Architekt Otto Wagner: Architektur des Sondervermögens

Eine Zeichnung mit Blattgold zu belegen, scheint auf den ersten Blick überkandidelt oder sogar dekadent. Im Falle von Otto Wagners Architekturzeichnungen hingegen diente es der Anschaulichkeit, feine goldene Ornamente waren schließlich ein ­wesentliches Charakteristikum seiner eleganten Fassaden. Überhaupt besaßen die Zeichnungen des Wiener Jugendstil-Architekten ein Niveau, das in der Baugeschichte kaum ein zweites Mal erreicht wurde, was eine Ausstellung des Berliner Museums für Architekturzeichnungen eindrücklich vor Augen führt.

Die Schau führt auch vor Augen, wie wichtig es für die aktuelle Baukultur wäre, Architekten vom Format Wagners zu haben – gerade in Zeiten, in denen sich der Staat anschickt, gigantische Schuldenberge aufzuhäufen, um die Infrastruktur des Landes zu erneuern. Künstlerisch begabte Entwerfer wie Wagner, die zudem die Regeln des Städtebaus beherrschen und gleichzeitig in technischen Fragen beschlagen sind, werden dringend benötigt.

Architekt und Autor Wagner

Es gilt schließlich dafür zu sorgen, dass über den Zeitdruck, der durch den plötzlichen Geldsegen entsteht, nicht die gestalterische Qualität der Projekte ins Hintertreffen gerät. Es könnte sogar so weit kommen, dass vernachlässigte alte Brücken, Viadukte, Bahnhofszugänge und Wehre durch lieblos hingeschluderte Dutzendware ersetzt werden.

Die Berliner Ausstellung erinnert daran, dass der Jugendstil keineswegs nur aus floraler Ornamentik bestand, sondern gerade in der Baukunst als Hochzeit moderner Großstadtarchitektur zu gelten hat. Wagner konnte auf einem einzigen Bogen Papier die Zukunft ganz Wiens skizzieren. Er brillierte in allen Maßstäben: Der konzentrischen Ausdehnung der Millionenmetropole Wien widmete er sich ebenso wie dem kleinsten Detail eines Kartenschalters der Wiener Stadtbahn – zur Freude auch heutiger Fahrgäste.

Den überladenen Historismus der Ringstraße hinter sich lassend und zugleich noch unbelastet von der späteren rigiden Ideologie der klassischen Moderne, war Wagners Gestaltkraft in den Jahren um 1900 zur vollen Blüte gereift. Die raffiniert komponierten Blätter waren das perfekte Kommunikations-Medium des Universal-Entwerfers. Andreas Nierhaus vom Wien Museum hat für die Berliner Ausstellung die besten Zeichnungen aus der mehr als tausend Blätter umfassenden Sammlung seines Hauses ausgewählt.

Zu sehen ist Wagners Umschlagentwurf für sein Buch „Die Baukunst unserer Zeit“. Genauso bedeutend wie als praktizierender Architekt war Wagner auch als Autor: Schon sein Buch über „Moderne Architektur“ von 1896 fand ein großes Echo und zählt heute zu den besten architekturtheoretischen Texten des Fin de Siècle. Wagner, der als Student an der Berliner Bauakademie das Werk von Karl Friedrich Schinkel kennen- und schätzen gelernt hatte, wäre also ein geeignetes Rollen-Vorbild für die – wohl nur als müder Abglanz wiederauferstehende – Bauakademie im Zentrum von Berlin.

Die Werke der Wiener Secession gehören heute zu den Publikumsmagneten der österreichischen Hauptstadt. Ohne die Zeichnungen Wagners wären diese gestalterischen Welterfolge der Ersten Wiener Moderne undenkbar gewesen. Es stimmt ein wenig sentimental, dass diese künstlerische und mithin Raum für Phantasie lassende Form der Werbung für die jeweiligen Projekte verloren gegangen ist. Stattdessen werden am Computer Renderings der Vorhaben erzeugt, die sich binnen Sekunden beliebig verändern lassen und deren Hyperrealität etwas Seelenloses eignet.

Otto Wagner – Architekt des modernen Lebens. Im Museum für Architekturzeichnung, Berlin. Bis zum 17. Mai. Der Katalog kostet 29 Euro.

Source: faz.net