Angriff aufwärts Diego Garcia: Kann Iran europäische Hauptstädte treffen?

Berlin, Paris oder Rom sollen nun in Reichweite Irans liegen. Israels Generalstabschef Eyal Zamir warnte, dass die ballistischen Raketen, die das Regime zuletzt im Irankrieg auf die Insel Diego Garcia abfeuerte, europäische Hauptstädte bedrohten. Die Waffe hat demnach eine Reichweite von 4000 Kilometern. Damit hätte das Land eine größere Schlagweite, als bislang offiziell bekannt war. Diego Garcia ist das größte Atoll des Chagos-Archipels im Indischen Ozean und gehört zum britischen Territorium.

Der angegriffene Militärstandort wird von Großbritannien und den USA genutzt. Er galt bislang als unantastbar und ist strategisch wichtig. Der Stützpunkt ist für schwere Bomber sowie große Flugzeugträgergruppen, Zerstörer, Versorgungsschiffe und U-Boote ausgelegt. Über ihn kann Militärgerät schnell in den Persischen Golf verlegt werden. Die Vereinigten Staaten nutzen die Basis auch in ihrem Krieg gegen Iran. Keine der beiden abgefeuerten Raketen traf ihr Ziel: eine wurde von einem US-Kriegsschiff abgefangen, die andere soll aus technischen Gründen abgestürzt sein. Es ist unbekannt, wie weit sie tatsächlich hätten fliegen können.

Das Fachportal „Army Recognition“ geht davon aus, dass Iran nun wichtige Ziele in weiten Teilen Europas erreichen kann, darunter NATO-Luftwaffenstützpunkte, Logistik und Kommandostrukturen. Für Amerika und seine Verbündeten habe das „strukturelle Auswirkungen“: Raketenabwehrsysteme müssten sich nun auf Bedrohungen einstellen, die die Reaktionszeit verkürzten und die Komplexität der Verteidigung erhöhten. Zudem könnte der Druck auf die Golfstaaten steigen, die ohnehin täglichen iranischen Schlägen ausgesetzt sind. Demnach werden koordinierte Angriffe wahrscheinlicher, die aus mehreren Richtungen und mit verschiedenen Waffensystemen erfolgten: ballistische Raketen, Marschflugkörper und Drohnen.

Markus Schiller ist wenig überrascht von einer iranischen Rakete mit 4000 Kilometern Reichweite. Er lehrt an der Universität der Bundeswehr München zu Fernflugkörpern. „Man weiß schon lange, dass Iran so weit schießen könnte, wenn es seine Raketen mit leichteren Sprengköpfen ausrüstet“, sagte er der F.A.Z. Demzufolge ist der eingesetzte Flugkörper aber nicht besonders präzise. Der US-Kongress zählt in einem Bericht mehrere iranische Waffen auf, die 2000 Kilometer weit schießen können: darunter die Shahab-3-Familie, zu denen etwa die Ghadr-1 zählt.

Iran hatte behauptet, sich selbst eine dementsprechende Reichweitenbeschränkung auferlegt zu haben; das Regime dementiert den Angriff auf Diego Garcia und sprach von „Desinformation“. Das Center for Strategic and International Studies ging jedoch schon davor davon aus, dass der iranische Marschflugkörper Soumar Ziele in bis zu 3000 Kilometern Entfernung treffen kann.

Nutzte Iran eine Rakete aus dem Satellitenprogramm?

Welche Raketen Iran gegen Diego Garcia gestartet hat, ist unklar. Einige Beobachter vermuten, dass es sich um die Khorramshahr-4 gehandelt hat. Sie soll auf einem nordkoreanischen Modell basieren. Israels Generalstabschef Zamir erklärte jedoch, dass bei dem besagten Angriff eine zweistufige Rakete verwendet wurde. Bei diesem Raketentyp kommen zwei Triebwerke zum Einsatz. Die Khorramshahr war bislang als einstufige Rakete bekannt, es müsste sich also um eine Weiterentwicklung handeln.

Raketenspezialist Schiller sagte, dass es zwei weitere mögliche Kandidaten gebe: die Qaem und die Soldschanah. Beide Trägerraketen sollen nach iranischen Angaben Satelliten in den Weltraum bringen. Schiller weist jedoch darauf hin, dass sie ebenfalls als Angriffsraketen genutzt werden könnten. Auch europäische Staaten warnten schon 2019, dass Irans Satellitenprogramm eng verbunden sei mit dem Bau weitreichender Raketen.

Der amerikanische Präsident Donald Trump hat den Krieg gegen Teheran auch damit begründet, dass iranische Raketen bald in der Lage sein könnten, das amerikanische Festland zu erreichen. Der Militärgeheimdienst Defense Intelligence Agency sieht das jedoch etwas anders: In einem Bericht von 2025 hieß es, dass Iran noch bis 2035 brauchen würde, um eine einsatzbereite Interkontinentalrakete mit mehr als 5500 Kilometern zu entwickeln – falls es dieses Ziel tatsächlich anstrebe. CNN berichtete zuletzt, dass es keine Geheimdienstinformationen gebe, die auf solche Bestrebungen hindeuteten.

Die NATO ist sich der möglichen Bedrohung für Europa jedoch bewusst. Das Bündnis prüfe derzeit den Angriff auf Diego Garcia, sagte Generalsekretär Mark Rutte. Man wisse sicher, dass Iran kurz davor stünde, Europa zu erreichen. Deutschland hat sich erst vor kurzem mit dem israelischen Luftverteidigungssystem Arrow 3 gegen solche Angriffe gewappnet: „Damit kann man diese Raketen gut vom Himmel holen“, sagte Fachmann Schiller.

Source: faz.net