Antwort gesucht: Der Westen ringt mit China

Selbst die sonst so chinafreundlichen deutschen Manager schüttelten nur noch mit dem Kopf. Fünf Prozent Wachstum? Das glaube doch ohnehin niemand mehr, sagten sie. Was reitet die Führung in Peking, stur an diesem Wert festzuhalten? Merkt sie denn nicht, wie lächerlich sie sich damit macht, wie sie in der Bevölkerung noch mehr Vertrauen verliert? So ungefähr fielen die Reaktionen kürzlich aus, als China mal wieder ein Wirtschaftswachstum von fünf Prozent ankündigte. Mit der Stimmung und der gefühlten Wirtschaftslage vor Ort hat dieser Wert kaum etwas zu tun.
Gleichzeitig sorgten Rankings für Aufruhr, die zeigten, dass die forschungsstärksten Universitäten der Welt inzwischen fast ausnahmslos in China sind. Auf Rang eins steht nach einer Rangliste der Universität Leiden die Zhejiang-Universität in Hangzhou. Dass Zhejiang, Hangzhou und die Universität selbst den meisten Menschen in Europa wenig sagen dürften, illustriert gut, wie schlecht die Alte Welt ihren eigenen Bedeutungsverlust versteht.
Hangzhou ist die Hauptstadt der Provinz Zhejiang, die ähnlich viele Einwohner hat wie Frankreich und ein wirtschaftliches Powerhouse in China mit ausgeprägter Unternehmerkultur ist. Auch die Universität ist als Eliteeinrichtung in China wohlbekannt, zu den Absolventen zählt etwa der Deepseek-Gründer.
Gute Autos, arme Rentner
Manche nennen diese Gleichzeitigkeit von Krise und Krönung Schrödingers China, andere reden von einem China der zwei Geschwindigkeiten. China gewinnt und verliert zugleich. Es baut sehr gute Elektroautos, aber auf dem Land haben die Rentner nicht genug Geld zum Heizen. Es lädt humanoide Roboter zum Tanz, schickt Menschen auf den Mond, aber in den Fabriken schuften die Arbeiter für niedrige Löhne. Es versorgt die ganze Welt mit Waren, aber im Inland sinkt die Kauflaune ins Bodenlose.
Wenn man sich in den Hauptstädten im Westen in der Chinapolitik in diesen Tagen neu orientiert, geht es darum, eine Antwort auf dieses doppelte China zu finden. Denn man sollte nicht damit rechnen, dass sich daran zeitnah etwas ändert. Es ist für Länder und politische Gebilde dieser Größenordnung kein ungewöhnlicher Zustand, und es ist beides gleichzeitig wahr. Armut und technologische Durchbrüche koexistieren auch in den USA und Europa.
Für die westlichen Mittelmächte ist eine bloße Abkehr angesichts der wirtschaftlichen und industriellen Bedeutung der Volksrepublik keine realistische Option, wie Kanadas Ministerpräsident Mark Carney in Davos ausgeführt hat. Neben dem Kanadier schlugen auch die Präsidenten Südkoreas und Frankreichs in ihren Besuchen in China einen neuen Ton an. In dieser Woche kommt der britische Premierminister Keir Starmer, am 25. und 26. Februar endlich auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), der nach Peking und eben nach Hangzhou reisen wird.
Führung steht sich selbst im Weg
Das China von früher – der gern gesehene, aber strategisch ungefährliche neue Absatzmarkt – kommt nicht wieder. Dieses alte China ist heute das langsame, unattraktive China. Peking beschwört zwar, die heimische Nachfrage solle künftig das Wachstum treiben. Selbst der konsumkritische Dauerpräsident Xi hat das als strategisches Ziel ausgegeben. Bisher hat er damit aber keinen Erfolg. Daten der Zentralbank zeigen, dass die Kaufbereitschaft weiter sinkt.
Der Hauptgrund dafür ist, dass sich die Führung selbst im Weg steht. Sie ist nicht bereit, das schnelle China, also den Exportweltmeister, auszubremsen. Eine stärkere Währung, höhere Mindestlöhne oder ein besserer Wohlfahrtsstaat würden die Kaufkraft der Bevölkerung stärken, aber die Produktionskosten erhöhen und die Ausfuhren teurer machen. Welche Regierung schwächt schon mutwillig den einzigen Teil der Wirtschaft, der rundläuft?
Die bisherigen Versuche des Westens, auf dieses doppelte China zu reagieren, sind gescheitert. Die Zölle haben Chinas Exportboom, der eine direkte Folge aus schwacher Nachfrage und starkem Angebot ist, nicht bremsen können. Eine geeinte Front der demokratischen Industrienationen wäre wünschenswert, ist aber kaum realistisch.
Der Politik fehlen gleichzeitig die Mittel, den westlichen Konzernen ihren Willen aufzudrücken. Diese sehen im schnellen China neue Wettbewerber heranwachsen, die sie nicht ignorieren können. Und auf politischer Ebene ist den westlichen Mittelmächten spätestens seit Davos klar, was es heißt, sich von einer Großmacht, also China, abzuwenden. Es erhöht fast zwangsläufig die Abhängigkeit von der anderen, den USA.