Arnis Vilks Sachbuch: Wie zwei Worte von Adam Smith die Welt eroberten

Im März jährt sich das Erscheinen von Adam Smiths „Wohlstand der Nationen“ zum 250. Mal. Zum zweihundertsten Jahrestag dieses Gründungsdokuments der modernen Ökonomie erschien die seither kanonische „Glasgow Edition“. Kanonisiert wurde in dieser Zeit zugleich ein Smith, der sich einem Minimalstaat verschrieben habe. Eine Schlüsselrolle für diese Deutung spielt die Reduktion des tausendseitigen Werks auf eine Metapher aus zwei Wörtern: „unsichtbare Hand“.

Der ebenso steilen wie langen Karriere dieser Metapher, die Smith ganz beiläufig verwendet, widmet der Mikroökonom Arnis Vilks einen prägnanten Essay. Er zeigt, wie sie bis heute zum vielleicht wichtigsten Leitmotiv der Mainstream-Ökonomie geworden ist – und welche Folgen ihre Anwendung auf die Wirtschaftspolitik der letzten fünfzig Jahre hatte. Seine Pointe: Politisch relevant sei die Metapher genau in dem Moment geworden, als die ökonomische Wissenschaft ihren argumentativen Gehalt widerlegt habe.

Adam Smith und der zwanglose Zwang des besseren Preises

Smith illustriert mit ihr seine gegen den Merkantilismus seiner Zeit gerichtete These: Wenn jedem Bürger die Freiheit gelassen werde, sein Kapital zum eigenen Vorteil einzusetzen, so sorge die unsichtbare Hand des Preismechanismus an Märkten meist für bessere Ergebnisse als die sichtbare Hand der Politik. Dass bei Smith allerdings der Staat eine wichtigere Rolle spielt als die des Nachtwächters, hat bereits einer der Vordenker der wirtschaftsliberalen Chicago School, Jacob Viner, in einem klassisch gewordenen Vortrag zum 150-jährigen Jubiläum des Werks nachgewiesen.

Arnis Vilks: „Im Griff der unsichtbaren Hand“. Mythos, Mathematik und Macher der Märkte.
Arnis Vilks: „Im Griff der unsichtbaren Hand“. Mythos, Mathematik und Macher der Märkte.Meiner Verlag

Dennoch wurde die unsichtbare Hand zum Emblem eines Wirtschaftssystems, das die Bedingungen für Freiheit, Ordnung und Wohlstand allein durch den zwanglosen Zwang des besseren Preises zu schaffen beansprucht, solange der Staat die Eigentumsrechte sichert.

Vilks erzählt die Karriere der unsichtbaren Hand als Geschichte der Rekonstruktion eines ihm schlicht erscheinenden Arguments durch immer komplexer werdende mathematische Modelle. Der Griff der unsichtbaren Hand ist für ihn der Kern eines Forschungsprogramms, der sich als resistent gegen seine Relativierung erweist. In der Politik von Margaret Thatcher bis Javier Milei entwickele er sich dann zum eisernen Griff einer immer extremer werdenden Ungleichheit und gefährde dadurch eben jene freiheitliche Ordnung, die zu begründen er angetreten war.

Vilks versteht es, die Dogmen- und Institutionengeschichte der Mainstream-Ökonomie als Bildungsreise zu erzählen. Auf dieser Reise geht es stilsicherer zu, als der alliterative Untertitel seines Essays vermuten lässt. Vilks nutzt den Spielraum, den ihm die essayistische Form zur Verknappung, Zuspitzung und gelegentlichen Polemik lässt.

Von Smiths Glasgow an den Genfersee und nach Cambridge

Er macht seine Sympathien für sophistizierte Marktkritiker wie Joseph Stiglitz oder Thomas Piketty sichtbar, vollzieht aber respektvoll und genau die intellektuellen Kraftakte nach, mit denen die unsichtbare Hand zunächst an Griff gewann, um ihn dann wieder zu verlieren – bis die Politik übernahm.

