Appelle von Regisseuren: Filmschaffende stellen sich hinter Tricia Tuttle
In einem offenen Brief haben sich mehr als 700 Filmschaffende gegen eine mögliche Abberufung der Berlinale-Intendantin Tricia Tuttle ausgesprochen. Sie verfolgten die Debatten mit großer Sorge, heißt es in dem Schreiben, zu dessen Unterzeichnern der deutsche Filmregisseur Tom Tykwer („Babylon Berlin“), die Schauspielerin Tilda Swinton und der früheren Berlinale-Jurypräsident Todd Haynes gehören.
Zuletzt seien Äußerungen kritisiert worden, die auf der Bühne gefallen seien, heißt es in dem Brief, aber keine dieser Aussagen stamme von der Festivalleitung. Ein internationales Festival sei kein diplomatisches Ereignis, sondern ein schützenswerter Ort der Demokratie: „Seine Stärke liegt darin, unterschiedliche Perspektiven auszuhalten und vielfältige Stimmen sichtbar zu machen.“
Anlass des Schreibens sind Gerüchte über eine Abberufung oder den möglichen Rücktritt von Tuttle. Am Donnerstagmorgen findet eine Krisensitzung der für die Berlinale zuständigen Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin (KBB) unter Vorsitz von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer statt, bei der über die Zukunft des Festivals entschieden werden soll.
Deutschland sei „Partner beim Genozid Israels“ in Gaza
Zuvor war die Berlinale sowohl von Filmschaffenden als auch von Politikern kritisiert worden. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy sagte einen geplanten Auftritt ab, weil Jurypräsident Wim Wenders in einer Pressekonferenz erklärt hatte, Filme seien ein Gegengewicht zur Politik. Die Festivalleitung unter Tuttle stellte sich daraufhin hinter Wenders.
Bei der Preisverleihung am vergangenen Samstag verließ Bundesumweltminister Carsten Schneider unter Protest den Saal, nachdem der syrisch-palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib auf der Bühne die Bundesregierung angegriffen hatte. Alkhatib, der einen Preis für das beste Spielfilmdebüt bekam, bezichtigte Deutschland, „Partner beim Genozid Israels“ in Gaza zu sein.
Auch die Deutsche Filmakademie stellte sich in einem Appell hinter Tuttle. Man sei erschrocken „über den Versuch der politischen Einflussnahme in Bezug auf die Leitung eines der bekanntesten und bedeutendsten Filmfestivals der Welt“, hieß es in der Erklärung, die unter anderem von der Schauspielerin Iris Berben und dem Filmregisseur İlker Çatak unterzeichnet wurde, dessen Film „Gelbe Briefe“ in diesem Jahr den Goldenen Bären gewonnen hat. Der Versuch der Einmischung sei ein gefährliches Signal, das weit über das Festival hinausreiche.
Die Arbeitsgemeinschaft Kultur und Medien der SPD-Bundestagsfraktion solidarisierte sich ebenfalls mit Tricia Tuttle, die „als souveräne Gastgeberin Haltung gzeigt“ habe. Der deutsche Filmregisseur und Oscar-Preisträger Volker Schlöndorff und der Schriftsteller Daniel Kehlmann warnten in einem eigenen Brief, dass eine mögliche Entlassung Tuttles „das Ende der Berlinale auf viele Jahre hinaus“ bedeuten könnte. Die Position der Festivalintendantin könne so zu einem „Himmelfahrtsposten“ werden: „Aus einem der drei wichtigsten Festivals der Welt würde eine Provinzveranstaltung.“ Das Image der Berlinale, des Kulturlands Deutschland sowie des Kulturstaatsministers wären „auf Dauer beschädigt“, schrieben Schlöndorff und Kehlmann.
Source: faz.net