Auf dem Spiel steht die Integrität dieser Biennale

Noch hat die Biennale von Venedig gar nicht begonnen, da stellt sich schon die Frage nach ihrer Zukunft. 183 Künstler und Kuratoren rufen zum Boykott ihrer israelischen Kollegen auf. So schlimm wie das Ansinnen sind die Formulierungen ihres Briefs.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Biennale von Venedig erneut zur propalästinensischen Plattform werden würde. Bereits 2024 forderten zahlreiche Stimmen des Kunstbetriebs den Boykott des israelischen Pavillons. Die Künstlerin Ruth Patir reagierte darauf, indem sie ihre Videoinstallation hinter verschlossenen Glastüren zeigte, die sie erst öffnen wollte, wenn Geiselnahme und Krieg endeten – was während der Laufzeit nicht geschah. Das hinderte Demonstranten jedoch nicht daran, zur Eröffnung im Giardini-Gelände zur Intifada und zur Vernichtung Israels aufzurufen. Die Idee der Völkerverständigung, für die die älteste Weltausstellung der Kunst steht, war damit ad absurdum geführt.

Am Vorabend der nächsten Biennale, die am 9. Mai beginnt, werden nun erneut Boykottaufrufe laut. Das Kollektiv Art Not Genocide Alliance (ANGA) fordert in einem offenen Brief an Präsident Pietrangelo Buttafuoco, den Pavillon des „genozidalen Staates“ geschlossen zu halten. Unterzeichnet wurde er von 183 ländervertretenden Künstlern, Kuratoren und Mitarbeitern. Israel soll als „Staat, der durch Genozid, ethnische Säuberung und Apartheid existiert“, von der Teilnahme ausgeschlossen werden – „in der tiefen Hoffnung auf die Wiedergeburt eines freien Palästinas“. Der Anspruch auf moralische Dringlichkeit verbindet sich hier mit einer Sprache, die keinen Raum für Differenzierung lässt.

Lesen Sie auch

Zur Begründung wird auf die Nakba verwiesen, die „Katastrophe“ der Vertreibung von rund 700.000 Palästinensern im Zuge der Staatsgründung Israels. In weiten Teilen islamistischer und linksintellektueller Milieus wird sie gerne mit dem Holocaust gleichgesetzt. Auch der Brief bedient sich dieser Strategie der Täter-Opfer-Umkehr: „Zionistische Kräfte töten, inhaftieren und verfolgen palästinensische Künstler und Kulturschaffende, zerstören Museen, Archive, Kulturzentren, Schulen, Universitäten, Bibliotheken, Galerien sowie historische Gebäude und Denkmäler vollständig und schlachten Künstler, Musiker, Dichter und Schriftsteller ab.“ Es ist verblüffend, dass Vertreter der internationalen Kunstszene ihre Namen unter Formulierungen setzen, die bewusst an die Sprache historischer Verfolgungsnarrative erinnern, speziell das der Juden durch die Nazis – und dieses zugleich verschieben.

Der Brief kommt in einem für Buttafuoco ohnehin schon schwierigen Moment. Während seine Wiedereröffnung des russischen Pavillons scharf kritisiert wird, führen die USA und Israel einen Krieg gegen Iran. Die Frage, wen man wann und ob überhaupt boykottieren sollte, stellt sich in diesem Licht noch einmal neu. Zugleich unterzeichneten den Brief auch Künstler aus Katar und Saudi-Arabien – Staaten, deren Regime Kritiker einschüchtern, inhaftieren und hinrichten. Deren Pavillons sind also ok, und die darin ausgestellte regimetreue Kunst auch?

Lesen Sie auch

Am Ende entlädt sich der Hass immer auf Israel und damit nach altem Vorbild auf jüdische Menschen: „Zionismus“ wird dämonisiert, während der Protest weitgehend ausblieb, als das iranische Regime tausende Menschen tötete oder im Sudan massive Gewalt gegen Zivilisten herrschte. Empörung wird also offenbar selektiv artikuliert – vor allem dort, wo sie sich gegen den „Globalen Norden“ richten lässt. Die moralische Empfindlichkeit scheint an geopolitische Narrative gebunden.

Es geht um die Integrität einer Institution

Dabei nimmt Israel weniger als 0,5 Prozent der Fläche des Nahen Ostens ein. Dennoch fungiert es seit den 1960er-Jahren als Projektionsfläche für Kolonialismus-, Imperialismus- und Kapitalismuskritik und gilt zugleich islamistischen Akteuren als Symbol des verhassten, säkularisierten Westens. Dass viele Israelis selbst vor antisemitischer Verfolgung in der Region flohen und Juden auch nach dem Holocaust keinen sicheren Ort hatten, gerät dabei aus dem Blick. Komplexität wird zugunsten eindeutiger Zuschreibungen ausgeblendet.

Lesen Sie auch

Genauso schweigt der Kunstbetrieb, wenn es um Gewalt und Cancelling gegen Israelis geht. So wurde etwa das Atelier des rumänisch-israelischen Künstlers Belu-Simion Fainaru nach der iranischen Bombardierung letztes Jahr völlig zerstört. Und seine Berliner Galerie Plan B strich ihn nach Bekanntwerden seiner Biennale-Teilnahme von ihrer Künstlerliste. Solche Beispiele stören das einseitige Narrativ des Kunstbetriebs und bleiben deshalb unerwähnt.

Doch wie kann es sein, dass die bedeutendste Kunstschau der Welt zu einem Ort wird, an dem sich jüdische Menschen nicht mehr sicher fühlen? Warum konnte ein künstlerischer Leiter unbeanstandet eine Karte posten, auf der Israel ausradiert war? Weshalb wird das Land in der Künstlerliste von Koyo Kouohs Hauptausstellung der Biennale nicht genannt, so als existiere es nicht?

Die Biennale von Venedig muss sich von solchen politischen Instrumentalisierungen klar distanzieren und dort eingreifen, wo Protest in Hassrede umschlägt. Zugleich stellt sich die grundsätzliche Frage: Wie politisch darf oder soll diese Biennale sein? Darf man zulassen, dass Katar sich für viel Geld einen Pavillon auf dem Giardini-Gelände kauft und regimetreue Werke zeigt, so wie es bei allen anderen undemokratischen Staaten der Fall ist, die inzwischen auf der Biennale vertreten sind? Und was bedeutet es für die Integrität einer Institution, wenn Staaten sich mit Geld und Einfluss Präsenz sichern und Protestgruppen Menschen verängstigen dürfen? Wenn die Kunst auf der Biennale nicht mehr an Qualität gemessen wird, sondern primär als politisches Vehikel dient, dann wäre der konsequenteste Boykott womöglich der der Biennale selbst.

Source: welt.de