Architektur: „In Gips kann man sich nicht verlieben“
Mikala, Sie kennen sowohl die dänische als auch die deutsche Architekturlandschaft sehr gut. Worin liegen die markantesten Unterschiede?
In Dänemark gibt es eine jahrzehntelange Tradition, Architektur als aktiven Veränderungsagenten in der Gesellschaft zu begreifen. Das Bewusstsein, dass Architektur Gesellschaft mitgestaltet, ist breit verankert – nicht nur unter Architektinnen und Planern, sondern auch in der Politik und der breiten Öffentlichkeit. Das führt dazu, dass Architektur als gesellschaftliche Investition gesehen wird: Sie kostet Geld, aber sie kann einen positiven Beitrag leisten, der über das reine Bauen hinausgeht.
Inwiefern, was heißt das konkret?
Nehmen wir den Bau einer Schule. Natürlich muss man zunächst ein funktionales Problem lösen: Kinder brauchen einen Platz zum Lernen. Aber wenn ich weiterdenke, kann ich mit dem Schulbau auch das Quartier beleben, Räume für Freizeit, Begegnung und Gemeinschaft schaffen. Vielleicht entsteht ein Park, der auch nach Schulschluss genutzt wird. So entstehen Orte, an denen sich Menschen treffen – das ist gesellschaftliche Gestaltung im physischen wie im sozialen Sinne.
In Deutschland gehen wir anders ans Bauen heran. Hier dominiert oft das Funktionale, oder wie nehmen Sie das wahr?
Ja, das ist ein zentraler Unterschied. In Deutschland steht bei der Planung außerdem die Sicherheit im Vordergrund. Das ist historisch gewachsen und hat seine Berechtigung, aber es führt auch dazu, dass das Potential von Architektur, Gemeinschaft zu stiften, vernachlässigt wird. In Dänemark wird eher gefragt: Wie kann Architektur dazu beitragen, dass Menschen zusammenkommen, sich begegnen, voneinander lernen? Und, ja, dabei kann auch mal ein Kind stolpern, aber wichtiger ist, dass Räume entstehen, in denen sich unterschiedliche Menschen begegnen. Im Übrigen ist mir nicht bekannt, dass sich Kinder in Dänemark häufiger verletzen.
Sie trauen Architektur einiges zu. Auch dass sie in Krisenzeiten einen positiven Beitrag leisten kann, etwa bei gesellschaftlichen Spannungen oder wirtschaftlicher Unsicherheit. Wie soll das funktionieren?
Architektur ist weit mehr als das einzelne Gebäude – sie umfasst auch öffentliche Räume, Landschaften, Infrastrukturen. Also zum Beispiel Bahnhöfe, Behörden, Straßen. Gerade in unsicheren Zeiten, wenn etwa Läden schließen oder Orte veröden, kann Architektur Vertrauen und Zugehörigkeit vermitteln. Öffentliche Räume, die Wertschätzung ausstrahlen, stärken das gesellschaftliche Miteinander und geben Halt.
Unsere gebaute Umwelt beeinflusst, wie wir uns zueinander verhalten?
Absolut. Es geht darum, Räume zu schaffen, in denen Menschen sich willkommen fühlen, sei es in der Bücherei, im Krankenhaus oder auf dem Platz vor der Tür. Denn Studien zeigen, dass Orte, an denen Menschen aus unterschiedlichen Milieus aufeinandertreffen, das Sicherheitsgefühl stärken und sogar soziale Aufstiegschancen erhöhen. Die Gestaltung des öffentlichen Raums beeinflusst, wie wir uns begegnen, wie wir uns fühlen. Das ist ein zentrales Thema für die Stadtentwicklung.
Ein aktuelles Beispiel für gelungene Platzgestaltung in Kopenhagen ist der grüne Kreisverkehr St. Kjelds Plads. Eine vormals asphaltierte Fläche hat sich in einen Miniwald verwandelt. Warum gelingt so etwas in Dänemark?
Auch in Kopenhagen war das nicht selbstverständlich. Erst ein extremes Unwetter hat die Stadt dazu gezwungen, über neue Lösungen nachzudenken. Dann hat man gesagt: Wenn wir schon viel Geld ausgeben, um den Regen zu bewältigen, dann machen wir es auch schön. Man hat nicht nur große Rohre verlegt, sondern den Platz begrünt, Bäume gepflanzt – und trotzdem funktioniert der Verkehr wie vorher. Es ist ein Gewinn für alle und zeigt, dass technische Lösungen und Aufenthaltsqualität kein Widerspruch sind.

Ist der politische Konsens in solchen Fragen in Dänemark leichter zu erreichen?
Ja, weil das Bewusstsein für die Chancen von Architektur größer ist und viele Fragen pragmatischer angegangen werden. Die Sommer werden heißer, das spüren alle, unabhängig von der Parteizugehörigkeit. Architektur ist immer ein Zeichen von Zukunftsglauben. Sie kann verbinden und heilen, wenn sie als gemeinsames Projekt verstanden wird.
In Deutschland ist der Mangel an Wohnungen in den Ballungszentren ein großes Thema. Die große Frage ist, wie schaffen wir schnell kostengünstigen Wohnraum. Ist das der richtige Ansatz?
