Amrum in welcher Off-Season – Robinson-Crusoe-Romantik mit Schal und Mütze
Amrum im Sommer? Ja, schon, aber auch in der Nebensaison, bitte! Denn in diesen Wochen ist auf Sylts Nachbarin herrlich wenig los. Und wenn es tost und stürmt, sind Strandspaziergänge wie ein Natur-Booster.
Wie verrückt pustet der Wind über den fast menschenleeren Strand von Norddorf auf Amrum. Winzige Sandkörner tanzen über den Boden, als wären sie Teil einer geheimen Nebelformation. Es ist frisch, doch die Einsamkeit des schneeweißen Sandes birgt eine Robinson-Crusoe-Romantik, wenn auch mit Schal und Mütze.
Die Strandkörbe sind verwaist; die einzigen Spuren im Sand sind von Möwen und den wenigen Spaziergängern. Wer in der Nebensaison nach Amrum reist, genießt eine fast menschenleere Stille. Einzig Wind, Wellen und Möwen sorgen für Geräusche – und der Klang von „Öömrang“. In diesem nordfriesischen Dialekt heißen die rund 2300 Insulaner Gäste willkommen.
Schon bei der Überfahrt kann man tief Luft holen. Die Fähre ab Dagebüll-Mole braucht zwei Stunden vom Festland nach Amrum und tuckert durch einen Priel, einen natürlichen Wasserlauf im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer, nach Amrum. Mit an Bord sind ein paar Kurgäste und Urlauber, die Ruhe suchen.
Fast unbemerkt verstreuen sich die wenigen Besucher später auf dem 14 Kilometer langen und vier Kilometer breiten, beschaulichen Eiland mit den fünf Dörfern Wittdün, Steenodde, Süddorf, Norddorf und Nebel. Ein Auto brauchen Urlauber auf der Insel nicht, mit dem (gemieteten) Fahrrad kommt man auf der einzigen Hauptstraße und auf den Pfaden gut voran. Oder lieber gleich zu Fuß.
An nichts denken
Stundenlange Strandspaziergänge zählen zu den schönsten Freizeitaktivitäten, bei denen man an nichts denken muss und herrlich entschleunigt. Bei Ebbe ist der Strand um die anderthalb Kilometer breit. Während sich eine Inselseite zum Wattenmeer mit Blick nach Föhr öffnet, zeigt die andere zur offenen Nordsee, davor ein breiter Strand, der sich von Norddorf an der oberen Spitze bis Wittdün im Süden erstreckt. Er zählt zu den größten Sandstränden Europas.
In der abfließenden Nordsee tun sich Muschelbänke auf und glitzernde Pfützen, die wie kleine Lagunen wirken. Dick eingepackt entdecken Spaziergänger die Schätze des Meeres – ein paar Seesterne hier, ein paar Spiralgehäuse von Wellhornschnecken dort. Der Wind pustet, wie Mehlstaub setzt sich der Sand auf Mantel, Mütze und Gesicht und wird noch Monate später in den Taschen zu finden sein.
Die Luft duftet, wie sie soll: frisch, gesund, ohne Abgase, dafür reich an Salz, was die Atemwege befreit. Die Füße sind aus den Gummistiefeln geschlüpft und die Zehen tippen vorsichtig ins Nordseewasser: Kalt, aber erfrischend.
Nach kurzer Eingewöhnung klappt es mit dem Wassertreten. Das härtet ab und fördert die Durchblutung, der feine Sand peelt die Haut. „Er ist sogar weicher als der auf Sylt“, erklärt Melina Goller später im Naturzentrum in Norddorf direkt am Strandzugang und lässt ihre Gäste das in zwei mit Sand gefüllten Fächern erfühlen.
Tatsächlich, der Amrumer Sand ist weichkörniger. Der sogenannte Kniepsand gehört zu einer langsam wandernden, rund zehn Quadratkilometer großen Sandbank: „Sie liegt westlich von Amrum und schützt vor Sturmfluten.“
Melina Goller absolviert ein Freiwilliges Ökologisches Jahr im Öömrang Ferian, dem Amrumer Verein, der sich um Heimat, Natur und Dialekt kümmert. Seit 1974 betreut der Verein die Naturschutzgebiete der Insel und führt zu Vogelwelt, Dünen und Wattenmeer. In Aquarien beobachten die Besucher kleine Meeresbewohner wie Seesterne, Krabben und Muscheln und lernen mehr über das Nordfriesische Wattenmeer, seine Priele und Dünen.
In verschiedenen Grüntönen zieht sich der Dünengürtel durch die Inselmitte mit einer Heidelandschaft, die im August im schönsten Lila blüht. Noch zeigt sich die Besenheide im beigefarbenen Wintergewand. Auf Bohlenwegen wandern die Besucher durch riesige Sandhaufen, halten nach Brandgänsen und Eiderenten, dem Wappenvogel von Amrum, Ausschau und lauschen.
Kobolde und Kröten
Es quakt und quakt. Sind das die Rufe einer Kreuzkröte? Da fragt man am besten einen Amrumer um Rat. „Vielleicht waren das auch andere Wesen“, sagt Norbert Outzen schmunzelnd, der in Norddorf arbeitet. Der Ort ist klein, man kommt schnell ins Gespräch, vor allem in der Nebensaison. Wen er damit meint? Die „Onerbäänke“ – kleine Kobolde, die in den Dünen wohnen. „Wer leise ist, hört sie miteinander reden.“ Der Überlieferung nach sollen die Kobolde vor allem in uralten Grabhügeln leben.
