Anjet Daanjes Roman: Erschaffen, um dies, welches nicht existiert, greifbar zu zeugen

Es beginnt damit, dass es endet. Die Schriftstellerin Eliza May Drayden, Hauptfigur des Romans, stirbt im Dezember 1847, gerade dreißig Jahre alt. Die unermüdliche Leichenwäscherin Susan Knowles-Chester, aus deren Sicht die ersten sechzig Seiten erzählt werden, hat schon viele Mitglieder der Drayden-Familie fürs Grab hergerichtet. Nun also Eliza. Der Roman beschreibt die ungemütlichen Routinen dieses Handwerks, bis etwas geschieht, das die alte Leichenwäscherin aus der Fassung bringt: Die Tote, der sie schon die Augen geschlossen hatte, starrt sie intensiv an. Das Leben Elizas, sofern man das Wort richtig versteht, ist noch lange nicht vorbei.

Die stolze, verschlossene Eliza May Drayden und ihre mildere Schwester Millicent sind zwei Pfarrerstöchter, die im Yorkshire-Dorf Bridge Fowling leben und unter geschlechtsneutralem Pseudonym jeweils einen Roman veröffentlichen, der Furore macht. Vor allem Elizas „Haeger Mass“ entwickelt sich zum düsteren Kultbuch. Die realen Vorbilder dieser Geschichte muss man nicht lange suchen: Es sind die Schwestern Emily und Charlotte Brontë und ihre Romane „Sturmhöhe“ und „Jane Eyre“. Die niederländische Schriftstellerin Anjet Daanje hat den Schwestern ihr Tausendseitenepos „Das Lied von Storch und Dromedar“ gewidmet, das mit den meist konventionellen Aufbereitungen von Autorenbiographien in Romanform wenig zu tun hat. Anjet Daanje ersinnt eine ganze eigene Mythologie um die Draydens und entfesselt eine phantastische Welt.

Anjet Daanje: „Das Lied von Storch und Dromedar“. Roman.
Anjet Daanje: „Das Lied von Storch und Dromedar“. Roman.Friedenauer Presse

Die Schriftstellerin wurde 1965 in der Provinz Drenthe geboren und studierte Numerik und Geschichte der Mathematik . Ihr siebter Roman, „Der erinnerte Soldat“, wurde 2019 in den Niederlanden zum großen Erfolg und „Das Lied von Storch und Dromedar“ drei Jahre später als bester Roman seit der Jahrtausendwende gefeiert. Er folgt nicht der Logik eines Plots, sondern entfaltet ein komplexes Themengewebe, eingeteilt in elf Kapitel, die sich wie eigenständige Novellen lesen, aber in mal offensichtlicher, mal untergründiger Wechselwirkung stehen. Sie alle haben – bis zum Jahr 2030 – mit dem Nachleben der Schwestern zu tun, auf eine Art, die an die konzentrische Ausbreitung der Wellen nach dem Fall eines Steins ins Wasser erinnert: Je weiter die Kreise, desto geringer die Amplitude der Welle.

Zu den Naherfahrungen gehört noch die anrührende zweite Novelle über Grace Jennings-Appleton. Sie arbeitet in der kleinen Post von Bridge Fowling und bekommt mit, wie die Schwestern ihre Manuskripte lange vergeblich an die Londoner Verlage schicken. Grace ist dann die Erste, die die aufsehenerregenden Romane den Verfasserinnen zuordnen kann. Sie gründet eine heimliche Lesegemeinschaft im Ort. Als Eliza allerdings vom Treiben dieser Enthusiastinnen erfährt, reagiert sie beschämt und verärgert. Wütend über den Ruhm und die „unzüchtigen“ Romane der Schwestern ist Millicents Ehemann, der Dorfpfarrer Jennings. Schließlich lässt er sogar die Namen von ihren Grabsteinen schmirgeln, was die Literaturpilger aber nicht fernhält.

Das Schreiben Emily Brontës auf die Spitze getrieben

Anjet Daanje nimmt sich das verschachtelte und vielstimmige Erzählen Emily Brontës zum Vorbild und treibt es auf die Spitze. Wie in „Sturmhöhe“ geht es um Land- und Leidenschaften von mythisch-dämonischer Größe, ohne dass die Autorin dabei je in falsches Pathos abgleiten würde. Moor und Heide werden zum psychophysischen Resonanzraum. Schwarze Romantik treibt viele Blüten: merkwürdige Geräusche in leeren Zimmern, die überwältigende Präsenz von Verstorbenen, verlorene Uhren, fatale Klavierlehrer, Brandwunden-Rituale, Namens-Flüche. Zentral ist das Doppelgänger- und Geschwistermotiv; Eliza und Millicent bilden, indem sie ihre Phantasiewelten teilen, zeitweise fast einen gemeinsamen Organismus. Die symbiotische Geschwisterlichkeit wird in anderen Figurenkonstellationen vielfach variiert: immer wieder Schwestern und Zwillinge, die sich nach dem Verlust des anderen nur noch wie eine abgerissene Hälfte fühlen. Diese leicht inzestuöse Geschwisterlichkeit kommt Paarbeziehungen ins Gehege oder steigert sie zum Dreiecksbund.

