Annegret Soltau wird 80: Zeichnen mit Nadel und Faden

Es gibt – aus Gründen – wenige im Jahr 1946 geborene deutsche Künstler, und wenn doch, tragen sie beinahe immer eine Bürde. Annegret Soltau wurde in dieses seltsam mehltauene Jahr hineingeboren, ihren seit Kriegsende verschollenen Vater aber lernte sie nie kennen. Seit 2003 kreist eines ihrer Langzeitprojekte in aktuell 69 Kapiteln um den Verschollenen, eine der großen Lücken in ihrem Leben.
Solche Leerstellen wollen gefüllt werden, klaffen sie doch ansonsten wie offene Wunden, und so wurde Soltau eine große Künstlerin im Ver- und Übernähen von Wunden und allen denkbaren Verletzungen in Bildform. Diese teils autoaggressive Arbeit mit dem eigenen Körper, die seit den Sechzigern eine Wiederaneignung für Künstlerinnen bedeutete, da weibliche Nacktheit den meist männlichen Malern lange nur als Schauwert diente, erzwang fast den Wechsel von der Leinwand zu Foto und Film.
Bei den Fotoübernähungen nutzt sie Garn wie einen Zeichenstift
Ihre Fotovernähungen ab dem Jahr 1975, anfangs aus Selbstbildnissen des eigenen Körpers, mit den stets sichtbaren „Narben“ aus schwarzem Garn, gewissermaßen Soltaus Zeichenstift, sind heute weltberühmt und hängen in den größten Sammlungen. Die letztjährige Retrospektive „Unzensiert“ im Frankfurter Städel war ebenso berechtigter Publikumserfolg wie die vielfach späte Anerkennung. Hatte Soltau im modernen Medium Video doch schon 1977 die eigene Metamorphose während der Schwangerschaft festgehalten. In „Mutter-Glück“ fügte sie sich selbst mit Nadel und Faden dem fragmentierten Bild der Tochter in Passfotos ein und macht durch diese Vernähung die unauflösliche Verwobenheit der Mutter mit dem Kind anschaulich, ähnlich wie in „Symbiose“ von 1981 mit dem immer abstrakter werdenden Neugeborenen.
Die letzten Fragen der conditio humana treiben sie um, die autobiographische Wahrheitssuche, die klaffenden Untiefen zwischen den Generationen, Gewalt der Menschen untereinander. Ihre Serie „personal identity“ ist zum Glück noch unabgeschlossen: Auf einer Wäscheleine als Zeichen eines arbeitsreichen Lebens hängte sie amtliche Zeugnisse ihrer Identität als Frau, Mutter, Künstlerin und Bürgerin. Seit 2003 füllt sie wie Arcimboldo ihre Porträtkontur mit Fragmenten von allerlei Dokumenten wie Pässen, Bank- und SIM-Karten aus. Die letzte Vernähung dieses intimen Œuvres soll ihre Tochter postum vornehmen: mit ihrer Sterbeurkunde. An diesem Freitag wird Annegret Soltau achtzig und ist so mancher Wahrheit wohl inzwischen ein gutes Stück näher gekommen.
Source: faz.net