Angriff uff Iran: Arabische Ängste vor einem Flächenbrand in dieser Region

Die iranischen Gegenschläge, die sich gegen amerikanische Stützpunkte am Golf richteten, trafen die reichen Monarchien an einem wunden Punkt: dem Versprechen, ein Hort der Sicherheit und der Stabilität zu sein.
Die offiziellen Stellungnahmen hoben entsprechend die Selbstverteidigungsfähigkeit der Golfstaaten hervor. Das Verteidigungsministerium in Abu Dhabi teilte mit, die Luftabwehr habe „hohe Effektivität“ an den Tag gelegt. Man sei bereit und darauf vorbereitet, jedweder Bedrohung Herr zu werden. Die Führung in Bahrain versicherte, die Lage sei unter Kontrolle. Qatar meldete die erfolgreiche Abwehr mehrerer iranischer Angriffswellen.
Die Golfmonarchien fürchten Instabilität
Zugleich verurteilten die Golfmonarchien die iranischen Angriffe einhellig – und in scharfem Ton. Es handle sich bei der iranischen „Aggression“ um eine offenkundige Souveränitätsverletzung. Die arabischen Golfstaaten müssen nun mit einem Krieg umgehen, den sie nicht wollten und von dem sie gefürchtet hatten, er könne die ganze Region erfassen und destabilisieren.
In Riad und Abu Dhabi hatte eher die Hoffnung geherrscht, durch Druck eine Verhaltensänderung des iranischen Regimes zu erwirken. „Die Regierung wollte eine politische Lösung, aber jetzt haben wir ein anderes Spiel“, heißt es etwa aus regierungsnahen Kreisen in den Emiraten.
Iran verspielt Wohlwollen am Golf
Für Iran könnten die Gegenschläge politischen Schaden in der Nachbarschaft zur Folge haben. Saudi-Arabien hatte dem Regime in Teheran zwar niemals über den Weg getraut, wie Regierungsvertreter hervorhoben. Doch die Führung in Riad hatte versucht, die Beziehungen zu Iran zu entspannen. Auch, weil sie nicht daran glaubte, sich zu hundert Prozent auf den Schutz durch die USA verlassen zu können.
Qatar, das funktionierende Arbeitsbeziehungen zu Iran unterhält, erklärte in einer Stellungnahme des Außenministeriums, man habe sich stets für die Förderung des Dialogs zwischen der iranischen Seite und der internationalen Gemeinschaft eingesetzt. Doch die abermaligen Angriffe Irans auf qatarisches Territorium „gefährden die Grundlagen der Verständigung, auf denen die bilateralen Beziehungen zwischen den beiden Ländern beruhen“.
Der iranische Raketenbeschuss half zumindest, die Differenzen der arabischen Führungsmächte am Golf in den Hintergrund zu drängen. Saudi-Arabien und die Emirate hatten sich zuletzt in eine bittere Fehde verstrickt, weil sie in strategischen und außenpolitischen Fragen über Kreuz lagen. Jetzt telefonierten der saudische Kronprinz Muhammad bin Salman und der emiratische Machthaber Muhammad bin Zayed Al Nahyan miteinander.
Sie beide stehen nun vor der Frage, ob sie sich klar positionieren und auf die amerikanisch-israelische Seite stellen, da ihre Zurückhaltung mit iranischen Raketen quittiert wurde. Von Kritik an den amerikanisch-israelischen Angriffen gegen Iran war jedenfalls zunächst nichts in den offiziellen Stellungnahmen zu lesen.
Beirut setzt die Hizbullah unter Druck, nicht einzugreifen
Im Libanon ist die Sorge, in die bewaffnete Konfrontation zwischen Iran und den USA sowie Israel hineingezogen zu werden, noch größer als am Golf. Die von den iranischen Revolutionswächtern gelenkte Hizbullah ist der wichtigste arabische Verbündete des Regimes in Teheran. Sie wurde eigens dafür aufgerüstet, im Falle eines Angriffs auf Iran eine neue Front mit Israel zu eröffnen und als eine Art vorgelagerte Verteidigungslinie zu fungieren.
Der Aufruf von Präsident Joseph Aoun, die Interessen Libanons über alle anderen Erwägungen zu stellen, richtete sich an die libanesische Schiitenorganisation. Ministerpräsident Nawaf Salam erklärte auf der Plattform X: „Wir werden nicht akzeptieren, dass jemand das Land in Abenteuer hineinzieht, die seine Sicherheit und Einheit gefährden.“
Die Regierung versucht, die Hizbullah so gut es geht unter Druck zu setzen. Aus regierungsnahen Kreisen in Beirut hieß es am Samstag, Aoun habe der Hizbullah die Botschaft überbracht, er werde nicht davor zurückschrecken, ihr Eingreifen in den Krieg im Zweifel mit Hilfe der libanesischen Armee zu unterbinden. Israel habe die deutliche Drohung nach Beirut übermittelt, im Falle eines Kriegseintritts der Hizbullah nicht nur die Schiitenorganisation, sondern auch zivile Infrastruktur hart zu treffen.
Es blieb zunächst unklar, wie die Organisation reagieren würde. Die Hizbullah ist im jüngsten Krieg mit Israel massiv geschwächt worden. Ihr Raketenarsenal wurde stark dezimiert und fast die gesamte oberste Führung ausgeschaltet. Einen neuen Krieg, so lautet die weit verbreitete Lesart unter Diplomaten und Beobachtern in Beirut, würde die Miliz kaum überleben.
Ihr Anführer Naim Qassem hatte erklärt, die Hizbullah werde „nicht neutral“ sein. Ihre Reaktion hat er von den jeweiligen Umständen abhängig gemacht. Als rote Linie galten bislang Angriffe auf den Obersten iranischen Führer Ali Khamenei und eine Lage, in der das Überleben des iranischen Regimes gefährdet ist. Am Samstagabend sagte der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, er sehe viele Anzeichen dafür, dass Khamenei nicht mehr am Leben sei.
Dass ein Regimewechsel in Teheran als Kriegsziel ausgegeben wurde, setzt die zögernde Organisation zusätzlich unter Handlungsdruck. Eine Rede Naim Qassems, der am Samstagnachmittag sprechen sollte, wurde zunächst verschoben.
Source: faz.net