Zu viel Kampagne, zu wenig Basis? Warum manche Linke zusätzlich ihre Strategie streiten

Luigi Pantisano macht keinen Hehl daraus, wo er politisch steht. Mit seiner Ankündigung, als Nachfolger für Linken-Ko-Chef Jan van Aken anzutreten, stellte der 46-Jährige klar, dass er den aktuellen Kurs der Parteiführung fortsetzen will. Konkret heißt das: Der Architekt aus Baden-Württemberg möchte Arbeiter*innen (zurück)gewinnen und orientiert sich dabei am Konzept einer „Klassenpartei“ – also einer Partei, die soziale Konflikte und Beschäftigteninteressen aktiv organisiert.

Gegenüber Berliner Journalist*innen berichtete Pantisano von Gesprächen mit frustrierten Beschäftigten, die er geführt habe. Auch das Aufwachsen als Kind einer italienischen Gastarbeiterfamilie habe ihn geprägt. „Mit einer Kampfansage an die abgehobene Politik und ihre reichen Freunde haben wir unsere Identität als Partei der arbeitenden Klasse wiederhergestellt. Hier möchte ich anschließen und den nächsten Schritt gehen“, führt er in einer Erklärung aus.

Anlehnung an die KPÖ? Teile der Partei sind dagegen

In der Linken entwickelt sich nun jedoch – einige Wochen vor dem Parteitag Mitte Juni in Potsdam – eine noch vorsichtige Debatte, wie dieser Kurs einer Klassenpartei konkret aussehen soll. Die langjährige Linke-Politikerin Katalin Gennburg übte dabei im Freitag, in der taz sowie auf Instagram grundsätzliche, teils auch zugespitzte Kritik am bisherigen Ansatz der Parteispitze. Sie sprach sich deutlich gegen eine „KPÖ-Isierung“ der Partei aus, also eine zu starke Anlehnung an die Strategie der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ) und der Belgischen Partei der Arbeit (PTB), für die insbesondere die Linken-Ko-Vorsitzende Ines Schwerdtner wirbt.

Laut Gennburg führt dieser Ansatz zu einer thematischen Verengung und dem Agieren der Partei als „Kampagnenmaschine, die an den Basisstrukturen vorbeirollt“. „Wir brauchen die innerparteiliche Demokratie, wir müssen sie stärken“, fordert Gennburg. Die Politikerin verwies dabei auch auf die besondere Verantwortung der deutschen Linken, die noch als PDS nach der Wende mit ihrer autoritären SED-Vergangenheit gebrochen hatte.

Die Reaktionen auf Gennburgs Erklärung fielen gemischt aus. Einige Parteimitglieder haben die öffentliche Kritik an Schwerdtner und ihrem Kurs kritisiert. Sie argumentierten, dass eine stärkere strategische Fokussierung Voraussetzung für gesellschaftliche Wirksamkeit sei und betonten die erreichten Erfolge. Gleichwohl gab es auch vereinzelte positive Rückmeldungen. Die sächsische Landtagsabgeordnete Jule Nagel schrieb etwa in sozialen Medien: „Alles, was Katalin sagt“. Die Parteispitze war für Nachfragen des Freitag bis Redaktionsschluss nicht erreichbar.

Luigi Pantisano auf Rundreise bei den Kreisverbänden

Luigi Pantisano erklärte gegenüber dem Freitag zur Einbeziehung der Basis: „Ohne die Mitglieder vor Ort wäre das fulminante Comeback nicht möglich gewesen. Sie waren jeden Tag an den Haustüren, an Infoständen und haben an die Linke geglaubt. Nun müssen wir gemeinsam den nächsten Schritt gehen, uns gegenseitig ausbilden und uns im Kiez und in den Betrieben verankern.“

Zur Landtagswahl in Baden-Württemberg habe der Politiker Kreisverbände besucht und sei in Kleinstädten unterwegs gewesen. „Angebote wie ‚Die Linke hilft‘ oder die Mietenkampagne sind dabei konkrete Projekte, bei denen sich Neumitglieder aktiv einbringen können.“

Pantisano wolle nun in den nächsten Wochen viele weitere Kreisverbände und Betriebe besuchen. „Ich will wissen, wie Mitglieder und Beschäftigte auf die aktuelle politische Situation blicken und was sie von einem linken Parteivorstand erwarten“, führt der Politiker aus. Sein Ziel: 200.000 Mitglieder in den nächsten Jahren – und davon möglichst viele Arbeiter*innen.

Im Spiegel kritisierten derweil anonyme Linke-Politiker*innen eine mögliche Spitze aus Schwerdtner und Pantisano als zu wenig repräsentativ für die Partei, speziell mit Blick auf „ostdeutsche, pragmatische Landesverbände“. Bereits im September 2025 hatte sich ein neuer Zusammenschluss von eher moderateren „Reformern“ in einer Erklärung kritisch geäußert: „Ein hilfloser Antikapitalismus, Zusammenbruchphantasien, oder eine vermeintliche ‚Klassenpolitik‘, die sich in antiwestlichen Ressentiments oder antidemokratischen Ressentiments erschöpft, sind für den digitalen Monopolkapitalismus (…) keine Gefahr.“

Erfolge und Wachstumsschmerzen

Für die Linke ergibt sich daraus eine schwierige Gemengelage: Die neue strategische Ausrichtung unter Schwerdtner und van Aken in Verbindung mit einem starken Fokus auf Haustürgespräche und fokussierter Öffentlichkeitsarbeit haben eindeutig zum Erfolg der Bundestagswahl 2025 beigetragen. Die Linke legte dabei ein beeindruckendes Comeback hin und gewann 8,8 Prozent der Stimmen.