Vielleicht treiben sie als freche Unterirdische auch im „Düüwdääl“ (Taubental) bei Norddorf ihr Unwesen? Beim Dünenspaziergang Richtung Himmelsleiter-Ausblick taucht zwischen Strandhafer ein Kreis aus Steinen auf. Das Bodendenkmal gehört zu einer Gruppe dreier bronzezeitlicher Grabhügel, die in den 1930er- und 1940er-Jahren nach Stürmen frei geweht wurden. Vor ein paar Jahren haben Archäologen in einer Baulücke zwischen zwei Häusern in Norddorf einen weiteren jahrtausendealten Grabhügel entdeckt.
Am nächsten Tag geht es auf Radtour ab Norddorf. Der Blick schweift über weite Felder und das Wattenmeer. Über den blauen Himmel ziehen Vogelschwärme in V-Formation. Nach knapp vier Kilometern duckt sich hinter einem Hügel das älteste Inselörtchen Nebel mit seinen reetgedeckten Friesenhäusern.
Fürs Häusergucken ist das urige Dorf bekannt, fürs Gräbergucken auch. Die Grabsteine auf dem alten Friedhof an der Kirche erzählen Geschichten der verstorbenen Einwohner (über QR-Code auf dem Handy nachzulesen). Ein paar Kilometer weiter lohnt in Wittdün ein Aufstieg auf den rot-weiß gestreiften Leuchtturm, erbaut 1875 und 41,8 Meter hoch, mit bestem Panoramablick.
Die Tage fließen dahin, unterteilt in Ebbe und Flut, in Besuche im gediegenen „Café Schult“ in Norddorf (Friesentorte probieren!) und vielen Strandspaziergängen. Möwenflüge werden beobachtet, Schaumkronen gezählt, immer wieder tief Luft geholt. Der Wind pustet den Kopf frei.
Abends pfeift er über die Dächer und durch die Dämmerung, wo sich in der Finsternis die Dünen und die Amrumer Odde nur noch erahnen lassen. Hinter Norddorf windet sich dieses zwei Kilometer lange Naturschutzgebiet vom Wattenmeer zur Seeseite, es ist nur zu Fuß zu erreichen.
Geschnatter und Gezwitscher weht tags darauf von den Marschwiesen herüber auf dem Weg zur Odde. Pfeifenten watscheln übers grüne Gras, zwischendrin stolzieren Fasane. Gegenüber zeigt sich Föhr, das an einer Stelle lediglich knapp einen Kilometer entfernt ist. Bei Ebbe könnte man mit fachkundigem Guide in rund zweieinhalb Stunden auf die Nachbarinsel laufen.
Unser Fußmarsch führt weiter entlang der Wattenmeerseite zur Nordspitze. Vielen Vögeln dient der kiesbedeckte Nehrungshaken als Brutstätte. Von der Aussichtsplattform geht der Blick rüber nach Sylt und sucht dann die Kormoraninsel zwischen Sylt und Föhr. Auf dieser vorgelagerten Sandbank sieht man manchmal Kegelrobben oder Seehunde. An diesem Tag nicht.
Eine größere Sichtungschance ergibt sich auf der Bootstour mit der „Eilun“ am nächsten Nachmittag. Kapitän Bandix Tadsen steuert sein Ausflugsschiff vom Fährhafen in Wittdün hinaus aufs Wattenmeer.
„Seehunde sind bis 1,80 Meter lang und bis zu 120 Kilogramm schwer und damit im Vergleich zu Kegelrobben deutlich kleiner“, erklärt er über Mikrofon. Auf der Steuerbordseite geht der hellgraue Himmel ins graublaue Meer über. Plötzlich schaltet Tadsen die Maschine ab. „Psst, leise! Seehunde sind sehr geräuschempfindlich.“
Die Passagiere verstummen. Und blicken kurz darauf auf rund 70 Robben, die träge auf einer Sandbank liegen, einige Tiere robben ins Wasser. Was für ein Anblick!
Da ist es wieder: das Öömrang-Gefühl. Am besten festhalten, konservieren, mitnehmen – und immer wieder neu auftanken in der Nebensaison, wenn es herrlich ruhig ist auf Amrum.
Tipps und Informationen:
Wie kommt man hin? Mit der Bahn nach Niebüll und weiter zum Fähranleger in Dagebüll. In knapp zwei Stunden mit der Fähre nach Wittdün (faehre.de). Urlauber können auch mit dem Auto übersetzen. In Norddorf gibt es einen großen öffentlichen Parkplatz. Fahrradverleih: windstaerke13.com
Wo wohnt man gut? Das maritim eingerichtete Vier-Sterne-Superior-Hotel „Seeblick“ in Norddorf bietet Restaurant sowie Spa mit zwei Pools und mehreren Saunen, Doppelzimmer ab 165 Euro pro Nacht mit Frühstück und Kurtaxe für zwei Personen (seeblicker.de). Das „Ual Öömrang Wiartshüs“ mit Restaurant liegt direkt an der Marschlandschaft von Norddorf. In der verwinkelten Wirtsstube fühlt sich der Gast wie in einem kleinen Seefahrermuseum. Das Doppelzimmer kostet ab 162 Euro inklusive Frühstück für zwei Personen (uoew.de).
Weitere Infos: amrum.de
Source: welt.de