Angriff gen aufgebraucht Erschöpften: Nina Warken will, dass wir laborieren zur Arbeit umziehen

Der Bundeskanzler stört sich an der Höhe des Krankenstandes und treibt Gesundheitsministerin Nina Warken zum Angriff auf die telefonische Krankschreibung. Doch die Gründe für Krankentage bleiben dabei im Dunkeln


Bei der telefonischen Krankschreibung muss Gesundheitsministerin Nina Warken besonders genau hinschaun

Foto: Bernd Weißbrod/picture alliance/dpa


Es ist ein Angriff sondergleichen: Auf Arbeitnehmer:innen, die krank werden und einfach nicht mehr können. Auf Eltern, die einen Tag Pause brauchen, weil sie erschöpft sind.

Die telefonische Krankschreibung, hat Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) angekündigt, soll „überprüft“ werden. Sie wurde während der Corona-Zeit eingeführt, um Ansteckungen zu vermeiden, und steht seither immer wieder unter Beschuss. Damit beugt sich Warken der Phalanx von Arbeitgeberverbänden, Lobbyisten und Kanzler Friedrich Merz (CDU), der immer wieder intoniert: Die Deutschen sind faul, lägen auf der vermeintlichen Krankheitshaut und sollten endlich mehr arbeiten.

Die Älteren kennen es noch, die 45- oder 42-Stunden-Woche, man musste auch samstags arbeiten. Ich auch. Aber da gab es den aus der Frühen Neuzeit herübergeretteten „Blauen Montag“ eher als ferne Erinnerung. Man meldete sich am Montag kurzfristig krank und erschien dann. Ich habe das, mea culpa, in meinen Betrieben, öfters mal gemacht. Das Durchschnaufen. Oder wenn man aus dem Odenwald nicht rechtzeitig nach Karlsruhe zurückkam in die Buchhandlung. Eine telefonische Ansage beim Arzt gab es für die kurze Zeitstrecke nicht. Aber es war nie ein Problem: Meine Kolleg:innen wussten, jetzt ist sie da und startet durch, wir können uns auf sie verlassen. Meine Eltern kannten so etwas nicht. Wenn sie krank wurden, gab es Karenztage, drei Tage ohne Lohn für Arbeiter. Die Angestellten hatten es besser.

Arbeiten war früher anders, weniger verdichtet, digitalisiert

In „meiner Zeit“ war das Arbeiten anders. Es war schwer, aber wir waren nicht unter der Fuchtel digitaler Herausforderungen unterwegs. Wir mussten uns nicht als Arbeitsego verkaufen oder Klicks sammeln. Man stand im Laden, hoffte auf Kunden. Meine Ausbilderin hatte ständig im Mund: Ulrike, hast du nichts zu tun? Willst du nicht abstauben? Es gab Jahre, da kriegte ich die Krise, weil ich nichts zu tun hatte. Aber wenn man sich krankmeldete, war das einfach akzeptiert. Ich habe niemals einen noch so misstrauischen Chef erlebt, der das beanstandet hätte.

Ich bin die Übergangsgeneration, die mit den Eltern, die den Krieg erlebt haben. Die als Kind erlebt haben, wenn die Karenztage kamen, wo die Familie nichts mehr zu beißen hatte. Und ja, ich gebe es zu, manchmal denke ich bei den Jüngeren: Was habt ihr denn schon wieder? Was will ich sagen? Sie haben es verdient, eine Pause zu haben. Den Arzt anzurufen und Glück zu haben, wenn jemand ans Telefon geht. Nicht irgendwohin zu rennen, mit einem Kinderwagen im Gepäck. Von Mitpatient:innen sofort beäugt und von Gesichtsmaske bewehrt. Liebe Frau Warken, wann waren Sie denn eigentlich zuletzt in einer Hausarztpraxis mit gesetzlich Versicherten? Ich würde Sie sehr gerne begleiten.