Die größte Intensität erreicht dieses Motiv in der fulminanten Novelle über die eineiigen Zwillinge Lena und Penny Deering, die am Ende des neunzehnten Jahrhunderts spielt. Die Welt des Wunderbaren ist hier zum Business geworden. Die Familie verdient ihr Geld mit perfekt inszeniertem Okkultismus. Sie veranstalten Séancen, bei denen die Zwillinge die verblüffendsten Effekte als Spiegelgestalten erzielen. Offiziell existiert nur ein einziges Mädchen namens Phoebe – damit sind vielfältigen Wundern Tür und Tor geöffnet. Als aber Penny früh stirbt, ist es für Lena wie eine zweite Geburt in ein Leben, das von Verlustschmerz und unstillbarer Sehnsucht geprägt wird.

Damit, Daanjes Spiel mit Leben und Werk der Brontës aufzuschlüsseln, wäre ein literaturwissenschaftlicher Sonderforschungsbereich gut beschäftigt. Aber der Roman setzt keine akademische Kennerschaft voraus, sondern nur den guten Willen zu einer herausfordernden Lektüre. Hat man erst einmal begonnen, zieht einen der Sog des Erzählens durch Zeiten und Welten bis zum letzten Satz: „Es wird schon dunkel.“ Dunkle Akzente setzt das Buch allerdings von der ersten Seite an. So wasserklar die von Ulrich Faure übersetzte Sprache der Autorin (dafür war das Buch in Leipzig für den diesjährigen Übersetzungspreis der Buchmesse nominiert), so morbide die Atmosphäre. Der Tod ist allgegenwärtig. Storch und Dromedar spielen am Rand eine allegorische Rolle; Das eigentliche Wappentier dieses Romans wäre die blaugrün schillernde Schmeißfliege, deren grässliche Schwärme zur Plage werden in der sechsten Geschichte, wo es um Leichengestank geht, der von der zugemauerten Krypta unter der Dorfkirche ausgeht.

Alle Uhren hören auf zu schlagen

Zwischen den Novellen liest man kurze Kapitel, die in postmoderner Manier die fiktive Sekundärliteratur um die Drayden-Schwestern in Szene setzen: Zeitungsartikel, Briefe, Polemiken, Auszüge aus Biographien, Reiseberichte über Bridge Fowling. Literaturwissenschaftler werden in ihren beflissenen Bemühungen geschildert, das Dickicht der Widersprüche zu lichten, das mit der Mythenbildung um die berühmten Schwestern nur weiter wächst. Da vernimmt man etwa in charakteristischer Diktion immer wieder die Biographin Agnes Chambers, die vom Mainstream der Forschung geächtet wird, weil sie das postum entdeckte Notizbuch von Eliza May Drayden angeblich gefälscht habe. Trotz ihrer obsessiven Beschäftigung damit kann sie sich keinen Reim auf die kryptischen Aufzeichnungen machen.

Das tut der Roman selbst erst in der letzten Novelle, die am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts angesiedelt ist und vom niederländischen Uhrmacher Ties Auwerda erzählt. Für seine Frau Heleen, eine Quantenphysikerin, hören alle Uhren zu schlagen auf, als sie beim Sturz von einer Trittleiter eine schwere Kopfverletzung erleidet und fortan wie eine lebende Tote im Wachkoma liegt. Durch qualvolle Experimente versucht Ties, sein eigenes Zeitempfinden aufzulösen, um Heleens Zustand der völlig leeren Dauer nahezukommen. Seine Messungen stehen in einem unerklärlichen, aber der Logik des Romans folgenden Zusammenhang mit den Chiffren und Tabellen in Elizas Notizbuch. Eine Rückkehr ins normale Leben wird für Ties unmöglich: „Er sieht in der Uhrzeit nur noch eine menschliche Erfindung, ein Bauwerk wie eine Kirche, allein dazu erschaffen, das, was nicht existiert, greifbar zu machen.“

Wenn der herkömmliche Zeitbegriff aber eine Illusion ist, lösen sich auch die Zusammenhänge der Chronologie und Kausalität auf, und man kann ganz anders von Menschen und ihren Wirkungskreisen erzählen. Das tut Anjet Daanje auf höchst faszinierende Weise. In Europa gibt es nicht viele literarische Weltenerfinder ihres Kalibers. Mircea Cărtărescu wäre als Vergleichsgröße zu nennen. Wie der Rumäne sollte auch die Niederländerin jetzt endlich die internationale Anerkennung bekommen, die ihr gebührt.

Anjet Daanje: „Das Lied von Storch und Dromedar“. Roman.  Aus dem Niederländischen von Ulrich Faure. Friedenauer Presse, Berlin 2025. 982 S., geb., 38,– €.

Source: faz.net