Angstgegner? Warum Real Madrid diesmal vor den Bayern zittert

Im Viertelfinale der Champions League tritt der FC Bayern bei Real Madrid an. Die Königlichen sind eigentlich ein gefürchteter Gegner der Münchner. Weltmeister Sami Khedira erklärt, was dennoch für Bayern spricht.

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Die Einladung ist ausgesprochen. Am Dienstagmittag bittet der mächtige Real-Madrid-Präsident Florentino Pérez seinen Amtskollegen Herbert Hainer mit der ­Delegation des FC Bayern um den Vorstandsvorsitzenden Jan-Christian Dreesen und Vorstand Rouven Kasper zum „Uefa Lunch“ in der spanischen Metropole. Das Essen in Madrid hat Tradition. Nur dieses Mal sind die Vorzeichen anders: Die Bayern kommen als der große Favorit an den Tisch.

Der Giganten-Gipfel Bayern gegen Real: In den vergangenen vier K.-.o.-Duellen in der Champions League flogen die Münchner gegen die Königlichen raus, dreimal davon im Halbfinale (2024, 2018, 2017). Doch jetzt scheint alles anders. Es ist Madrid, das vor den Bayern zittert.

„Wenn ich mit beiden Lagern spreche, ist der gegenseitige Respekt brutal da, und das hörst du wirklich raus“, sagt Sami Khedira im Gespräch mit dieser Redaktion. Der 38-jährige Weltmeister von 2014 trug von 2010 bis 2015 das weiße Trikot der Königlichen. „Es ist das größte Spiel in Europa, wenn man die Geschichte der beiden Klubs sieht. Das gilt aktuell auch für den Leistungsstand und das Niveau beider Teams.“

Khedira sieht dieses Mal die Bayern favorisiert. „Das ist eine Killermannschaft. Das habe ich so in Europa auf diesem Topniveau wirklich noch nie erlebt“, sagt der ehemalige Nationalspieler. „Bei Bayern ist der große Fokus auf dieses Gewinnen, Hochgewinnen und auch nicht nach 1:0, 2:0 oder 3:0 sich zufriedenzugeben.“

Anschauungsunterricht, wie man es nicht machen darf

Khedira gewann 2014 die Champions League mit Real, das die Bayern im Halbfinale abfertigte (1:0/4:0). Trainer der Münchner war damals Pep Guardiola. Der Lehrmeister des heutigen Bayern-Trainers Vincent Kompany ging dieses Jahr im Achtelfinale mit Manchester City gegen Real unter (0:3/1:2). Für Kompany sind diese beiden Spiele im Video-Studium der Anschauungsunterricht, wie man es nicht machen darf.

Im Mittelpunkt der Vorbereitung gegen Real hat Kompany deshalb die Konterabsicherung gestellt. Die Bayern-Taktik wird gerade im Hinspiel darauf ausgelegt sein, die schnellen Spitzen Vinícius Júnior und Kylian Mbappé zu stoppen. Das Gegenpressing der Bayern hat der Belgier im Gegensatz zur Vorsaison, in der die Bayern in den Räumen hinter der Abwehr noch sehr anfällig waren, bereits stark verbessert. Gegen Real muss Kompany nun zeigen, dass seine verfeinerte Spiel-Philosophie auch gegen einen absoluten Top-Gegner standhält.

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Entscheidend für Kompanys Taktikpläne gegen Real Madrid ist die Frage: Wird Alphonso Davies rechtzeitig fit?

Der Kapitän der kanadischen Nationalmannschaft hatte sich beim Achtelfinal-Hinspiel in Bergamo (6:1) nur 26 Minuten nach seiner Einwechslung erneut verletzt, musste mit einer Zerrung im rechten, hinteren Oberschenkel raus. Unter Tränen wurde Davies von Kompany getröstet. Auch für den Bayern-Coach war der Ausfall ein harter Schlag.

Nach Informationen dieser Redaktion hatte sich Kompany für eine Verlängerung des Vertrags von Davies bei der Klubführung starkgemacht. Sein Hauptargument soll dabei gelautet haben: Davies sei für seine Spiel-Philosophie entscheidend, da er dank seiner Geschwindigkeit die offenen Räume hinter der hochstehenden Abwehr zulaufen kann.

Neben Davies wird Konrad Laimer zum zweiten Schlüsselspieler. Der Außenverteidiger, der in Bergamo auf links in der Viererkette überfordert schien, darf dann wieder als Rechtsverteidiger zeigen, dass er seine hohen Gehaltsforderungen im aktuellen Vertragspoker auch wirklich wert ist. Anders als Davies wird der Österreicher allerdings tiefer stehen, um die Vorstöße von Vinícius abfangen zu können.

