Armutsbetroffen und seelisch laborieren? Reiß dich doch zusammen!
Das Vorurteil „Man ruht sich auf Krankheiten aus“ kommt nicht aus der Medizin. Sondern es basiert auf Arbeits- und Leistungsideologien. Der historische Ursprung ist besonders im deutschsprachigen Raum in der protestantischen Arbeitsethik zu finden. Arbeit gilt als moralischer Wert, Leistung als Tugend. Wer untätig ist, scheint moralisch verdächtig. Insofern man nicht bettlägerig ist, eine sichtbare Verletzung trägt oder Fieber hat, werden andere Krankheiten, die nicht eindeutig erkennbar sind, als „Schwäche“ oder Ausrede ausgelegt.
Das kommt Ihnen sicher bekannt vor, denn in der Debatte um Arbeitsunwillige wird vielen Arbeitsunfähigen genau dieses unterstellt. Erwerbslose geraten schnell unter Generalverdacht. Doch woher kommt diese Vorstellung?
Während der Industrialisierung galt der Körper als Produktionsressource. Anwesenheit war wichtiger als Gesundheit. Nichtanwesenheit führte zu Produktionsausfall. Daraus entwickelte sich die Idee: Wer nicht eindeutig arbeitsunfähig ist, der könne ja eigentlich arbeiten.
Diese Denkweise entwertet unsichtbare Krankheiten. Schmerzen, Erschöpfung, psychische Erkrankungen, Autoimmunerkrankungen, Migräne und Long Covid sind nicht auf den ersten Blick als Krankheiten zu erkennen. So kommt es dazu, dass Außenstehende diese Erkrankungen als weniger real ansehen. Auch die Aussage, psychisch krank zu sein, erzeugt bei Menschen ohne eigene Erfahrungen oder medizinisches Wissen Misstrauen. „Wenn du stehen, sprechen, schreiben und Bahn fahren kannst, dann kannst du auch arbeiten“, lautet die Schlussfolgerung.
„Krankfeiern“ als Vorwurf ist statistisch unbegründet
Gesellschaftlich besteht eine große irrationale Angst, dass Kranke das System ausnutzen, indem sie „krankfeiern“, und so unberechtigt Leistungen beziehen. Dass diese Ängste statistisch unbegründet sind, spielt für das kollektive Empfinden leider keine Rolle. Subjektive Erfahrungswerte werden verallgemeinert: Der Kollege hätte ja mal „krankgemacht“. Dass der Kollege vielleicht eine nicht sichtbare Erkrankung hat, über die er nicht sprechen möchte, daran wird kaum gedacht.
Neid und Missgunst tragen zur Manifestierung der Vorurteile bei. Diejenigen, die unterstellen, sich auf Krankheiten auszuruhen, sind oft selbst überlastet und empfinden die Ruhephase, die der Kranke sich nimmt, als ungerechtfertigt. Krankheit wird als vermeintlicher Vorteil in einem für alle ungesunden System gesehen.
Präsent zu sein, obwohl man krank ist, schadet. Es ist erwiesen, dass ein kranker Mitarbeiter bei der Arbeit einen größeren finanziellen Verlust darstellt, als ein Mitarbeiter, der sich zu Hause auskuriert. Krank zur Arbeit zu gehen, ist aus wirtschaftlicher und gesundheitlicher Sicht kein Kavaliersdelikt, sondern verursacht immense Kosten und Risiken für alle Beteiligten. Ist jemand krank, macht er Fehler, ist weniger produktiv und hat ein größeres Unfallrisiko.
Bei psychischen Erkrankungen ist das Vorurteil, dass man sich auf seiner Krankheit ausruhe, besonders groß. Denn Betroffene können schreiben, lachen, sprechen, und wirken „normal“. Daraus entsteht der Trugschluss, die Person könne ja alles ohne Probleme schaffen, daher könne sie auch arbeiten. Übersehen wird dabei, dass Arbeit Konzentration, Belastbarkeit und soziale Interaktion bedeutet.
Erkrankungen als persönliches Problem
Psychische Erkrankungen sind tückisch. Sie machen sich meist erst unter Stress bemerkbar und verschlimmern sich bei Dauerstress. Sie betreffen die Emotionsregulation, den Antrieb, die Stressverarbeitung, den Schlaf-Wach-Rhythmus und den Selbstwert.
Inwieweit man eine psychische Erkrankung kontrollieren kann, wird überschätzt. Viele glauben, psychisch hieße, dass es eine Einstellungssache sei, was nicht den Tatsachen entspricht. Aussagen wie „Reiß dich zusammen“, „Denk doch mal positiv“ und ähnliche Sätze, die aufmuntern sollen, helfen den Betroffenen nicht.
Psychische Erkrankungen sind schwankenden Verläufen unterworfen und es kann jederzeit zu Rückfällen kommen. Das macht Angst. Denn unbewusst denken viele Menschen: „Ich bin auch erschöpft, aber mache weiter“ oder „Warum kannst du dir jetzt die Auszeit erlauben und ich nicht?“ Anstatt zu erkennen, dass das eigentliche Problem ist, dass zu viele Menschen krank arbeiten, wird der Einzelne angegriffen.
Erkrankungen werden als persönliches Problem, mangelnde Resilienz oder falsche Lebensführung interpretiert. Krankheit wird moralisiert. Aussagen darüber, dass man ja selbst schuld sei an seiner Erkrankung oder dass einem das nicht passieren könne, weil man auf sich achte, hören die Betroffenen nur allzu oft.
Statt Verständnis und Solidarität spüren Erkrankte den Druck zur Normalisierung und fortwährende Kontrolle. Es wäre sinnvoller, die Gesundheit eines Menschen vor den Leistungsanspruch zu stellen. Ein frommer Wunsch: Mit mehr Aufklärung und Achtsamkeit wäre betroffenen Erwerbslosen und arbeitenden Menschen mehr geholfen, anstatt mit Vorurteilen und Stigmatisierung.