfer hätten „seit Wochen und Monaten unter Dauerstrom“ gelaufen. „Auf der Albtraum-Skala von eins bis zehn war das natürlich eine glatte 20.“
„Ab 14:00 Uhr fangen irgendwelche Nerds an, Zahlen zu verschicken – oder angebliche Zwischenstände. Meine Faustregel seit einigen Jahren ist, ich glaube keine Zahl vor 17:00 Uhr“, berichtete Stauss über die vorab in Umlauf gebrachten geheimen Daten, die den Parteien helfen sollen, sich auf das kommende Ergebnis einzustellen. In diesen habe die SPD stets geführt. Um 17:00 Uhr habe die CDU erstmals vor den Sozialdemokraten gelegen, erinnerte sich Schumacher. „Das war die erste der ganzen vielen Zahlenkolonnen, die mit der Realität zu tun hatte.“
Alexander Schweitzer sei zwar beliebt gewesen bei jenen, die ihn kennen, insgesamt aber noch zu unbekannt. Er hätte erst diese Wahl „überstehen müssen“, um sich einen ähnlichen Bekanntheitsgrad erarbeiten zu können, wie ihn Kurt Beck oder Malu Dreyer im Bundesland erreicht hatten. Nur eineinhalb Jahre in der Position des Ministerpräsidenten sei „eine verdammt enge Zeit“ gewesen.
Bei den persönlichen Werten hätte der SPD-Politiker dennoch stets vorne gelegen. „Natürlich lag Schweitzer vor Schnieder, aber – und das hat mir schon deutlich zu denken gegeben in der letzten Woche – wir waren irgendwo bei 40-42 Prozent steckengeblieben und Schnieder holte eigentlich permanent auf“, führte der Wahlkampfmanager aus. „Jetzt saufen sie sich den Schnieder schön“, habe er gedacht.
Die Stimmung gegen die SPD habe sich verfestigt. „Eigentlich komme ich mit denen nicht mehr klar“, sage eine zunehmende Anzahl an Menschen über die Partei. Deswegen sei es anders als in der Vergangenheit auch nicht gelungen, entgegen der strukturkonservativen Bevölkerung des Landes CDU-Wähler zu den Sozialdemokraten zu holen. Zudem hätten die Konservativen „eine sehr, sehr klare Strategie“ verfolgt und es – wie zuvor bereits Manuel Hagel in Baden-Württemberg – vermieden, in Richtung AfD zu blinken.
Das bedeutendste Thema bei der Wahlentscheidung sei die Wirtschaft gewesen, gefolgt von sozialem Zusammenhalt und Bildung. Bei Wirtschaftsfragen habe die CDU schlicht bessere Kompetenzwerte als die Konkurrenz. Auf die Frage von Infratest dimap, wie die Menschen die allgemeine wirtschaftliche Lage einschätzten, hatten 34 Prozent ‚gut‘ und 61 Prozent ‚schlecht‘ geantwortet. „Dann ist natürlich sowas wie Wirtschaftskompetenz entscheidend“, unterstrich Stauss.
Auf die Frage nach der persönlichen Lage hatten wiederum 84 Prozent diese für gut befunden, 15 Prozent für schlecht. Für Amtsinhaber ergebe sich daraus eine problematische Situation, „weil im Moment die persönliche Zufriedenheit untergeordnet wird der gefühlten Unzufriedenheit mit allem – der gefühlten Unzufriedenheit mit der Wirtschaft, mit der Welt, mit dem Bundeskanzler, mit dem Vizekanzler, mit der Opposition. Die Leute sind einfach – ich sage es mal salopp – scheiße drauf.“
Ob auch eigene Fehler den Sieg Schweitzers verhindert hätten? „Ich sehe ehrlich gesagt an der Gesamtanlage des Wahlkampfes gar nicht viele Möglichkeiten, den anders zu machen“, sagte Stauss. Gordon Schnieder sei zwar „kein Charismatiker“, habe aber auch „keinen falschen Satz in die Kamera gesagt.“ Und was hält die Zukunft für den unterlegenen SPD-Politiker bereit? Schweitzer sei „eine Top-Reserve dieser Partei“, selbst wenn er nach seiner Niederlage zunächst für sich entscheiden müsse, ob er weitermachen möchte.
Source: welt.de