„Mbappé und Vini sind nicht gerade bekannt für hohes Pressing oder gutes Anlaufen“, sieht DAZN-Experte Khedira bei diesen Duellen eine große Bayern-Chance. „Darunter könnte eventuell der Teamgeist ein wenig leiden. Das ist eine Gefahr bei Real. Deswegen gibt es in Madrid diese Saison so ein extremes Auf und Ab mit sehr viel Unruhe.“ Zumal der FC Bayern vielleicht die gefährlichere Waffe auf den Flügeln aktuell selbst unter Vertrag hat.

165 Millionen Euro für Michael Olise?

„Bayern hat mit Michael Olise den aktuell wahrscheinlich besten Flügelstürmer der Welt“, meint Khedira. Nicht umsonst gibt es aktuell Gerüchte, Real-Präsident Pérez plane ein 165-Millionen-Angebot für den Münchner. Khedira würde das nicht verwundern. „Wenn sich Real nicht ernsthaft mit Olise auseinandersetzt, wäre es schon sehr überraschend“, sagt Khedira. „Olise passt in die Philosophie des Klubs. Real will nicht für fertige alte Stars viel Geld ausgeben, sondern in noch entwicklungsfähige Spieler investieren, bei denen sie noch mindestens sechs bis acht Jahre an Laufzeit haben. Mit 24 erfüllt Olise genau diese Kriterien. Er bietet ein Gesamtpaket, das top ist.“

Ein weiterer wichtiger Spieler für Kompany wird es wohl nicht in die Startelf der Bayern im Hinspiel schaffen. Jamal Musiala kämpft nach einer Schmerzreaktion nach seinem Comeback darum, in den Kader zurückzukehren. Umso wichtiger wird daher plötzlich ein Spieler, mit dem vor der Saison nur die wenigsten gerechnet hatten. Serge Gnabry vertritt aktuell Musiala als Spielgestalter hinter der Spitze.

„Auch Serge Gnabry ist sehr gefährlich. Wenn es Bayern gelingt, die Bälle hinter die Kette zu spielen, wird es für Real bei den Läufen in die Tiefe schnell brenzlig“, analysiert Khedira. „Da sind sie sehr, sehr verwundbar. Bayern hat da seine große Stärke mit den öffnenden Bällen von Kimmich, Pavlovic oder auch Kane.“

Die Bayern reisen selbstbewusst nach Madrid. Dabei setzten sie sich zuletzt vor 14 Jahren gegen Real Madrid in einem K.-o.-Duell durch. Im April 2012 gewannen die Münchner das Heimspiel mit 2:1 und setzten sich in Madrid im Elfmeterschießen mit 3:1 durch.

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„Wir wollen das Viertelfinale bestehen und ins Halbfinale kommen“, sagt Vorstandschef Dreesen, der das Rückspiel in München als klaren Vorteil sieht. „Es ist gut, dass wir in Madrid beginnen. Real ist souverän ins Viertelfinale gekommen. Wir sind souverän ins Viertelfinale gekommen.“

Khedira stimmt dem zu. „Die Bayern sehen schon einen Riesenvorteil darin, dass sie das Rückspiel zu Hause haben. Das kann entscheidend sein“, meint der ehemalige Madrilene. Khedira stand sogar selbst 2015 vor dem Schritt von Real zu Bayern.

„Matthias Sammer war Sportvorstand des FC Bayern, als ich noch eine Restlaufzeit meines Vertrags bei Real von einem Jahr hatte. Damals gab es tatsächlich einen Austausch zwischen Bayern, in dem Fall mit Matthias, und mir, ob sich beide Seiten das generell vorstellen könnten“, erinnert sich Khedira.

„Es waren eher Gespräche als konkrete Verhandlungen. Im Endeffekt war es dann so, dass ich mich für Italien und fürs Ausland entschieden habe. Bayern holte darauf Arturo Vidal, entschied sich für einen anderen Spielertypen. Aber ich muss sagen: Unter Pep Guardiola zu trainieren, wäre für mich definitiv reizvoll gewesen.“

Guardiola hatte es einst als Bayern-Trainer nicht geschafft, die Königlichen zu bezwingen. Kompany kann es nun besser machen als sein einstiger Lehrmeister.

Der Text wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Sport Bild“ veröffentlicht.

Source: welt.de