Ankündigen wie Politikstil: Was Merz von Musk und Trump lernt

Fast wäre es ermüdend, was in der vergangenen Woche im belgischen Dorf Bilzen geschehen ist: ein Reformgipfel für die Europäische Union, mit großen Erwartungen geplant: Alle Staats- und Regierungschefs kamen, dazu die beiden großen Reformberichtautoren Enrico Letta und Mario Draghi – und dann herrschte doch vor allem Uneinigkeit darüber, wie Europa jetzt vorankommen könnte.

Man kennt das inzwischen zur Genüge: Angekündigt wird viel, der Erfolg bleibt klein. Friedrich Merz versucht sich an der Kunst der großen Versprechen nicht nur vor EU-Gipfeln, sondern auch beim Herbst der Reformen. Doch er ist längst nicht der Größte im Ankündigen.

Diese Methode gibt es schon seit einiger Zeit. Donald Trump verfährt ständig nach diesem Muster, jüngst zum Beispiel im Streit um Grönland. Und aus der Unternehmenswelt kennt man das Prinzip von Elon Musk, der seit Jahren zum Beispiel vollständig selbst fahrende Autos verspricht, die doch nicht kommen.

Man kann dieses Prinzip schnell kritisieren, wahlweise als leere Versprechen oder als großmäulig. Aber so einfach ist es nicht. Sicher, die Strategie hat einen Nachteil: Auf Dauer leidet die Glaubwürdigkeit. Das kann schneller oder langsamer gehen. Wichtiger ist aber: Manchmal erreicht man mit diesen großen Worten trotzdem etwas.

Elon Musk hat zwar nicht so viel geschafft, wie er angekündigt hat – aber manches eben schon: Er hat Elektroautos salonfähig gemacht und eine ganze Generation neuer Weltraumraketen erschaffen. Das ist schon mal mehr, als selbst viele andere Unternehmer erreichen.

In der deutschen Politik erinnern wir uns an Merz’ Vorgänger, Olaf Scholz und Angela Merkel, die kaum mal eine große Ankündigung machten oder eine Richtung vorgaben. Auch diesen Stil hatten die Deutschen nach einiger Zeit über.

Die Informationen werden schneller, die Menschen nicht

Dass die übergroßen Versprechen überhaupt so an Bedeutung gewinnen konnten, das hat mit den Eigenheiten dieser Zeit zu tun: Informationen fließen immer schneller, Debatten beschleunigen sich. Die Menschen erwarten schnellere Handlungen.

Gleichzeitig ändern sich die Menschen aber selbst nicht. Sie arbeiten kaum schneller als vorher, neue Technik nutzen sie nur ganz allmählich, ihre Überzeugungen ändern sie sogar noch langsamer. Ihr Veränderungstempo schrumpft sogar, weil das Durchschnittsalter wächst. Gleichzeitig hat sich die Gesellschaft ausdifferenziert. Die Abläufe sind nicht nur in der Politik immer komplizierter geworden.

Am deutlichsten wurde das an der jüngsten Bundestagswahl. Als die vorgezogen wurde, warnte die Bundeswahlleiterin vor der kurzen Frist zwischen Ankündigung und Wahl, da könnten Fehler passieren. Tatsächlich wurde am Ende manche Stimme von Deutschen im Ausland nicht gezählt, weil sie nicht rechtzeitig kam. 53 Jahre zuvor, nach Willy Brandts verlorener Vertrauensfrage, waren sogar neun Tage weniger Zeit gewesen. Trotzdem lief die Wahl 1972 mit weniger Ruckeleien ab als im Jahr 2026.

Auch unerreichbar scheinende Ziele können helfen

Unerreichbar scheinende Ziele jedenfalls brauchen Menschen immer wieder, um sich zu organisieren und auf ein Ziel hinzuarbeiten. Das wusste schon John F. Kennedy, als er 1962 die Mondlandung für die Sechzigerjahre in Aussicht stellte (die, Jahre nach seinem Tod, sogar gelang). Das ist das Erfolgsprinzip von Elon Musk: Hohe Ziele können nützen, selbst wenn sie gar nicht erreichbar sind, damit man wenigstens das Machbare schafft. Viele Olympioniken träumen von der Goldmedaille, trainieren dann hart und bekommen wenigstens Bronze.

Schwierig wird es nur, wenn diese unerreichbaren Ziele umstritten sind, also wenn nicht jeder sie überhaupt erreichen will. Dann bringt man mit großen Ankündigungen leicht Freunde und Verbündete gegen sich auf, die das Ziel nicht teilen. Auch Merz erntete beim EU-Gipfel den einen oder anderen Misston. In solchen Situationen wachsen die Nebenwirkungen übermäßig lauter Forderungen.

Die Kunst der großen Ankündigung ist eindeutig noch nicht perfektioniert. Aber es schadet nicht, weiter an ihr zu arbeiten.