Neuer Alltag mit Auto: Die neuen Regeln des Tankens

1. Die neue Preisregel wirkt, zumindest eine

Was hat die Bundesregierung nicht alles getan, um den Benzinpreis zu senken. Vergangene Woche hat sie zum Beispiel einen neuen Tankrabatt eingeführt. Um 17 Cent pro Liter sollen die Steuern sinken, für zwei Monate. Zusammen mit der Umsatzsteuer macht das 20 Cent.

Ökonomen kritisieren, dass das in der aktuellen Benzinknappheit den Anreiz schmälert, auf Benzin zu verzichten. Zu erwarten steht, dass es funktioniert. Als die Ampelkoalition in der Ukrainekrise einen ähnlichen Rabatt beschloss, sanken die Preisaufschläge der Konzerne anfangs um recht genau den Rabattbetrag, wie mehrere Studien zeigten. Gelegentlich gingen die Preise sogar noch weiter zurück. Erst gegen Ende, als die Öffentlichkeit nicht mehr so genau hinguckte, gingen die Preise um rund ein Fünftel des Rabattbetrags nach oben. Die Aussichten sind also gut, dass der Rabatt – so umstritten er ist – zumindest sein Ziel erreicht. Sicher ist das noch nicht.

Für viele Deutsche sind jedenfalls vor allem die Mineralölkonzerne für die Preiserhöhungen verantwortlich: 46 Prozent sind davon überzeugt, dass es an überhöhten Preiserhöhungen der Mineralölkonzerne liegt, hat das Institut für Demoskopie in Allensbach für die F.A.S. erfragt. Nur 7 Prozent sehen den Irankrieg als wichtigste Ursache für den Preisanstieg. 45 Prozent der Befragten sehen die Verantwortung bei beiden gleichermaßen.

Schlechter stehen die Chancen bei einer anderen Maßnahme: Im Großhandel müssen Ölkonzerne ihre Preiserhöhungen jetzt begründen. Gut möglich, dass sie einfach auf internationale Preisnotierungen für Benzin und Diesel verweisen. Das Kartellamt hat schon vor einiger Zeit festgestellt, dass viele Lieferverträge an diese Preisnotierungen gebunden sind. Das Kartellamt interessiert sich jetzt dafür, wie diese Preisnotierungen überhaupt zustande kommen. Aber das aufzuklären, wird noch eine Weile dauern.

Eine Maßnahme aber wirkt schon: die Maßgabe, dass Tankstellen ihre Preise nur noch um zwölf Uhr erhöhen dürfen. Die F.A.S. hat die Benzinpreise aller deutschen Tankstellen ausgewertet, die jene an die Markttransparenzstelle für Kraftstoffe melden mussten. Der Webdienst Tankerkönig hat die Daten gesammelt und uns für die Auswertung zur Verfügung gestellt. Mehr als 200 Millionen Preisangaben deutscher Tankstellen aus der Zeit vom 1. bis zum 15. April vermitteln einen ersten Eindruck davon, wie sich die Tanklandschaft entwickelt hat, seit die Regel am 1. April in Kraft trat. Und sie zeigen erst mal ganz simpel: Nur ein sehr kleiner Teil der Preiserhöhungen fand zu anderen Zeiten als 12 Uhr statt. Das wiederum lag meistens daran, dass die betreffende Tankstelle nach einer längeren Schließzeit wieder öffnete – zum Beispiel nach dem Wochenende.

Das bedeutet auch: Am billigsten ist Tanken kurz vor zwölf Uhr mittags, bevor die Preise wieder nach oben schießen. Aber es gibt eine gute Nachricht für alle Leute, die dann arbeiten müssen.

2. Es ist nicht mehr so wichtig, wann man tankt

Durchschnittlich haben die Tankstellen ihre Preise mittags nur um etwas mehr als sieben Cent je Liter erhöht. Dann gingen die Preise wieder nach unten. Auf Dauer wird das nicht unbedingt so bleiben. In den zwei Wochen seit dem 1. April ist der Spritpreis eher gefallen. Wenn der Preis zu anderen Zeiten wieder anzieht, werden die Sprünge wieder höher ausfallen.

Aber das heißt nicht unbedingt, dass Autofahrer jetzt nur noch um 11.45 Uhr tanken sollten. Denn wenn der Preis nach der Erhöhung fällt, dann tut er das oft ziemlich schnell in den ersten Stunden. Die Preissenkungen beginnen sofort. An mehreren Tagen zeigt unsere Auswertung einen recht schnellen Rückgang kurz nach 14 Uhr, dann geht es weiter nach unten. Nach 18 Uhr allerdings werden die Preissenkungen immer langsamer, nach 20 Uhr passiert fast gar nichts mehr.

