Anschlag aufwärts Stromversorgung in Berlin: „Mit sinister hat dasjenige nichts zu tun“, sagt die Linke
„Entschuldigung, haben Sie Strom zuhause?“
„Nö“, ruft die vorbeieilende Frau, bleibt stehen und fummelt sich dabei ein Taschentuch aus der Jackentasche.
„Wollen Sie Taschentücher?“, fragt die Linken-Politikerin Franziska Brychcy und lächelt tapfer die eiskalte Luft weg. „Oder nen Kaffee?“
„Ja“, sagt die Frau – zum Kaffee, Taschentücher hat sie selber genug.
Kaffee wird umgehend organisiert, so ganz einfach ist das allerdings nicht, denn auf dem kleinen Platz am S-Bahnhof Zehlendorf ist viel los: Mehr als ein Dutzend Mitglieder der Linkspartei haben sich hier verteilt, umzingelt von noch einmal so vielen Journalist*innen. Es ist Tag drei des großen Stromausfalls im Südwesten Berlins. Die Linken sind gekommen, um an die Vorbeiziehenden Dinge zu verteilen, die man gut gebrauchen kann, wenn man in einem jener knapp 50.000 Haushalte lebt, die betroffen sind: kleine Lampen, Kerzen, Powerbanks, Taschentücher, Heißgetränke, Informationen zu den Hilfsangeboten hier im Bezirk.
Elif Eralp ist da – sie will im Herbst Regierende Bürgermeisterin von Berlin werden
Viele nehmen die Angebote dankend an. Ein älterer Mann, ein Hühne von zwei Metern, gebrochenes Deutsch, den Schal tief ins Gesicht gezogen, öffnet artig seinen blauen Jutebeutel und lässt sich mehrere Kerzen hineinlegen, bedankt sich höflich. „Bis Donnerstag“, sagt er. Solange, heißt es bei ihm im Haus, bleibe der Strom noch weg.
Andere haben schon wieder Strom, peu à peu werden die Haushalte angeschlossen, 30.000 allerdings liegen laut Berliner Feuerwehr am Montag noch im Dunkeln. Eine Frau hat es eilig, bleibt trotzdem kurz stehen und spricht mit Elif Eralp. Eralp will im kommenden Herbst für die Linke als Regierende Bürgermeisterin ins Rote Rathaus von Berlin einziehen. Die Frau sagt, sie käme gerade aus einer Notunterkunft, in der sie die Nacht verbracht habe, und wolle nun nach ihrer Wohnung nach dem Rechten sehen. Und vielleicht sei der Strom ja wieder da.
Viele, die bei den emphatisch dreinblickenden Linken stehenbleiben, erzählen davon, dass sie Angst vor Einbrechern hätten, weil ja jetzt ganze Häuser leer sind. Zugleich könne man dort auch nicht bleiben – inzwischen sind die Wohnungen auf bis zu zehn Grad abgekühlt. Ein junger Mann berichtet gegenüber Tobias Schulze, dem Vorsitzenden der Linksfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, seine ganze Familie sei bei Verwandten untergekommen und die Eltern hüteten nun abwechselnd Nacht für Nacht die Wohnung.
Die Linken fordern einen Härtefallfonds für Betroffene in Berlins Südwesten
„Wie habt ihr denn eigentlich Infos gekriegt?“, fragt Schulze. Auch Internet und Handyempfang sind hier im Südwesten Berlins nämlich gestört. „Joa“, sagt der junge Mann. „Da gab es so eine Warnmitteilung aufs Handy, dass Stromausfall ist. Aber das hätte ich ehrlich gesagt auch so mitbekommen.“
Empört sind die Betroffenen, die stehenbleiben, nicht unbedingt. Aber so richtig beeindruckt vom Krisenmanagement, das der Berliner Senat auf die Beine gestellt hat, ist hier auch niemand. Die Linke versucht, das aufzugreifen. Gegenüber den anwesenden Journalist*innen erklärt Elif Eralp immer wieder, dass das Krisenmanagement des Senats aus ihrer Sicht nicht in Ordnung und Berlin nicht gut auf solche Situationen eingestellt sei. Dass es nicht angehe, wenn 100-Jährige auf Feldbetten in Turnhallen schlafen müssten, weil nicht ausreichend sichere und warme Unterkünfte vorgehalten würden.
Eralp fordert einen sofortigen Härtefallfonds. Menschen entstünden Kosten, die übernommen werden müssten. „Eine Frau hat mir vorhin zum Beispiel erzählt, dass sie für ihre alte Nachbarin eingekauft hat.“ Ausgaben bis 250 Euro sollten, so Eralp, aus einem solchen Fonds direkt erstattet werden. Ebenso Unterkunftskosten. Außerdem müssten jetzt Katastrophenschutz, Träger, Politik und Zivilgesellschaft an einen Tisch, um zu überlegen, „wie Berlin krisenfest gemacht werden kann“, wiederholt die 45-Jährige immer wieder. Damit so etwas nicht noch einmal passiert.