Es fehlt vor allem an einer qualitativen Debatte. Die Diskussion dreht sich meist um Zahlen: Wie viele Wohnungen fehlen, wie schnell können wir sie bauen, wie günstig muss es sein? Dabei wird oft mit System- oder Modulbau gearbeitet, der wenig Spielraum für stadträumliche Qualitäten lässt. Die Räume zwischen den Gebäuden, die Wege, die Aufenthaltsqualität – das bleibt bei diesem Ansatz auf der Strecke. Dabei wäre gerade das eine Investition in gesellschaftlichen Zusammenhalt und Lebensqualität.
Wie wird das in ihrer Heimat gehandhabt?
Dort leben grundsätzlich mehr Menschen im Eigentum als hier. Aber es gibt eine lange Tradition des sozialen Wohnungsbaus, etwa ein Fünftel der Bevölkerung lebt darin. Das ist nicht wenig. Die Wohnungsbaugesellschaften denken langfristig und legen Wert auf Qualität in den Außen- und Innenräumen. Das spielt eine zentrale Rolle.
Dänemark hat sogar eine nationale Architekturpolitik. Was bedeutet das konkret?
Die nationale Architekturpolitik ist ein Leitbild, das die Werte festlegt, nach denen gebaut werden soll – etwa die Förderung von Gemeinschaft, Nachhaltigkeit, den Umgang mit der Natur. Sie ist nicht rechtlich bindend, aber sie gibt eine Richtung vor, auf die sich die Kommunen beziehen. Das stärkt die Verwaltung, etwa gegenüber Investoren, und schafft eine gemeinsame Gesprächsgrundlage. So ein übergeordnetes Leitbild fehlt in Deutschland.
Stattdessen gibt es hier an die 4000 DIN-Normen im Bau. Zufrieden mit dem Neubau sind viele Menschen aber nicht. Während Häuser aus der Gründerzeit als schön empfunden werden, haben Gebäude aus der Moderne bis heute einen eher schweren Stand. Die AfD greift das auf und greift die Bauhaus-Bewegung als „Irrweg der Moderne“ an.
Wenn ich Deutsche wäre, wäre ich sehr stolz darauf, dass das Bauhaus hier erfunden wurde. Die Ideen, die von dort ausgingen – etwa Licht, Luft, offene Räume, erschwingliche Wohnungen mit Glas-Schiebetüren zur Terrasse – prägen unser Leben bis heute und werden parteiübergreifend geschätzt. Das Bauhaus war deutsch und hat weltweit Wirkung entfaltet. Ich sage aber auch, wir sollten nicht mehr so bauen wie im reinen Funktionalismus oder im Systembau, der heute oft aus Kostengründen entsteht. Es stimmt, in manchen Punkten war früher manches besser gebaut. Aber die Rahmenbedingungen waren auch andere. Handwerk und lokale Materialien wurden anders wertgeschätzt. In Gips kann man sich nicht verlieben. Genau das ist das Problem vieler heutiger Bauten. Sie bieten keinen Halt, keine Wärme, keine Identifikation. Es ist unsere Aufgabe als Gesellschaft, Lebensqualität zu bauen, für möglichst viele Menschen.
Wie kann das gelingen, wenn jenseits der Boomregionen die Zentren verwaisen?
In der Stadtplanung ist das ein Riesenthema. Die Innenstädte veröden, während am Rand weiter gebaut wird. Das führt zu einem Verlust an Gemeinschaftsgefühl. Es wäre wichtig, Orte wieder relevant und lebendig zu machen, damit Menschen sich nicht abgehängt fühlen. Dazu gehört auch, lokale Traditionen, Handwerk und regionale Materialien zu fördern, das ist nicht nur konservativ, sondern auch nachhaltig und identitätsstiftend.
Aber ist das überhaupt bezahlbar?
Es ist eine politische Frage, ob wir regionale Strukturen und Handwerk stärken wollen. Oft entscheidet heute nur der Preis. Aber man kann Kriterien wie die Entfernung zur Baustelle einführen, um lokale Anbieter zu bevorzugen. Nachhaltigkeit und Qualität profitieren davon. Und wir müssen mehr umbauen und weiterbauen, was schon da ist. – das geht nur mit Handwerk vor Ort.

Brauchen wir überhaupt so viele neue Wohnungen, oder sollten wir öfter das Bestehende besser nutzen?
Das Potential, Bestehendes zu nutzen, ist riesig. Leerstände, Einfamilienhaussiedlungen – vieles könnte umgebaut und aufgewertet werden. Das wäre auch sozial sinnvoll: Viele Menschen wünschen sich gemeinschaftliches Wohnen, gerade im Alter oder für Alleinerziehende. Es gibt tolle Beispiele, wo aus einem Einfamilienhaus ein kleines Mehrfamilienhaus wurde. Dafür müsste man aber auch bürokratische Hürden abbauen.
Was fehlt in Deutschland, damit der Wandel gelingt?
Die Räume, die wir bauen, prägen unser Denken und Handeln. Wenn wir nur funktionale, umzäunte Schulhöfe und anonyme Wohnungen bauen, fehlt die Inspiration, Dinge anders zu machen. Es braucht Mut, neue Wege zu gehen, und die Bereitschaft, voneinander zu lernen – auch von Dänemark, aber nicht als erhobener Zeigefinger, sondern als Ansporn.
Wie wichtig ist dabei die Ästhetik?
Ästhetik ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Sie sensibilisiert uns für unsere Umgebung, schafft Resonanz mit der Umwelt und steigert die Lebensqualität. Gerade in Zeiten, in denen wir sparen müssen, hilft es, die Schönheit im Bestehenden zu entdecken und wertzuschätzen.