Anstandsunterricht im Deutschlandfunk
Bitte nicht gleich spotten! Seit dem 18. März dieses Jahres gibt es in Deutschland einen offiziellen „Tag der Demokratiegeschichte“. Die Schirmherrschaft hatte – wie sollte es anders sein – Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Und auch der Deutsche Bundestag hat sich an dem Ereignis beteiligt. Es wurde mit einer Ausstellung und mehreren Diskussionsveranstaltungen garniert, nicht nur in Berlin. An einer größeren Öffentlichkeit ist es freilich unbemerkt vorbeigegangen. Es hat es nicht einmal in die „Tagesschau“ geschafft, die sonst gegenüber volkspädagogischen Bemühungen zur Festigung und Verteidigung „unserer Demokratie“ durchaus offen ist.
Es ist aller Ehren wert, für die Demokratie zu werben und die Bevölkerung mit der Tatsache vertraut zu machen, dass es auch in Deutschland schon vor 1945 demokratisch-republikanische Anläufe gegeben hat, ja sogar vor der Weimarer Republik. Das Problem ist nur, dass solches Werben für die Demokratie meist völlig blutleer ausfällt. Dass es im Appellativen hängenbleibt. Dass es immer abstrakt ausfällt und nach Schulbuch riecht: bemüht, aber leblos. Es ist kaum denkbar, dass damit das in der Bevölkerung allenfalls glimmende Feuer der Demokratie zum Lodern gebracht werden kann.
An besagtem 18. März 2026 machte sich ein Team des Deutschlandfunks (es hätte aber auch ein beliebiger anderer Sender sein können) in das pfälzische Neustadt an der Weinstraße auf, vor dessen Toren das Hambacher Schloss liegt – ein Geburtsort des deutschen Republikanismus. Die Reporterin, die einen beseelten, demokratie-affirmativen Ton pflegte, sprach mit Schülerinnen und Schülern des ortsansässigen Gymnasiums. Was diese zu sagen hatten, klang vorbildlich. Man hörte aber stets den Lehrer und vor allem die Belehrung durch.
Diese Jugendlichen, die demnächst die Wahlreife erreichen werden, wussten, was in allen Fibeln steht: Demokratie braucht den Dialog. Und den Streit. Und die Bereitschaft, auch andere Meinungen als die eigene gelten zu lassen. Sowie auch den Willen, sich zu beteiligen, zu wählen, sich „einzubringen“. Denn nur so könne gewährleistet sein, dass auch die Interessen der Jugendlichen zum Zuge kommen. Alles richtig – aber ohne eine Spur von Interesse oder gar Leidenschaft vorgetragen. Es klang alles nach Anstandsunterricht, nach Tanzstunde anno 1965. So aufgeweckt wie gelangweilt. Die jungen Leute hatten sich ein Politkauderwelsch anverwandelt, das sie außerhalb der schulischen Sphäre keine Sekunde lang sprechen würden.
In diesem Sprechen über die Demokratie kommt das, was man das „wirkliche Leben“ nennt, nicht vor: keine Kanten, keine Widersprüche, keine bösen, keine lauten Worte. Zwar erteilten all diese jungen Leute dem – nicht näher bezeichneten – Populismus pflichtschuldigst eine Absage. Aber der verstörende Unrat, der sich heute in der Weltpolitik breitmacht, findet in diesen gesitteten Reden aus der guten Kinderstube keinen Platz. Junge Menschen, die einer solchen betreuten Pädagogik ausgesetzt wurden, machen die Demokratie gewiss nicht sturmsicher.
Source: welt.de