Angriffe hinaus den Iran: „Auf dieses Szenario hat sich das Mullah-Regime seit 1979 vorbereitet“
Angriffe auf den Iran„Auf dieses Szenario hat sich das Mullah-Regime seit 1979 vorbereitet“
02.03.2026, 20:23 Uhr

Der Nahost-Experte Thomas Volk hält die Angriffe der USA und Israels gegen den Iran für richtig. Das Mullah-Regime habe über Jahrzehnte seine eigene Bevölkerung „gefoltert, getötet und öffentlich an Kränen gehenkt“ und sei eine Gefahr für die Sicherheit der Region. „Aber wir sollten die Stabilität dieses Regimes nicht unterschätzen.“
ntv.de: Hat es Sie überrascht, dass Israel und die USA es so schnell geschafft haben, den Obersten Führer des Iran, Ajatollah Chamenei, zu töten, dazu noch weitere Führungsfiguren des Regimes?
Thomas Volk: Überrascht hat mich das nicht. Man hätte zwar davon ausgehen können, dass Chamenei und sein engster Zirkel sich irgendwo in Meter tiefen Bunkern verschanzen. Aber schon im Zwölf-Tage-Krieg im Juni 2025 haben die USA bunkerbrechende Bomben eingesetzt. Dass sie dieses Mal direkt auf Chamenei zielen würden, war klar. Und wie gut die Geheimdienstinformationen der Israelis sind, wissen wir spätestens seit den Pager-Angriffen, mit denen Israel im September 2024 fast die gesamte Führung der Hisbollah ausgeschaltet hat.
Lässt sich einschätzen, wie lange der Iran noch Vergeltungsschläge durchführen kann?
Das ist die große Frage. Im Zwölf-Tage-Krieg hat Israel schon nach einem Tag die Lufthoheit gewonnen. Damals sind wir davon ausgegangen, dass die Raketen-Abschussrampen in großem Ausmaß zerstört wurden. Insofern ist es eher überraschend, dass der Iran heute, am dritten Tag der Angriffe, es noch immer schafft, relativ massive Gegenschläge durchzuführen, sowohl gegen Israel als auch gegen US-Basen in der Region. Das Regime scheint sich vorbereitet zu haben. Es hat vermutlich eine dezentralere Angriffsstruktur geschaffen, weil es natürlich wusste, dass ein weiterer Angriff Israels und der USA erfolgen könnte. Man muss also davon ausgehen, dass die Iraner nicht nur für einige Tage, sondern für mehrere Wochen vorgesorgt haben.
Wie ist es mit der Hisbollah? Deren erste Reaktion klang zurückhaltend, mittlerweile hat sie trotzdem Angriffe auf Israel gestartet.
Schon vor Beginn der aktuellen Angriffe hatte die Hisbollah deutlich gemacht, dass ihre rote Linie die Tötung Chameneis wäre. Von daher sind die heutigen Angriffe der Hisbollah auf Israel aus ihrer Logik nur folgerichtig. Trotzdem ist es eine weitere Verschärfung dieses Krieges, denn Israel muss sich jetzt abermals mit einem direkten Nachbarn eine militärische Auseinandersetzung liefern. Allerdings gibt es im Libanon jetzt eine funktionierende Regierung. Sowohl der Staatspräsident als auch der Ministerpräsident positionieren sich eindeutig gegen die Hisbollah. Die Frage ist, ob auch die Bevölkerung des Libanon jetzt gegen die Hisbollah aufbegehrt, weil die versucht, den Libanon in diesen Krieg zu ziehen.
Fürchten Sie, dass der Krieg sich noch weiter ausweitet?
Von einer Verstärkung des Krieges zwischen Israel und dem Libanon ist auszugehen. Trotz der Pager-Attacke und der Angriffe im vergangenen Jahr ist die Hisbollah aus der Gruppe der schiitischen Proxys, also der Verbündeten des Regimes in Teheran, die letzte große Gefahr für Israel. Deshalb wird Israel versuchen, auch diese Gefahr zu eliminieren.
Und jenseits der israelisch-libanesischen Front?
Abzuwarten bleibt, wie sich die schiitischen Milizen im Irak positionieren – diese Front ist bisher erstaunlich ruhig geblieben. Auch in Syrien gibt es schiitische Milizen, und die Huthis könnten weiter die Schifffahrt in der Straße von Hormus beeinträchtigen. Dazu kommen die iranischen Kapazitäten selbst. Und wir wissen nicht, ob die angegriffenen Golfstaaten in den nächsten Tagen eigene Gegenschläge initiieren. Das alles hat in der Tat das Potenzial für einen großen und langen regionalen Krieg.
Große militärische Interventionen im Nahen Osten haben die Situation dort meist nicht verbessert. Gibt es Grund zur Annahme, dass es dieses Mal anders sein könnte?
Der Iran ist ein riesiges Land. Das Regime in allen Landesteilen zu schwächen, dürfte sehr schwierig werden. Zudem sind die Revolutionsgarden über vier Jahrzehnte indoktriniert und im Grunde auf genau eine solche Situation vorbereitet worden. Deren Ideologie geht davon aus, dass die USA der große Feind sind und Irael der kleine Feind ist. Gegen beide wird jetzt Krieg geführt. Für die Revolutionsgarden ist das ein existenzieller Kampf, den sie so weit wie möglich in die Länge ziehen müssen, um ihn zu überstehen.
Im Iran gab es Jubel über den Tod von Chamenei, aber auch Kundgebungen von Anhängern des Regimes. Wie stabil ist die Herrschaft der Ajatollahs?
