ASMR und dieser weltweite Boom sanfter Geräusche

Miss Mi

Stand: 06.03.2026 • 14:45 Uhr

Flüstern, Bürsten und raschelnde Seiten: Mit sanften Geräuschen sorgt die ASMR-Szene weltweit für Gänsehaut. Ein Social-Media-Trend verrät viel darüber, wie Klänge unser Wohlbefinden beeinflussen.

Von Natascha Pflaumbaum, HR

Kaum hörbares Flüstern. Fingernägel, die rhythmisch auf Glas tippen. Das leise Knistern von Papier direkt im Ohr. Was gewöhnlich klingt, fasziniert Millionen Menschen weltweit. Das Phänomen heißt ASMR. Die deutsche YouTuberin Miss Mi spricht leise, vertraulich. Ihre langen Gelnägel klicken rhythmisch auf einen Parfümflakon. Eine Bürste gleitet rauschend durch ihr Haar.

Vor laufender Kamera schminkt sich Miss Mi über 20 Minuten lang – ein sogenanntes „Beauty Role Play“. Um die 60.000 Menschen schauen ihr im Durchschnitt dabei zu. Für ASMR eigne sich „alles rund um Beauty“, sagt Miss Mi. Dazu gehörten Make-up-Geräusche „oder was ich so mit dem Mund nachmachen kann“.

Schmatzen und Knistern aktiviert Hirnareale

ASMR ist die Abkürzung für „Autonomous Sensory Meridian Response“: Bestimmte Geräusche lösen ein angenehmes Kribbeln auf der Haut aus. Dazu gehören „Mouth Sounds“, Mundgeräusche, „Tapping“, Tippen, und „Brushing“, also Bürsten oder Knistern. Flüsternd beschreibt Miss Mi jeden einzelnen Schritt ihres Make-ups. Ihre Zunge klickt dabei, sie schmatzt etwas. Auch das ist beabsichtigt, denn es löst ASMR aus.

Als Begriff tauchte ASMR erstmals um 2010 in den USA auf. Der amerikanische Physiologe Craig Richard untersuchte das Phänomen und stellte fest, dass ASMR-Reize Hirnareale aktivieren, die mit sozialer Nähe, Entspannung und Belohnung verbunden sind.

Sanfte Stimmen oder persönliche Zuwendung können Erinnerungen an fürsorgliche Momente wecken. Dabei werde unter anderem Oxytocin ausgeschüttet, ein Hormon, das mit Vertrauen und Wohlbefinden zusammenhängt.

ASMR-Effekte wissenschaftlich umstritten

Die deutsche Psychologin Franca Cerutti vom Podcast „Psychologie to go!“ bewertet das vorsichtiger: „Wir wissen, dass in diesen Hirnarealen neuronale Andockstellen für Oxytocin sitzen.“ Aber ob das Hormon tatsächlich ausgeschüttet wird, sei nicht bewiesen.

ASMR – lange unentdecktes Phänomen

ASMR-Geräusche sind für die einen wohltuend. Für andere können sie störend sein. „Misophonie“ nennt man dieses Phänomen: Geräusche wie Schlucken, Schmatzen, Schnarchen lösen bei Zuhörern dann Ekel oder Wut aus. Was bislang als individuelle Marotte abgetan wurde, wird jetzt erst wissenschaftlich untersucht.

Das Thema scheint wie gemacht für Social Media. Mitte der 2010er-Jahre wächst der ASMR-Trend rasant in sozialen Netzwerken, vor allem in den USA. Zu den international bekanntesten Vertreterinnen zählen die YouTuberin Maria Viktorovna und Creatorinnen wie ASMR Darling und Gibi ASMR. Ihre Videos erreichen ein Millionenpublikum. Einige Videos haben mehr als 30 Millionen Klicks.

Mit Perlen gefüllte Stressbälle als „Trigger“

Das Kribbeln im Gehirn ist kein Zufall. In der Szene spricht man von „Tingles“. Viele vergleichen das Gefühl mit sanften Berührungen – als würde einem jemand langsam über den Rücken streichen. Ausgelöst wird ASMR durch bestimmte Reize, sogenannte Trigger.

Neben klassischen Klopf- und Flüstergeräuschen verwenden ASMR-Creator wie Miss Mi auch mit kleinen Perlen gefüllte Stressbälle, die beim Drücken knistern. Sie gehörden zu den Lieblingstriggern von Miss Mi.

Mit 1,6 Millionen Followern auf YouTube und 4,2 Millionen auf TikTok gehört Miss Mi zu den bekanntesten Figuren der deutschsprachigen Szene. Im Mittelpunkt ihrer Videos stehen die Geräusche, die sie mit einem speziellen Mikrofon aufnimmt. „95 Prozent meiner Community nutzen meine Videos zum Einschlafen und Entspannen“, sagt sie.

Nähe, die im echten Leben nicht existiert

Menschen hören ihre Videos auch, um sich zu konzentrieren oder bei den Hausaufgaben fokussiert zu bleiben. ASMR-Inhalte, erklärt Miss Mi, seien „einfach eine neue moderne Form von Meditation“.

„Viele Menschen sind in dieser überreizten Welt auf der Suche nach Anschluss“, sagt die Psychologin Franca Cerutti und ergänzt: „Diese Geräusche suggerieren eine unglaubliche Nähe, die im echten Leben da draußen gar nicht existiert.“

Miss Mi pflichtet bei. Sie glaubt, es gebe in den Sozialen Medien „keine Community, die so nett und hilfsbereit ist wie die des ASMR-Contents“. Seit sechs Jahren produziert sie ASMR-Videos auf YouTube. Seit 2021 widmet sie sich hauptberuflich dieser Arbeit. Ihren Job bei einer Hamburger Medienagentur hat sie aufgegeben.

ASMR als „parasoziale Beziehung“

Heute lebt sie von ihrer Präsenz auf Social-Media-Plattformen wie YouTube, TikTok, Instagram, Snapchat und Spotify. Zusätzlich arbeitet sie mit Marken zusammen – etwa mit Herstellern von Zahnbürsten, die sie als „Trigger“ in ihren Videos einsetzt.

Was auf Social Media zwischen Creator und Publikum entsteht, beschäftigt auch die Psychologie. Die Psychologin Franca Cerutti spricht von einer „parasozialen Beziehung“, die hier aufgebaut wird. Es sei eine einseitige Interaktion.

ASMR-Produzenten machten ein vermeintliches Beziehungsangebot. Das Publikum, bei Miss Mi hauptsächlich junge Frauen um die 18 Jahre, habe das Gefühl, mit ihr befreundet zu sein. Darum sei der Erfolg ungebrochen. ASMR biete die „freundliche Präsenz einer anderen Person“ und gleichzeitig müsse man nichts zurückgeben.

Source: tagesschau.de