Am nächsten Morgen geben die Preise ungefähr von 7.30 Uhr an weiter nach. Viel zu holen ist dann allerdings nicht mehr. Im Schnitt beträgt die Preissenkung dann nur noch rund eineinhalb Cent – das macht auch bei großen Tanks nicht mehr als einen Euro aus. Deshalb bleibt fürs billige Tanken ein erfreulich simpler Rat: Von 18 Uhr bis zum nächsten Mittag können Autofahrer getrost dann tanken, wenn es ihnen gut passt. Wer unbedingt am Nachmittag tanken muss, sollte das so weit wie möglich herauszögern.

3. Stabile Preise sind oft teuer

Die täglichen Preiserhöhungen fallen nicht in jeder Stadt gleich hoch aus. Unter den größeren deutschen Städten ist Leipzig die stabilste, wo es nur mittags um rund sechs Cent nach oben geht. Stärker sind die Schwankungen in Nordrhein-Westfalen: In Düsseldorf, Dortmund und Essen geht es jeweils um rund zehn Cent nach oben. Dort sollten Autofahrer besonders gut aufpassen, wann sie tanken.

Doch der Blick auf die Spritpreise zeigt auch: Meist sind so kleine Preissprünge gar nicht so gut. Denn wo die Preise nur wenig schwanken, da sind sie oft sowieso schon relativ hoch. E5-Benzin kostete im preisstabilen Leipzig in den vergangenen zwei Wochen durchschnittlich 2,21 Euro. Im sprunghaften Dortmund dagegen verlangten die Tankstellen im Durchschnitt ganze vier Cent weniger.

Das Ganze hat System. Die F.A.S. hat die Daten der hundert größten deutschen Städte ausgewertet und dabei einen relativ deutlichen Zusammenhang gefunden: Je stärker die Preisschwankungen ausfallen, desto geringer die Durchschnittspreise. Das Extrem ist Konstanz, nahe der Schweizer Grenze, wo der Liter E5 noch einen halben Cent mehr kostete als in Leipzig, aber der tägliche Preissprung unter vier Cent blieb. In Marl im nördlichen Ruhrgebiet dagegen kostete der Liter E5 durchschnittlich nur 2,14 Euro, dafür ging es mittags um mehr als 13 Cent nach oben. Natürlich ist keine Regel ohne Ausnahme, aber die Statistik zeigt: Der Zusammenhang zwischen billigem Benzin und großen Preissprüngen ist stark, nämlich ungefähr so stark wie der zwischen Schulnoten und dem Intelligenzquotienten.

Ökonomen wissen schon lange: Große Preisausschläge müssen nicht unbedingt ein Symptom von Preisabsprachen sein, sie können auch ein Symptom von hartem Wettbewerb sein. Ein Indiz dafür ist, dass die Ausschläge in ländlichen Regionen geringer zu sein scheinen. Wenn die Bundesregierung also diese Ausschläge jetzt reguliert hat, lohnt sich in einigen Wochen noch mal ein genauerer Expertenblick darauf, ob die Preise durch die neue Regel insgesamt wirklich gesenkt wurden – oder ob am Ende womöglich der Wettbewerb geschwächt wurde und die Preise insgesamt einen Tick höher bleiben. Vergangene Woche ist es vielleicht schon so gekommen.

4. Die Preissenkungen kommen nicht so schnell

Und haben sich die Preise in den vergangenen zwei Wochen jetzt insgesamt beruhigt? Wie man’s nimmt. Sicher ist: Der Ölpreis ist etwas zurückgegangen, weil immer wieder Waffenstillstand war, trotz aller Irritationen. Wichtiger noch: Nicht nur Rohöl wurde billiger, sondern auch raffinierter Diesel. Dessen Preis ist relevanter für die Zapfsäule, und der hatte in den Wochen zuvor deutlich angezogen. Schließlich ist raffinierter Diesel im Westen sowieso knapp, weil über die Jahre Raffinerien geschlossen haben und der Kraftstoff seit dem Ukrainekrieg auch nicht mehr aus Russland kommt. Jetzt fehlen auf dem Weltmarkt auch die Diesellieferungen vom Persischen Golf.

Deutschlands Benzinpreise reagieren normalerweise recht schnell auf die Entwicklungen am Weltmarkt. Zu Beginn des Irankriegs stiegen die Benzinpreise schnell. Die aktuellen Preissenkungen geben deutsche Tankstellen allerdings nur ungefähr so schnell weiter wie ihre Kollegen in anderen europäischen Ländern. Woran das liegt, müssen in den kommenden Wochen weitere Analysen zeigen.

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