An Auswahl mangelt es in Gennevilliers nicht. In einer alten Lagerhalle in der nordwestlichen Pariser Banlieue stehen Hunderte Elektrofahrräder dicht an dicht. „Hier ist die Batterie noch hinten draufgeschraubt“, sagt Stéphane Ficaja, zeigt auf ein älteres Fabrikat und setzt seinen Rundgang durch den Räderwald fort. Ob Neomouv, Pegasus, Cube oder Riese und Müller, für Ficaja „der Porsche unter den E-Bikes“ – im Wiederaufbereitungszentrum von Upway ist die ganze Palette an Marken vertreten.
Knapp 2000 Quadratmeter Fläche misst der Standort Gennevilliers, an dem das französische Start-up gebrauchte Elektroräder sammelt, generalüberholt und für den Wiederverkauf vorbereitet. Mal tauschen Mechaniker in der hiesigen Werkstatt nur Bremszug und Kette aus, mal die ganze Batterie. Man komme in Gennevilliers inzwischen auf 75 bis 100 wiederaufbereitete Räder am Tag, sagt Ficaja. Zusammen mit seinem Geschäftspartner Toussaint Wattinne hat er Upway 2021 gegründet.
Das Jungunternehmen steht bei Investoren hoch im Kurs. Zuletzt wurde es mit vorzeigbaren 400 Millionen Dollar bewertet. Während die Finanzierung bei vielen Mobilitäts-Start-ups seit der Zinswende klemmt, können Ficaja und Wattinne nicht klagen. Im November sammelten sie weitere 60 Millionen Dollar ein. Angeführt wurde die Runde von der dänischen Investmentgesellschaft A.P. Moller. Der Strauß an Investoren ist bunt, 2022 beteiligte sich auch der französische Fußballer Olivier Giroud.
Die Geschäftsidee von Upway ist simpel: Die Nachfrage nach Elektrorädern wächst und damit auch die sich im Umlauf befindliche Gebrauchtware. Und nicht jeder Kunde ist bereit oder in der Lage, für Neuware mehrere Tausend Euro auszugeben – zumal sich Secondhand auch bei Smartphones und anderen Konsumgütern wachsender Beliebtheit erfreut. Die Idee soll Wattinne bei einer sommerlichen Radtour gekommen sein. Mit Anfang, Mitte 30 hingen Ficaja und er daraufhin ihre alten Führungsjobs beim Lieferdienst Uber Eats an den Nagel und gingen unter die Gründer.
Noch sechs weitere Zentren
Mehr als 130.000 generalüberholte Elektroräder haben die Franzosen nach eigenen Angaben inzwischen schon über ihre Onlineplattform verkauft. Dabei handelt es sich überwiegend um Gebrauchträder von Privatkunden. Hinzu kommen Leasingrückläufer, Montagsmaschinen, wenig benutzte Testräder oder Restposten von Händlern.
Modelle mit einem Neuwarenpreis zwischen 3000 und 4000 Euro zum Beispiel biete man für 1500 bis 2000 Euro an, sagt Ficaja. Hinzu kommen optionale Serviceleistungen wie eine Radversicherung in Höhe von rund zehn Prozent des Kaufpreises. Das Rückgaberecht beträgt bei Upway grundsätzlich zwei Wochen und die Garantie auf Schlüsselkomponenten wie Batterie, Rahmen und Elektronik ein Jahr.
Allein ist Upway mit seiner Idee nicht. Rebike aus München hat schon seit 2018 generalüberholte Elektroräder im Sortiment, Zyclora aus Spanien sogar schon seit 2015. Velio aus Münster startete etwa zeitgleich mit Upway. Auch stationäre Händler und Ketten wie Decathlon bieten in wachsendem Umfang generalüberholte Elektroräder an.
Gleiches gilt für die windigen chinesischen Plattformen wie Temu, deren Druck man durchaus spüre, so Ficaja. Doch mit mehr als 130.000 verkauften Elektrorädern ist Upway nach öffentlich zugänglichen Zahlen Marktführer, auch wenn die Vergleichbarkeit schwierig ist und sich Rebike beispielsweise auf höherwertige Modelle konzentriert.
