Ariane 6 mit vier Boostern: Europas stärkste Rakete ist startklar

Die Fabrikhallen in Saint-Médard-en-Jalles sind menschenleer, doch die Produktion läuft auf Hochtouren. Ob Düsen, Kabelbäume oder tonnenschwere Metallverkleidungen – weitgehend automatisiert und mit steigender Taktung werden hier westlich von Bordeaux wichtige Bauteile für die Booster gefertigt, also jene Startverstärker, die die Ariane-6-Rakete mit Extraschub ins All schießen. Von Bordeaux aus geht es dann per Schiff zum Weltraumbahnhof in Kourou in Französisch-Guayana. Dort werden Booster und Rakete endmontiert, und dort steht die Ariane 6 an diesem Donnerstag wieder auf dem Startplatz.

Läuft alles glatt, wird der 12. Februar auch der Ariane Group einen Schub verleihen. Denn zum einen steht die von dem französisch-deutschen Unternehmen hergestellte Ariane 6 erstmals mit vier Boostern auf dem Startplatz – doppelt so viele wie bei ihren ersten fünf Flügen. Mehr Booster heißt mehr Schub, mehr Schub heißt mehr Nutzlast. Mehr als 20 Tonnen an Satelliten und anderem Gepäck soll die Ariane 6 in dieser „leistungsstärksten Version“ befördern können, verspricht der Hersteller. In puncto Nutzlast schlösse sie damit auf zur Falcon 9, dem Kassenschlager von Elon Musks Raumfahrtunternehmen SpaceX .

Zum anderen will Ariane Group mit dem Flug an diesem Donnerstag erstmals Satelliten für den US-Konzern Amazon ins All schießen. Das ist bedeutsamer, als es klingen mag. So ist der noch 17 weitere Flüge umfassende Vertrag mit Amazon der größte, den die Ariane-Group-Tochtergesellschaft Arianespace je abgeschlossen hat. Der Amazon-Manager Martijn Van Delden sagte der Nachrichtenagentur AFP, dass man damit rund 2,8 Milliarden Euro an Wertschöpfung in der EU kreiere. Die Vertragsdetails bleiben unter Verschluss. Ob Arianespace daran überhaupt verdient, ist damit unklar, zumal die Flüge durch die jahrelangen Entwicklungsverzögerungen der Ariane 6 stark verspätet erfolgen.

Internetzugang für unterversorgte Gemeinden

Aber allein aus Marketingperspektive wäre ein gelungener Auftakt zu den 18 Amazon-Flügen für Ariane Group bedeutsam, schließlich sieht er den Transport von 32 kleinen Kommunikationssatelliten für den erdnahen Orbit (Low Earth Orbit, Leo) vor. Dieses Marktsegment boomt, wird von Ariane Group aber noch kaum bedient. Ariane-Raketen transportierten bislang in erster Linie große, schwere Satelliten in den geostationären Orbit (Geostationary Orbit, Geo) – der wiederum seit Jahren an Bedeutung verliert.

Der Vorteil von Geo-Satelliten: Konstant in bis zu 36.000 Kilometer Höhe entlang des Erdäquators kreisend, sind sie ideal für die Übertragung großer Datenpakete, etwa für das Fernsehen oder Wettervorhersagen. Die flexibel und in geringerer Höhe fliegenden Leo-Satelliten können Datenpakete jedoch viel schneller übertragen, ergo für schnelles weltraumgestütztes Internet sorgen.

Die 32 Satelliten sind Teil des geplanten Kommunikationssystems Amazon Leo. Etwa 3200 Satelliten soll es final zählen. Man werde damit „schnelleren und zuverlässigeren Internetzugang für unterversorgte Gemeinden in ganz Europa ermöglichen“, sagt Amazon-Manager Van Delden. Im Prinzip gleicht Amazon Leo Musks Kommunikationssystem Starlink. Dieses bietet schon heute weltraumgestütztes schnelles Internet an und zählt schon mehr als 9000 Leo-Satelliten im Orbit. „Unsere Kundenterminals sind kompakter und leistungsfähiger als herkömmliche Phased-Array-Antennen“, erklärt Van Delden mit Blick auf die bei Starlink verwendete Technik.

An Vorhaben mangelt es nicht

Doch Leo-Systeme können weit mehr als „nur“ schnelles Internet aus dem All liefern. Auch für das Militär sind Satelliten in bis zu 2000 Kilometer Höhe von stark wachsender Bedeutung, wie die Nutzung von Starlink im Ukraine-Krieg zeigt. Sie dienen nicht nur der Kommunikation der Streitkräfte, wenn terrestrische Systeme versagen, sondern auch der Erstellung von Fotos mit höherer Auflösung und der Steuerung von Drohnen. Entsprechend groß ist das Interesse der Ariane Group, sich am Donnerstag auch als verlässlicher Transporteur von Leo-Satelliten für das Militär zu empfehlen.

An Vorhaben mangelt es nicht. Auf EU-Ebene ist mit Iris2 eine Großkonstellation bestehend aus Satelliten in unterschiedlichen Höhen geplant, in Italien gibt es Pläne für ein eigenes Leo-Kommunikationssystem. Doch vor allem die Bundeswehr hat Ariane Group als Großkunden im Blick. In der aktuellen Bedrohungslage will sie schon 2029 ein neues Kommunikationssystem in Betrieb nehmen, das aus einer dreistelligen Zahl an Leo-Satelliten besteht.

Wer diese bauen soll, ist bislang aber ebenso wenig entschieden wie die Frage, mit welcher Rakete sie starten sollen. Optionen gibt es mehrere. Neben der Ariane 6 kommt die Riege an aufstrebenden Start-ups Isar Aerospace, Rocket Factory Augsburg und Hyimpulse infrage. Aber auch SpaceX, mit deren Falcon 9-Rakete die Bundeswehr schon in der Vergangenheit die Militärsatelliten SARah hat starten lassen, könnte den Zuschlag erhalten.

Im Zweifel fänden sich Wege

Aufseiten der Ariane Group rührt man die Werbetrommel. „2028, 2029 gibt es Platz“, sagt der Direktor für Raumfahrtprogramme, Philippe Clar. Es möge mit den Start-ups eine Reihe neuer Anbieter geben. Aktuell aber sei die Ariane 6 die einzige Rakete in Europa, die funktioniere und in großem Stil Satelliten befördern könne. Und selbst wenn die Start-ups lieferten – Isar Aerospace plant seinen zweiten Testflug im März – rede man da erst einmal über sehr viel kleinere Nutzlasten von rund einer Tonne.

Vehement dementiert man im Umfeld der Ariane Group Gerüchte, wonach man mit aktuell rund 30 Aufträgen keine freien Plätze habe. Man sei gut gebucht, aber es fänden sich im Zweifel auch schon 2027 Wege, mit der Ariane 6 zu starten.

Nach dem Jungfernflug im Jahr 2024 liegt die Ariane Group im Plan, mit der Ariane 6 von 2027 an neun bis zehn Mal jährlich abzuheben. Eine höhere Startfrequenz ist nach Unternehmensangaben nur bei verlässlichen langfristigen Zusagen möglich, schließlich müssten sich die Zulieferer aus rund 900 Unternehmen in 13 europäischen Ländern darauf einstellen.

Schon seit Langem appelliert die Ariane Group an die Politik, europäische Anbieter zu priorisieren – so wie es die USA auch mit heimischen Anbietern täten. „In den USA haben wir mit der Ariane 6 keinen Zugriff auf staatliche Satelliten“, betonte Ariane-Direktor Clar.