Eine linksradikale „Vulkangruppe“ soll hinter dem Anschlag stecken
Was und vor allem wer genau eigentlich dazu geführt hat, dass „so etwas“ passiert ist – das wird derzeit noch ermittelt. Ein Brandanschlag an einer Kabelbrücke in Berlin-Lichterfelde ist die Ursache für den großflächigen Stromausfall, und es gibt ein mutmaßliches Bekennerschreiben der „Vulkangruppe“, einer linksradikalen Gruppe, die schon seit 2011 existieren und auch für andere ähnliche Anschläge verantwortlich sein soll, etwa gegen Elon Musks Tesla-Gigafactory in Brandenburg.
Auch der jetzige Anschlag galt – möchte man dem kursierenden „Bekennerschreiben“ Glauben schenken – nicht den Bewohner*innen des Berliner Südwestens, sondern einem dort gelegenen Gaskraftwerk. „Stromausfälle waren nicht Ziel der Aktion, sondern die fossile Energiewirtschaft“, heißt es in dem Text. Man entschuldige sich bei den „weniger wohlhabenden Menschen in dem Südwesten Berlins“.
Die Linke will das nicht gelten lassen. Ihr geht es an diesem Montag in Zehlendorf auch darum, jeden aufkeimenden Verdacht auszuräumen, der Anschlag habe irgendetwas mit ihrer Vorstellung von linker Politik zu tun.
„Nichts daran ist links, im Gegenteil“, sagt Eralp mit Nachdruck und ernstem Gesicht. „Der Anschlag hat ganz konkret Menschenleben gefährdet. Gerade von alten und kranken Menschen. Das war ein Anschlag auf die soziale Stadt.“ Sie verurteile ihn aufs Schärfste, und sie hoffe, die Verantwortlichen würden gefunden und zur Rechenschaft gezogen, so Eralp.
Parteichefin Ines Schwerdtner erinnert an Haustürgespräche und Sozialsprechstunden
„Wir gehen zu den Menschen direkt hin und helfen. Wir sind ja darin geübt“, sagt hinter ihr die Parteivorsitzende Ines Schwerdtner in eine andere Kamera und meint damit die Haustürgespräche und Sozialsprechstunden mit konkreter Hilfe, auf die sich die Partei seit einiger Zeit spezialisiert hat. Immerhin: An diesem Punkt, könnte man sagen, gibt es Überschneidungen mit dem mutmaßlichen Bekennerschreiben der „Vulkangruppe“. Dort geben die Autor*innen nämlich Ratschläge zur solidarischen Nachbarschaftsunterstützung: „Klingeln Sie bei Ihren Nachbar*innen. Bedenken Sie, ältere oder hilfsbedürftige Menschen bei einem Ausfall des Stroms mitzuversorgen.“
Dass das notwendig ist, denkt auch Die Linke. Anwohner*innen erzählen, dass die Polizei zwar mit Lautsprecherwagen durch die Wohnsiedlungen fahre, aber es gebe kein systematisches Anklopfen an allen Wohnungstüren. „Das bereitet uns Sorgen“, sagt Tobias Schulze. „Dass es Häuser gibt, in denen nicht alle erreicht werden.“ Man überlege jetzt, Haustürteams zusammenzustellen und Häuserblocks abzulaufen.
Der Mann vom Deutschen Roten Kreuz blickt ob der Linken-Spenden und der Presse etwas gequält drein
Aber erst einmal sollen am nahegelegenen Rathaus Zehlendorf Spenden abgeliefert werden. Hier hat das Deutsche Rote Kreuz (DRK) eine Suppenküche eingerichtet. Anwohner*innen können ihre Handys laden. Am Montagnachmittag ist es nicht gerade voll, aber einige Zehlendorfer*innen sind da, es ist warm und gemütlich.
Dass das mit den Spenden wiederum gar nicht so leicht ist, wenn man von einem großen Pressetross begleitet wird, zeigt sich kurz darauf. Der etwas gequält dreinblickende Kollege vom DRK muss Eralp und Schwerdtner, die die Beutel mit den Spenden tragen, mehrmals erklären, dass er vor Kameras und Journalisten nichts annehmen könne – die Pressearbeit des DRK wird zentral gemacht. Alles nicht so einfach, doch am Ende werden die beiden Politiker*innen ohne Presse in den hinteren Teil des Rathauses geführt und werden dort ihre Spenden noch los.
Am Abend wolle man versuchen, erklärt Tobias Schulze währenddessen, eine Flüchtlingsunterkunft im betroffenen Gebiet mit einem rasch besorgten Notstromaggregat auszustatten. „Das Problem spitzt sich gerade eher noch zu“, sagt er. Je länger der Ausfall andauert, desto mehr neue Schwierigkeiten treten auf. Bis Donnerstag ist es eine lange Zeit, vor allem bei Minusgraden.