Auf altem Kraftwerksgelände: Blackstone gibt vier Milliarden Euro zum Besten von NRW-Rechenzentrum

Für mehr als vier Milliarden Euro will die amerikanische Investmentgesellschaft Blackstone ein großes Rechenzentrum auf einem ehemaligen Kraftwerksgelände im westfälischen Lippetal bauen. Am Donnerstagabend sind Anwohner der Gemeinde im Kreis Soest über die Pläne informiert worden.

QST, die auf Rechenzentrums-Immobilien spezialisierte Tochtergesellschaft von Blackstone, ist einer der größten Anbieter auf dem Markt, bislang allerdings in Deutschland nicht präsent. In den Niederlanden hat QST schon Rechenzentren mit IT-Kapazitäten von vier Megawatt und 20 Megawatt gebaut, der geplante Campus soll mit 200 Megawatt aber deutlich größer werden. „Wir glauben, dass Deutschland und insbesondere Nordrhein-Westfalen attraktive Standorte für die Entwicklung von state-of-the-art Rechenzentren sind“, lässt sich James Seppala von Blackstone, der das Immobiliengeschäft in Europa verantwortet, in einer Mitteilung zitieren.

Für eine Fläche von rund 30 Hektar hat der Investor im Dezember einen Kaufvertrag mit der kommunalen Industriegebiet Westfalen GmbH unterzeichnet, die hälftig der Stadt Hamm und der angrenzenden Gemeinde Lippetal gehört und die das Brachgelände vermarktet. „Von dem Infrastruktureffekt, der durch ein Rechenzentrum solcher Größe ausgelöst wird, kann die gesamte westfälische Region profitieren“, sagt Hamms Oberbürgermeister Marc Herter (SPD) der F.A.Z. Er ist derzeit auch Aufsichtsratsvorsitzender der kommunalen Gesellschaft. „Bislang fehlt so eine Infrastruktur in unserer Region – und mit einer Ansiedlung würde das Tor in die digitale Welt weit aufgestoßen.“ In Westfalen sitzen viele große Mittelständler und Familienunternehmen, gerade mit Blick auf KI-gestützte Anwendungen werden die Übertragungsgeschwindigkeiten und damit die Entfernung zu Rechenzentren tendenziell wichtiger.

Zwar gibt es nach Zahlen der German Datacenter Association mehr als 2000 Rechenzentren in Deutschland, doch haben sich längst Cluster in Städten wie Frankfurt oder München gebildet. Der Bauboom in der Branche führt aber dazu, dass sich Unternehmen vermehrt auch dezentral umschauen: In Nordrhein-Westfalen etwa plant der amerikanische Technologiekonzern Microsoft große Rechenzentren im früheren Braunkohletagebau-Gebiet im Rheinischen Revier.

Gleiche Kapazität wie ein Milliardenprojekt in Brandenburg

Nochmals größer soll der Rechenzentrums-Campus in Westfalen werden. Die dort angepeilten 200 Megawatt Kapazität entsprechen auch dem Plan, den die IT-Gruppe des Einzelhandelskonzerns Schwarz in Lübbenau in Brandenburg hat. Im Spreewald soll auf einem ehemaligen Kraftwerksgelände ebenfalls ein riesiges Rechenzentrum entstehen, elf Milliarden Euro steckt Schwarz Digits in das Projekt, für das vor wenigen Wochen der erste Spatenstich gesetzt wurde. QTS, das in Lippetal die Infrastruktur errichtet, den Betrieb seiner Rechenzentren allerdings vornehmlich IT-Konzernen und Hyperscalern wie Amazon oder Microsoft überlässt, hat bis Baubeginn noch einige Schritte vor sich: Zunächst beginnt das Planverfahren, mit Bauanträgen wird in Hamm und Lippetal frühestens für 2028 gerechnet.

Das passt zeitlich mit anderen Infrastrukturplänen aber zusammen: Der Energiekonzern Amprion will auf dem ehemaligen RWE -Kraftwerksgelände Westfalen, das an das Industriegebiet angrenzt, einen Konverter errichten. Der soll von Anfang der 2030er-Jahre Gleichstrom in Wechselstrom umwandeln, und kann an zwei Verbindungen jeweils eine Leistung von zwei Gigawatt übertragen, was etwa vier Millionen Verbraucher versorgen könnte. Oder eben in Teilen auch die energieintensive Industrie. Denn der Konverter verteilt Strom weiter, der aus Windparks aus der Nordsee bis nach Westfalen transportiert wird. Der grüne Strom ist eine der Voraussetzungen für die Rechenzentrums-Ansiedlung, frisst der Betrieb doch enorm Strom.

Stromverbrauch von Rechenzentren ist enorm

Nach Daten der Internationalen Energieagentur soll der Stromverbrauch von Rechenzentren bis 2030 etwa drei Prozent des globalen Verbrauchs ausmachen. Einem Gutachten des Bundeswirtschaftsministeriums zufolge könnte sich der Stromverbrauch der Rechenzentren in Deutschland auf etwa 80 Terawattstunden (TWh) bis 2045 im Vergleich zu heute vervierfachen. Bis 2030 wird ein Anstieg auf 30 TWh erwartet.

Wie bei modernen Rechenzentren üblich, setzen die Betreiber auf Ökostrom und versprechen geschlossene Wasserkreisläufe. Gerade die Umweltauswirkungen dürften in den nächsten Monaten für Investor und Politik in der Bürgerbeteiligung zum Thema werden. Hamms Oberbürgermeister Herter sieht gute Voraussetzungen für die Zusammenarbeit: „Die Stadtwerke sind mit dem Investor im Gespräch, wie man die Abwärme in die kommunale Wärmeplanung einbauen kann, möglicherweise mit Fernwärme.“

Das Bundesdigitalministerium hat im Herbst Stellungnahmen zur „nationalen Rechenzentrumsstrategie“ eingesammelt, die im ersten Quartal dieses Jahres vorgestellt werden soll. Denn obwohl massiv ausgebaut wird, geht es anderswo schneller. Dadurch sinkt der Anteil an der globalen Rechenzentrums-Kapazität. Nach Zahlen des Digitalverbands Bitkom verfügt Deutschland derzeit über 2,7 Gigawatt (GW) IT-Anschlussleistung, China kommt auf 38 GW und die USA gar auf rund 48 GW.

Auch deshalb ist Deutschland interessiert daran, auch eine KI-Gigafabrik bauen zu können, in der speziell KI-Modelle und Anwendungen entwickelt, trainiert und eingesetzt werden. Solche riesigen Rechenzentren mit jeweils 100.000 Hochleistungschips (GPUs) will die Europäische Union mit insgesamt 20 Milliarden Euro fördern. Mehrere Bundesländer, Unternehmen und Organisationen sind daran interessiert, bei dieser Infrastruktur mitzubauen. Als regionale Bewerbung für solch eine KI-Gigafactory sollte der Plan von Blackstone und den Städten Hamm und Lippetal aber nicht missverstanden werden. „Wir verhandeln schon seit zwei Jahren darüber, also lange bevor die KI-Gigafactorys in Deutschland zum Thema geworden sind“, sagt Oberbürgermeister Herter. „Ob das eine Entwicklungsperspektive ist, kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen, das wäre zu früh.“