Die Reise führt von Smiths Glasgow an den Genfer See nach Lausanne, wo Léon Walras und dessen Schüler Vilfredo Pareto die smithianischen Intuitionen eines Gleichgewichts von Angebot und Nachfrage und der sich daraus ergebenden „optimalen“ Wohlstandsverteilung in mathematische Form gießen. Von da geht es weiter ins englische Cambridge von Alfred Marshall, der diese Form in einem An­dreaskreuz anschaulich macht.

Dessen Schüler John Maynard Keynes verkompliziert das Modell unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise. Doch flugs bändigt John Hicks die Marktkritik seines Lehrers mit einer Grafik, in der gleich zwei Kreuze zu ihrem Gleichgewichtspunkt konvergieren. Er bringt damit Keynes’ Heterodoxie in die „neoklassische Synthese“ der Nachkriegszeit, in der Markt und Staat sich in friedlicher Koexistenz ergänzen. In transatlantischer Eintracht erhält die Neoklassik Bündnisbeistand von Paul Samuelson in Cambridge, Massachusetts, sowie von Kenneth Arrow und Gérard Debreu in Chicago.

Vorbild der „eisernen Lady“

Arrow und Debreu sind es dann auch, denen in den Fünfzigerjahren der theoretische Beweis der Smith zugeschriebenen Intuition gelingt. Doch die unsichtbare Hand, die sie mathematisch nachbauen, erweist sich als angewiesen auf zahlreiche Prothesen: allseitig verfügbare Information, abnehmende Grenzerträge, perfekte Versicherungsmärkte und so fort.

Da trifft es sich gut, dass in Chicago seit den Zwanzigerjahren mit Frank Knight und Viner eine Schule entstanden ist, die auf einfachere Mathematik setzt. Sie schreibt später mit zunehmender Vehemenz die unsichtbare Hand des Marktes groß und redet die sichtbare des Staates klein. Popularisiert wird sie von Ökonomen und öffentlichen Intellektuellen wie Milton Friedman und Friedrich von Hayek. Mit Letzterem begibt sich Vilks dann zurück an den Genfer See, wo der Österreicher bereits 1947 am Fuße des Mont Pèlerin eine Gesellschaft gründete, die den „Neoliberalismus“ statt in mathematische in institutionelle Form brachte. Auf ihn beruft sich später die „eiserne Lady“.

Vilks schließt mit einem Blick auf die Zunahme der Vermögensungleichheit, die er auf diese Wende zurückführt und in Diagrammen aus Pikettys und Stiglitz’ Datenbank demonstriert. Seine Beobachtungen sind erhellend, zumal er deren von Piketty unterstellte Zwangsläufigkeit mit einem einfachen mathematischen Modell infrage stellt. Staatsquoten, Staatsschulden und Bürokratisierung diskutiert er nicht. Auch die Einsichten der empirisch statt mathematisch argumentierenden Verhaltensökonomie vernachlässigt Vilks – vielleicht aus Platzgründen.

Zu weit geht Vilks allerdings mit seinem Schluss von der mathematischen Relativierung der unsichtbaren Hand auf die Widerlegung der ihr zugrunde liegenden Intuition. Das ist schade in Zeiten, in denen Netzwerkunternehmen im Verein mit einer Renaissance des Merkantilismus die Rolle von Märkten in der alltäglichen Praxis des Wirtschaftens infrage stellen. Vielleicht ist das die eigentliche Pointe des Essays: dass er zu einer Zeit erscheint, in der von der argumentativen Kraft der unsichtbaren Hand nur noch die Rhetorik von der angeblich alternativlosen Entkernung öffentlicher Institutionen übrig geblieben zu sein scheint.

Arnis Vilks: „Im Griff der unsichtbaren Hand“. Mythos, Mathematik und Macher der Märkte. Felix Meiner Verlag, Hamburg 2025. 158 S., br., 16,90 €.

Source: faz.net