Auf dieser Messe Paris Photo: Strom ist dieser neue Entwickler

Wer die 28. Paris Photo durch den Seiteneingang betritt, landet zunächst in der Sonderausstellung „The Last Photo“, benannt nach einer Serie, für die die Brasilianerin Rosângela Rennó Fotografen bat, mit alten Kameras eine jeweils letzte Aufnahme zu machen, bevor sie die Objektive versiegelte. Es ist ihr Kommentar zum Ende der analogen Fotografie. Zugleich aber verbirgt sich dahinter die Frage, was bleibt und welche Bilder uns künftig begleiten werden: Fragen, die sich auch vor jedem der 133 Stände von Fotogalerien aus 33 Ländern im Grand Palais stellen.

Bot die Messe früher die Möglichkeit eines Spaziergangs durch den Kanon der Fotografiegeschichte, sind derlei Arbeiten nun eher rar. Spätestens am Stand der Galerie Paris-B springt einem das ins Auge. Dort zeigt das Künstlerpaar Brodbeck & de Barbuat mit „Une Histoire Parallèle“ die berühmtesten Aufnahmen der vergangenen 100 Jahre; allerdings eigentümlich interpretiert. Die beiden haben eine KI mit detaillierten Beschreibungen der Bilder gefüttert und die Texte in 217 wiedererkennbare Motive rückübersetzen lassen (Auflage 3, 3500 Euro) – dabei wimmelt es in den Bildern von zahllosen Fehlern. Was längst Eingang ins kollektive Gedächtnis gefunden hat, wird dadurch gleichsam zur Illustration falscher Erinnerungen, aber auch zum Exempel dafür, wie Fotografie künftig ohne Kamera funktionieren wird.

Es lohnt deshalb, noch einmal zurückzuschauen, wozu Hans Kraus aus New York etwa William Fox Talbots „Bust of Patroclus“ aus dem Jahr 1842 (150.000 Dollar) mitgebracht hat. Oder einen Blick in die Dunkelkammer am Stand der Pariser Galerie Bigaignon zu werfen, in der Renato D’Agostin für Käufer seiner Arbeiten (Auflage 25, 3950 Euro) live einen Testprint des gewählten Motivs abzieht. „Es weiß ja heute kaum noch jemand, wie das geht“, begründet das der Galerist. Es interessiere auch kaum noch jemanden, sagt dazu Tim Jeffrey von der Londoner Galerie Hamilton’s. Junge Leute kümmerten sich nicht mehr um den Unterschied zwischen einem Platindruck und einem Gelatine-Silber-Abzug. Lieber wischten sie übers Handy, als ein wertvolles Blatt zu betrachten.

Selbst die Besten haben zu kämpfen

Traditionell hat Hamilton’s den ungewöhnlichsten Stand, finster wie eine Grabkammer und früher ausgestattet mit Arbeiten im siebenstelligen Bereich. Aber die Zeiten seien vorbei. „We are struggling“, sagt Tim Jeffrey mit britischer Reserviertheit und macht dafür nicht nur die wirtschaftliche Situation einer unheilvollen Weltpolitik verantwortlich. Immerhin: Herb Ritts kostet 90.000 Euro.

Es knirscht auf dem Fotomarkt an etlichen Stellen. Seit die Frage nach der Haltbarkeit von Farbabzügen wie ein Damoklesschwert nicht nur über den Arbeiten der Becher-Schüler schwebt – von denen auf dieser Messe kaum welche zu sehen sind –, bereitet sich der Begriff „Longevity“ auch in der Fotoszene aus. Thomas Zander kontert mit lichtunempfindlichen Dye-Transfer-Prints von Helen Levitt, Joel Sternfeld oder William Eggleston (15.000 bis 90.000 Euro).

Dekonstruktion ist angesagt

Ein nicht minder großes Problem scheint ein generelles Misstrauen selbst der Fotografen in das eigene Medium zu sein. Als reiche der Abzug nicht aus, werden Bilder überklebt, übermalt oder vernäht, gefaltet und zerrissen. Bei Parrotta aus Köln kratzt ein Pendel im Dauerschwung die oberste Schicht und damit deren Nachricht aus 35 Blättern der Künstlerin Clare Strand (38.000 Euro samt Werkzeug), während Raphaelle Peria, Siegerin des BMW-Art-Makers-Preises mit einer Einzelausstellung im Grand Palais, tausendfach das Laub auf ihren Landschaftsaufnahmen so sorgfältig abgeschabt hat, dass es in zarten Fäden von den Abzügen hängt. David de Beyler (bei Bacqueville, 11.000 Euro) hat, um den mystischen Eindruck einer Ödnis bei Nacht zu betonen, eine Spur ins Negativ gekratzt, die wirkt wie der Lichterglanz eines vorüberfliegenden Ufos.

Andere drucken ihre Motive auf Blattgold, wählen die Technik tiefblauer Cyanotypien oder drucken Motive kreuz und quer bis zur Unkenntlichkeit übereinander, so Shirana Shahbazi für „Disruption“, in der sie in Robert-Rauschenberg-Manier ihre Erinnerung an den Iran verarbeitet (bei Peter Kilch­mann, Auflage 3, 23.000 Euro).

Klassische Straßenfotografie gibt es immer noch

Es gibt auch klassische Reportagen der humanistischen Fotografie aus den Vierziger- bis Sechzigerjahren, oft mit Bildern spielender Kinder: in Paris von Todd Webb (bei Augusta Edwards, ab 4500 Euro), in Rom von Carlo Bavagnoli (bei Admira, ab 2500 Euro), in Budapest von Gyula Zaránd (bei Olivier Waltman, ab 7000 Euro). Die berühmteste aller Serien der Straßenfotografie, Selbstporträts von Lee Friedlander als Schatten und Spiegelungen, zeigt Fraenkel als wandfüllendes Tableau – und hält ausgerechnet das bekannteste Bild in der Koje zurück (um 20.000 Dollar), weil es ja ohnedies jeder kenne. Und ja, es gibt eine Reihe von Aufnahmen, die aus keiner Fotogeschichte wegzudenken sind, erwartungsgemäß bei Howard Greenberg, etwa „Migrant Mother“ von Dorothea Lange („absolut sechsstellig“), und bei Bruce Silverstein; dort unter anderem den Paladium Print eines Palmenstamms von Edward Weston (375.000 Dollar).

Und wenn das Budget ein wenig knapper ist? Dann lohnt der Blick in die Kojen kleiner Galerien. Bei Ibasho aus Antwerpen gibt es prominente japanische Fotografen wie Moriyama und Hosoe, aber auch aufstrebende Talente wie Kumi Oguro, die sich mit Modellen im Atelier einsperrt und bezaubernde Traummomente von entrückter wie verängstigender Schönheit inszeniert (ab 1750 Euro).

Ganz vorne aber ist der Digitalbereich. Bildschirm versus Papier wird eine der Fragen der Zukunft sein, ohne dabei an die Haltbarkeit zu denken. Die Fotokunst ist auf dem Weg, im Elektronischen aufzugehen. Die Möglichkeiten sind unendlich. Die Zahl der Farbpixel hingegen ist begrenzt: auf 16.777.216. Adrian Sauer spielt konsequent die Möglichkeiten damit aus und dekliniert raffiniert die Fotografie von ihrer Geburtsstunde bis zum Verschwinden im Graurauschen durch (bei Klemm’s, Auflage 3, 11.000 Euro). Strom ist die neue Entwicklerflüssigkeit.

Source: faz.net