Angriff von Israel und USA: Wird welcher Irankrieg Netanjahu zur Wiederwahl verhelfen?

Am Samstagabend meldeten israelische Medien den ersten schweren iranischen Raketentreffer an diesem Tag. Bilder und Videos, die Israelis über soziale Netzwerke teilten, zeigten brennende und zerstörte Gebäude in Tel Aviv. Etwa 25 Menschen wurden laut Angaben des Rettungsdienstes Magen David Adom durch Raketenteile verletzt. Eine Frau wurde getötet.
Zuvor hatte es laut offiziellen Angaben etwa hundert Verwundete gegeben. Die allermeisten trugen leichte Verletzungen davon, etwa als sie auf dem Weg in den Schutzraum stürzten. Seit um 8.13 Uhr am Morgen zum ersten Mal an diesem Tag die Alarmsirenen aktiviert worden waren, um die Bevölkerung auf drohende iranische Gegenangriffe vorzubereiten, mussten Millionen Menschen immer wieder Schutzräume aufsuchen. In Tel Aviv heulten die Alarmsirenen zwischenzeitlich im Halbstundentakt auf. Mehr als hundert Raketen und Drohnen habe Iran bis zum Abend auf den Weg gebracht, schätzten Mitarbeiter des Verteidigungsapparats. Die allermeisten wurden offenbar abgefangen.
Erläuternd hieß es zu den Angaben, Iran halte sich zurück – möglicherweise seien in den nächsten Tagen noch massivere Angriffe zu erwarten. Auch Armeechef Eyal Zamir mahnte zur Vorsicht: „Wir dürfen die Fähigkeit des Feindes nicht unterschätzen, uns Schaden zuzufügen“, sagte er in einem am Nachmittag veröffentlichten Videostatement. Eine „hermetische Verteidigung“ gebe es nicht.
Erfolgsmeldungen dominieren ersten Tag des Krieges
Eindrücke des ersten Tages legen nahe, dass die meisten Israelis all das mit der Abgebrühtheit aufnahmen, die ihnen oft nachgesagt wird. Die Routine, sich im Falle eines Raketenalarms umgehend in einen Schutzraum zu begeben, war auch nach mehreren Monaten ohne solche Vorfälle schnell wieder sichtbar. Alarmfreie Zeiten nutzten viele, um sich in Supermärkten mit Lebensmitteln einzudecken. Einige verließen auch Zentren wie Tel Aviv, die von Angriffen besonders gefährdet sind, und begaben sich in abgelegenere Teile des Landes.
Und insgesamt dominierten Erfolgsmeldungen den ersten Tag des neuen Krieges zwischen Iran und Israel sowie den USA. Etwa 500 Ziele in Iran wurden laut Armeeangaben bis zum Abend angegriffen. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu kündigte in einer Videoansprache an, es würden noch Tausende weitere Ziele hinzukommen. Die Armee verkündete, wie zu Beginn des Zwölftagekriegs im Juni vergangenen Jahres mehrere ranghohe Vertreter des iranischen Regimes getötet zu haben. Vom Nachmittag an wurden die Spekulationen lauter, dass auch Irans Oberster Führer Ali Khamenei selbst getötet wurde.
Dass zum Auftakt des gemeinsamen amerikanisch-israelischen Angriffs etwa 200 israelische Kampfflugzeuge in der Nacht zum Samstag nach Iran geflogen seien, sei das größte derartige Flugmanöver in der Geschichte Israels gewesen, teilte die Luftwaffe stolz mit. Es erhielt deshalb sogar einen eigenen Namen: „Genesis“. Die Militäraktion insgesamt wurde von Netanjahu „Brüllender Löwe“ getauft. Die Regierung hat dazu sogar ein eigenes Logo entwickelt, es zeigt stilisiert die Flagge Israels sowie einen brüllenden Löwen.
Politisches Marketing gilt als eine der Stärken Israels
Dass eine Militäraktion medial professionell begleitet und aufbereitet wird, ist grundsätzlich nicht ungewöhnlich für israelische Verhältnisse. Politisches Marketing, im Hebräischen Hasbara (etwa: Erklärung) genannt, ist seit jeher eine der Stärken des Landes. Es zielt vor allem auf das Ausland. Denn innenpolitisch besteht nahezu keine Notwendigkeit, den Krieg zu rechtfertigen: Beim Thema Iran steht die Opposition fast geschlossen an der Seite Netanjahus; wenn überhaupt, versucht sie ihn noch rechts zu überholen.
So sagte der frühere Ministerpräsident Naftali Bennett, der Umfragen zufolge zurzeit als aussichtsreichster Kandidat gilt, Netanjahu nach der Parlamentswahl in diesem Jahr abzulösen, das jüdische Volk bete dafür, dass die Iraner sich endlich von ihrem „gewalttätigen, realitätsfernen, korrupten und scheiternden Terrorregime“ entledigen. Bennett dankte Donald Trump in seiner Stellungnahme ausgiebig – im Wissen um die Beliebtheit des amerikanischen Präsidenten unter Israelis. Die Oppositionspolitiker Yair Lapid, Benny Gantz und Yair Golan äußerten sich ganz ähnlich. Einzig der Knessetabgeordnete Ayman Odeh, der bekannteste Vertreter der palästinensischen Bevölkerungsgruppe in Israel, kritisierte den Angriff. Krieg sei nicht der einzige Weg, sagte er.
Folgen für anstehenden Wahlkampf noch unklar
Ob die Militäraktion für Netanjahu zu einem politischen Triumph wird, ist indessen noch offen. Somit bleibt vorerst auch die Frage unbeantwortet, ob das Thema im bald anstehenden Wahlkampf eine Rolle spielen wird – spätestens Ende Oktober wird das Parlament neugewählt. Sollte der Angriff nach allgemeinem Dafürhalten unbefriedigend enden, könnte die Opposition versuchen, das Netanjahu anzukreiden.
Umgekehrt ist nicht gesagt, dass er von einem erfolgreich verlaufenden Krieg maßgeblich profitieren wird. Amos Yadlin, ein Politikanalyst und früherer Leiter des israelischen Militärgeheimdienstes, wies am Samstag im Gespräch mit Journalisten darauf hin, dass auch die militärischen Erfolge Israels gegen Iran, die Hizbullah und die Hamas in den vergangenen anderthalb Jahren das politische Meinungsbild nicht entscheidend verändert hätten: Die Israelis seien gespalten in Netanjahu-Unterstützer und Netanjahu-Gegner. Seit Monaten legen Umfragen nahe, dass das Oppositionslager in einer Wahl etwa 70 der 120 Knesset-Sitze erringen würde, das Regierungslager dagegen nur etwa 50. Netanjahu gilt als exzellenter Wahlkämpfer – aber um im Amt zu bleiben, wird er wohl auf mehr setzen müssen als nur auf einen siegreichen Krieg gegen Iran.
Source: faz.net