Aktuell steht die Partei in Umfragen zwischen 10 und 11 Prozent. Gleichzeitig stieg die Mitgliederanzahl von rund 50.000 auf heute mehr als 120.000 Mitglieder. Viele junge linke Menschen fühlen sich angesprochen vom neuen Stil.

Die Integration der Neuen ist dabei eine anhaltende Herausforderung – Gennburg kritisiert, dass es beim „Onboarding“ und der Wertschätzung „geholpert“ habe. Zum Teil würde das aber wohl jeder Partei in derselben Situation so gehen.

Die größte strategische Frage dürfte indes sein, welches Modell einer „organisierenden Klassenpartei“ man konkret anstreben möchte. Der Parteivorstand entwickelt derzeit Maßnahmen zur gezielten Unterstützung und Repräsentation von Arbeiter*innen, unter anderem eine Arbeiter*innenquote für ein Drittel der Positionen in Vorständen, Parlamenten und Wahllisten. Van Aken, Schwerdtner und Pantisano plädieren zudem für ein Deckeln der Diäten. Darüber hinaus ist jedoch noch viel bei Parteiaufbau und Neuausrichtung in Bewegung.

KPÖ, PTB oder DSA? Unterschiedliche Organisationsmodelle im Ausland

Erschwerend kommt hinzu, dass sich die ausländischen Referenzpunkte der Linksparteispitze – die Democratic Socialists of America (DSA) in den USA, die KPÖ in Österreich und die Partei der Arbeit Belgiens (PTB) in ihrer Organisationspraxis teils massiv unterscheiden. Dies hat jeweils vor allem historische und praktische Gründe.

Die jüngst von der parteinahen Rosa-Luxemburg-Stiftung veröffentlichte Untersuchung „Zwischen Autonomie und Hierarchie“ vergleicht dabei die PTB und DSA und kommt zu interessanten Erkenntnissen: Demnach sei die Partei der Arbeit Belgiens eher zentralistisch ausgerichtet, mit einer festen Kaderstruktur und einer einheitlichen politischen Linie.

Von den Basisgruppen gebe es eine klare Berichtslinie nach oben. Der Preis von Transparenz und Handlungsfähigkeit seien eine „Begrenzung lokaler Improvisationsspielräume, die Zentralisierung finanzieller Ressourcen und die Betrachtung lokaler Strukturen als Zahnräder einer größeren Maschine“.

Egal welche Struktur: Linke Parteien gewinnen kaum Arbeiter für sich

Die DSA seien wiederum eher autonom und pluralistisch aufgebaut. Dies sichere eine dezentrale Struktur und innerparteiliche Demokratie, habe aber ebenfalls einen Preis: „Die Organisation wirkt eher wie ein energiegeladener Organismus denn als streng gegliederte Hierarchie. Das bringt einerseits Dynamik und Durchlässigkeit, auf der anderen Seite aber auch ungleiche Kapazitäten, hohe Fluktuation und chronische Schwierigkeiten, formale Beschlüsse in dauerhafte Praxis zu überführen.“

Die Untersuchung beschreibt damit im Kern zwei Idealtypen linker Organisation: eine stärker zentralisierte Kaderpartei mit hoher strategischer Kohärenz (PTB) und eine lose, bewegungsnahe Massenorganisation mit ausgeprägtem Pluralismus (DSA).

Außerdem heißt es in der Untersuchung: „Interessant ist, dass beide Organisationen aller Unterschiede zum Trotz mit einem Problem konfrontiert sind, das viele linke Parteien im Westen teilen: Es fällt ihnen schwer, Industriearbeiter*innen ohne Hochschulabschluss für sich zu gewinnen.“ Eines der zentralen Ziele, dem sich die aktuelle Linke-Führung wie auch der Bewerber Luigi Pantisano verschrieben haben.

Spannungsfeld zwischen Handlungsfähigkeit und Basisdemokratie

Die Linke befindet sich in ihrem Organisationsaufbau letztlich in einem Spannungsfeld zwischen organisatorischer Handlungsfähigkeit, Geschlossenheit und Steuerfähigkeit einerseits und Autonomie, Basisdemokratie und Pluralität andererseits. Die internen Justierungen müssen dabei sowohl auf die historische Verantwortung der Partei Rücksicht nehmen, als auch auf gewachsene Strukturen und pragmatische Anforderungen durch die politische, mediale und gesellschaftliche Umgebung.

Selbst wenn die grundsätzliche Strategie einer bewussten Klassenpolitik auf dem kommenden Parteitag mehrheitlich geteilt wird, so dürfte das Austarieren dieser widersprüchlichen Anforderungen zur zentralen Aufgabe der künftigen Parteiführung werden – in welcher Konstellation auch immer. An der Bearbeitung dieses Spannungsverhältnisses wird sich zeigen, ob der strategische Neustart langfristig trägt.

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