Auf die Energiekrise durch den Iran-Krieg ist niemand so gut vorbereitet wie China
Asiatische Länder importieren nahezu 60 Prozent ihres Erdöls aus dem Nahen Osten. Die Folgen des Iran-Krieges treffen sie hart. China hingegen hat still und leise Vorkehrungen getroffen – mit Wind-, Sonnenenergie und riesigen Vorräten
Chinas Photovoltaik-Industrie: Eine Arbeiterin fertigt am 17. Dezember 2024 in einer digitalen Werkstatt in Suqian in der chinesischen Provinz Jiangsu Photovoltaikprodukte
Foto: Imago/NurPhoto
Um 61 Prozent sind die Ölexporte aus dem Nahen Osten in den vergangenen Wochen eingebrochen. Das zeigen Daten des Schifffahrts-Tracking-Beratungsunternehmens Kpler. Länder in ganz Asien sind dadurch in Aufruhr – im Jahr 2025 waren sie zu 59 Prozent auf Rohölimporte aus dieser Region angewiesen. Jetzt sind sie gezwungen, Energie zu sparen.
Denn mit der Straße von Hormus ist eine der wichtigsten Wasserstraßen für den globalen Handel gesperrt. Energieanlagen in der gesamten Region stehen unter Beschuss mit Raketen und Drohnen. Somit stürzt der Krieg der USA und Israels gegen den Iran nicht nur den Nahen Osten in eine tiefe Krise.
Auf eine solche globale Krise bereitet sich Chinas Präsident Xi Jinping seit Jahren vor. Das Land müsse seine Energieversorgung „in eigene Hände“ nehmen, soll der Präsident 2021 bei einem Besuch eines der riesigen Ölfelder des Landes gesagt haben. China, die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, scheint sich heute tatsächlich in einer gänzlich anderen Lage zu befinden als ein Großteil des asiatischen Kontinents.
China importiert normalerweise etwa die Hälfte seiner Rohölvorräte aus dem Nahen Osten
Sein Energiesystem verfügt über „erhebliche Puffer“, erklärte Michal Meidan, Leiter der Forschungsabteilung für China am Oxford Institute for Energy Studies, einem unabhängigen Forschungsinstitut, in einer aktuellen Studie: von riesigen Reserven an Öl und Flüssigerdgas (LNG) bis hin zu einer robusten inländischen Versorgung, einschließlich alternativer Energiequellen wie Wind und Sonne.
China, das normalerweise etwa die Hälfte seiner Rohölvorräte aus dem Nahen Osten importiert, ist nicht so stark gefährdet wie andere asiatische Volkswirtschaften. „Das entspricht zwar einem sehr hohen Anteil, aber im Vergleich zu Japan, Indien oder Korea ist er begrenzt“, sagte Meidan. Japan beispielsweise bezieht etwa 95 Prozent seiner Ölimporte aus der Region.
China erhält weiter viel Öl aus dem Iran
Der Iran beliefert trotz des Krieges China als Hauptabnehmer seines Öls. Pekings Importe von iranischem Rohöl sind laut Schätzungen von Kpler nur geringfügig zurückgegangen, von 1,57 Millionen Barrel pro Tag im Februar auf 1,47 Millionen Barrel pro Tag im März.
Chinesische Schiffe, die von staatlichen Unternehmen betrieben werden, sind unterdessen in der gesamten Region im Einsatz. Der Supertanker „Kai Jing“ wurde Anfang dieses Monats umgeleitet, um saudisches Rohöl in einem Hafen am Roten Meer aufzunehmen, berichtete das chinesische Medienunternehmen Caixin, und soll Anfang April in China anlegen.
Seinen eigenen Öl-Export hat China nach Kriegsbeginn eingestellt
Und selbst wenn Peking gezwungen sein sollte, sich mit einer Versorgungskrise im Ausland auseinanderzusetzen, hat es still und leise einen außergewöhnlichen Vorrat angehäuft, um die Folgen eines größeren Schocks abzufedern. Peking gibt die Größe seiner Ölreserven nicht bekannt, und die Schätzungen gehen weit auseinander. Es herrscht jedoch weitgehend Einigkeit darüber, dass das Land über einen riesigen Vorrat verfügt: etwa 1,4 Milliarden Barrel, so das Center on Global Energy Policy der Columbia University. Nach Kriegsbeginn wies Peking seine eigenen Raffinerien an, den Export einzustellen.
Gleichzeitig hat der chinesische Staat versucht, seine wirtschaftliche Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu verringern. Laut der Internationalen Energieagentur werden in China jedes Jahr mehr Elektro- und Hybridfahrzeuge verkauft als im Rest der Welt.
Die Freigabe seiner strategischen Erdölreserve hat Peking nur einmal getestet
Die erneuerbaren Energiequellen des Landes haben in den letzten Jahren enorm an Bedeutung gewonnen und so die Abhängigkeit Chinas von fossilen Brennstoffen verringert. Der Energie-Thinktank Ember schätzt, dass Wind-, Solar- und Wasserkraft im Jahr 2024 etwa 31 Prozent des chinesischen Stroms erzeugten.
Doch je länger sich diese Krise hinzieht, desto komplizierter – und schmerzhafter – wird sie. Immun ist kein Land.
So sei die Freigabe von Energievorräten „leichter gesagt als getan“, gibt Michal Meidan zu Bedenken: Der Mechanismus für Chinas strategische Erdölreserve (SPR) sei bisher nur einmal getestet worden. „Eine weitere, umfangreichere Freigabe aus der SPR ist zwar nicht unmöglich, würde aber wahrscheinlich eine anhaltende Versorgungslücke und einen erheblichen Preisanstieg erfordern.“
Warum bei Xi Jinping & Co. die Alarmglocken trotzdem läuten
Unabhängige Raffinerien in China – die größten Importeure von iranischem Rohöl – sind am stärksten gefährdet, auch wenn sie sich Russland zuwenden. Auch die auf Flüssigerdgas (LNG) angewiesenen Industrie- und Chemiebranchen sehen sich mit der Aussicht auf höhere Preise und Versorgungsengpässe konfrontiert. „Während eine kurzfristige Unterbrechung noch zu bewältigen wäre, lassen die Aussicht auf langwierige Unterbrechungen und die damit verbundenen Preissteigerungen in Peking die Alarmglocken läuten“, sagte Meidan.
China ist besser als die meisten anderen Länder in der Lage, die wirtschaftlichen Gefahren der Gegenwart zu bewältigen, die der Krieg der USA und Israels gegen den Iran mit sich bringt. Doch seine Energieversorgung liegt trotz Xi Jinpings Vision nicht vollständig in seinen eigenen Händen. Sollten aus Wochen Monate werden und sollte der globale Energiemarkt weiter ins Wanken geraten, wird seine Widerstandsfähigkeit auf die Probe gestellt werden, genau wie die des Rests der Welt.
Dieser Text ist zuerst am 20. März 2026 erschienen.