Der Iran hat mehr als 90 Millionen Einwohner. Bei den Protesten gegen das Mullah-Regime waren Hunderttausende auf der Straße. Aber wir wissen zu wenig darüber, wie in den ländlichen Regionen des Iran gedacht wird. In jedem Fall wird es kein leichtes Unterfangen, dieses Regime mit Luftschlägen kurzfristig zu destabilisieren. Zumal schon vor der Tötung Chameneis bis in die vierte Reihe eine Nachfolgeregelung getroffen wurde. Wir wissen auch zu wenig über die Strukturen der Opposition im Iran. Deshalb sind Prognosen über die weitere Entwicklung so schwierig: Ob das aktuelle Regime mit neuem Personal Bestand hat, ob sich Alternativen herauskristallisieren, ob die Revolutionsgarden die Macht übernehmen oder es eine andere Form der autoritären Regierung gibt – das lässt sich nicht vorhersagen. Sicher ist nur: Man sollte sich keinen Illusionen hingeben, dass es einfach wäre, im Iran einen Regime Change zu bewirken.
US-Präsident Trump hat die Iraner dazu aufgerufen, das Regime zu stürzen: „Jahrelang habt ihr Amerika um Hilfe gebeten, doch ihr habt sie nie erhalten. Kein Präsident war bereit, das zu tun, was ich heute Abend zu tun bereit bin. (…) Mal sehen, wie ihr reagiert.“ Klingt da zwischen den Zeilen durch: Wenn es keinen Regime-Wechsel gibt, dann liegt es nicht an mir, dann liegt es an euch?
Das ist die Botschaft, die viele daraus ableiten. Entscheidend wird die erste Woche der Angriffe sein, weil es darum geht, die Führung der Revolutionsgarden und des Regimes insgesamt so weit wie möglich zu schwächen. Es gibt wohl auch Angriffe auf Polizei und Basidsch-Milizen, weil das die Kräfte sind, die Demonstrationen brutal niedergeschlagen haben. Sie sollen offenbar so geschwächt werden, dass sie dazu nicht mehr in der Lage sind.
Kann das gelingen?
Es gibt Zahlen, die zwar nicht verifizierbar sind, aber nach denen es bis zu eine Million Mann gibt, die für das Regime kämpfen würden – bei den Revolutionsgarden, bei den Basidsch-Milizen, bei anderen Milizen, in der Polizei. Das ist eine enorme Menge. Diese Leute können nicht mit Luftangriffen eliminiert werden.
Trump hat die Revolutionsgarden, die Armee und alle Sicherheitskräfte aufgerufen, die Waffen niederzulegen und sich mit der Opposition zu verbünden.
Auch darüber wissen wir zu wenig. Es ist richtig, das Mullah-Regime anzugreifen, es ist richtig, die Revolutionsgarden zu schwächen. Aber wir sollten die Stabilität dieses Regimes nicht unterschätzen. Es ist über fast 50 Jahre aufgebaut worden, es reicht bis in die kleinste Ortschaft, es ist darauf trainiert, Aufstände brutal niederzuschlagen. Deshalb halte ich es für schwer vorstellbar, dass ein solcher Aufruf verfängt. Zu groß dürfte die Furcht sein, dass eine neue Regierung Rache nehmen würde.
Haben Trump und der israelische Ministerpräsident klare Ziele, die erreicht werden müssen, damit der Krieg endet?
Für die israelische Regierung ist das Ziel klar, Netanjahu hat es auch deutlich formuliert: Er arbeitet seit drei Jahrzehnten darauf hin, dieses Regime zu Fall zu bringen. Die Hamas ist geschwächt, die Hisbollah ist geschwächt, in Syrien ist der mit dem Iran verbündete Machthaber Baschar al-Assad abgesetzt worden. Jetzt geht es darum, den Ursprung der Instabilität in der Region, das iranische Regime, zu Fall zu bringen. Dafür hat Israel jetzt die Unterstützung der Amerikaner. Die Frage ist, wie lange sie anhält.
Glauben Sie, dass dieser Krieg länger dauern wird als der Zwölf-Tage-Krieg im Juni 2025?
Wie gesagt: Für das iranische Regime ist dieser Krieg die existenzielle Frage schlechthin. Im Grunde hat es sich seit der Islamischen Revolution von 1979 auf dieses Szenario vorbereitet: eine direkte militärische Auseinandersetzung mit den USA und Israel. Für die Islamische Revolution, für die Revolutionsgarde, für die Revolutionswächter steht alles auf dem Spiel. Das iranische Regime wird nichts unversucht lassen, um diesen Krieg zu überstehen. Deshalb kann man davon ausgehen, dass der Krieg mehrere Wochen dauern wird – bis es entweder zu einer Einigung oder zu einem militärischen Ergebnis kommt.
Ist auch mit Terroranschlägen in den USA oder in Europa zu rechnen?
Ja. Über Organisationen und Schläferzellen reicht der lange Arm der Mullahs bis nach Europa, bis nach Deutschland. Deshalb sind dezentrale Angriffe auf israelische, amerikanische und jüdische Einrichtungen leider zu befürchten.
Gibt es politisch und völkerrechtlich einen Unterschied zwischen dem, was die USA und Israel im Iran machen, und dem, was Russland in der Ukraine macht?
Ich bin Nahostwissenschaftler, kein Völkerrechtler. Aber der qualitative Unterschied ist, dass wir es im Iran mit einer islamistischen Theokratie zu tun haben, mit einem Unterdrückerregime, das über Jahrzehnte seine eigene Bevölkerung und Regimegegner gefoltert, getötet und öffentlich an Kränen gehenkt hat. Gleichzeitig ist dieses Regime eine Gefahr für die Sicherheit der Region. Dass man ein solches Regime angreift, halte ich für begründbar.
Mit Thomas Volk sprach Hubertus Volmer
Source: n-tv.de