Klar ist: Von den genannten Anbietern expandiert Upway besonders aggressiv. Während Rebike bislang nur in Deutschland Elektroräder generalüberholt, betreiben die Franzosen neben Gennevilliers noch sechs weitere Wiederaufbereitungszentren in Europa und den USA.
Der historische Standort bei Paris ist dabei mit seinen 2000 Quadratmetern flächenmäßig längst der kleinste. Ende März wurde in Amsterdam das mit rund 10.000 Quadratmetern bislang größte Wiederaufbereitungszentrum eingeweiht, größer als die beiden deutschen Zentren Düsseldorf (9500) und Berlin (4000) sowie die Standorte New York (3000), Los Angeles und Mechelen in Belgien (2400).
Größer als das neue Zentrum in Amsterdam
In neun Länder liefert Upway aktuell, weitere sollen folgen. „Der Plan ist, dass jedes Jahr ein bis zwei Länder dazukommen“, sagt Ficaja. An ehrgeizigen Zielen mangelt es dem gebürtigen Korsen, der selbst gerne Mountainbike fährt und bei Uber gelernt hat, wie Skalierung geht, nicht. Bis zum Jahr 2030 wolle man mehr als eine Million generalüberholte Elektroräder verkaufen, erklärt er.
Im Zuge dessen soll sich auch der Umsatz vervielfachen, der sich schon im vergangenen Jahr auf rund 150 Millionen Euro verdoppelt habe im Vergleich zu 2024. In Belgien und den Niederlanden schreibe man schon schwarze Zahlen, so Ficaja, in diesem Jahr werde man in ganz Europa profitabel.
Dabei ist und bleibt Deutschland für die Franzosen der wichtigste Markt. 30 bis 35 Prozent des Umsatzes erwirtschafte man dort, so Ficaja. Künftig sollen es sogar 40 Prozent sein. „Deutschland wächst schnell“, sagt der Ko-Gründer. Er verweist auf die schiere Größe des Marktes, aber auch die verbesserte Fahrradinfrastruktur und das anhaltend wachsende Interesse an Elektrorädern. In Frankreich sei deutlich weniger Dynamik. Schon kommendes Jahr werde man in Deutschland die Marke von 100.000 wiederaufbereiteten Elektrorädern knacken, zeigt sich Ficaja überzeugt.
Und so liegt auch bei der weiteren Expansion von Upway der Fokus nicht zuletzt auf Deutschland. Für Ende April ist die nächste Eröffnung eines Wiederaufbereitungszentrums geplant, diesmal im baden-württembergischen Illingen. Mit knapp 10.500 Quadratmetern soll es noch größer sein als das neue Zentrum in Amsterdam.
Upway stellt in Illingen anfangs 50 und mittelfristig 180 bis 200 neue Arbeitsplätze in Aussicht und erwartet bei der Eröffnung einige Politikprominenz. Kommendes Jahr soll in Norddeutschland ein weiteres Wiederaufbereitungszentrum dazukommen und bis 2030 dann noch drei in Deutschland.
Ficaja ist zuversichtlich, mit Secondhand-Elektrorädern einen Nerv zu treffen, und zwar quer durch die Gesellschaft. „In Städten sind eher junge Menschen mit kleinerem Budget die Käufer“, sagt er. Auf dem Land wiederum sei die Klientel 35 Jahre aufwärts. Und gerade dort gebe es eine wachsende Zahl derer, die das Auto im höheren Alter stehen lassen und zugleich mit Elektrorädern etwas Sport treiben wollten.
„Die Einsatzmöglichkeiten sind viel größer als bei klassischen Fahrrädern“, meint Ficaja. Sie reichten bis zum Bauern, der mit elektrischem Antrieb über seine Felder düse, dafür aber auch nicht unbedingt Tausende Euro ausgeben wolle.