Der Kern eines wohl beispiellosen rhetorischen Angriffs eines amerikanischen Präsidenten auf einen amtierenden Papst bezog sich auf den Irankrieg: „Ich will keinen Papst, der es okay findet, dass Iran Atomwaffen besitzt“, schrieb Donald Trump in einem Beitrag am Montagmorgen auf seiner Plattform Truth Social. Er wolle auch keinen Papst, der es verwerflich finde, dass Amerika Venezuela angegriffen hat. Zusammenfassend stellte Trump fest: „Und ich will keinen Papst, der den Präsidenten der Vereinigten Staaten kritisiert.“
„Ich tue genau das, wofür ich mit überwältigender Mehrheit gewählt wurde: einen Rekordtiefstand bei der Kriminalität und die historisch höchsten Werte an den Aktienmärkten“, so Trump weiter. Statt ihn, also Trump, zu kritisieren, sollte Leo ihm „dankbar sein“. Denn aus Robert Francis Prevost aus Chicago habe nur deshalb Papst Leo XIV. werden können, „weil er Amerikaner ist und man glaubte, dies sei der beste Weg, mit Präsident Donald J. Trump umzugehen. Wäre ich nicht im Weißen Haus, wäre Leo nicht im Vatikan“, so Trump.
Papst Leo XIV. wies die scharfe Kritik von Trump an seinen eindringlichen Appellen für ein Ende der Kriege in aller Welt nur kurze Zeit später zurück. „Was ich sage, ist keineswegs als Angriff auf irgendjemanden gemeint“, sagte Leo am Montag auf dem Flug nach Algerien, der ersten Station seiner Afrikareise. „Ich bin kein Politiker. Ich lade alle Menschen dazu ein, Brücken für Frieden und Versöhnung zu bauen und nach Wegen zu suchen, um Krieg zu vermeiden.“ Im Übrigen habe er „keine Angst vor der Trump-Regierung“, sagte der Papst vor den mitreisenden Journalisten.
Trump drohte, Zivilisten in Iran „auszulöschen“
Leo XIV. hatte in seinen Predigten seit Ostern und namentlich bei einer Gebetsvigil am Samstagabend im Petersdom eindringlich ein Ende der Kriege gefordert. „Schluss mit der Selbstvergötterung und mit der Vergötzung des Geldes! Schluss mit der Zurschaustellung von Macht! Schluss mit dem Krieg!“, sagte der Papst auf dem Petersplatz und im Petersdom vor 11.000 Gläubigen. Außerdem prangerte er die „fortwährenden Verletzungen des Völkerrechts“ an. Zuvor hatte der Papst, ohne den Präsidenten oder sein Heimatland USA zu erwähnen, die Menschen aufgefordert, sie sollten sich mit ihrem Friedenswunsch an ihre „Kongressabgeordneten“ wenden. Die Drohung Trumps, er werde im Krieg gegen Iran „eine ganze Zivilisation auslöschen“, sollte Teheran nicht zu Kompromissen bereit sein, nannte der Papst „inakzeptabel“.
Donald Trump ließ in dem Beitrag am Montag kein gutes Haar an Leo XIV. Der Papst sei „schwach in Sachen Kriminalität und außenpolitisch eine Katastrophe“, heißt es. Dann folgte eine Abrechnung mit der katholischen Kirche und anderen christlichen Organisationen wegen deren Rolle zu Zeiten der Covid-Pandemie: Sie hätten sich nicht zur Wehr gesetzt, als Priester und Pastoren verhaftet wurden, weil sie unter Verstoß gegen Lockdown-Bestimmungen Gottesdienste abhielten.
Weiter schreibt Trump über den Papst, der 1955 als jüngster von drei Brüdern der erzkatholischen Familie Prevost in Chicago geboren wurde: „Ich mag seinen Bruder Louis viel lieber als ihn, weil Louis ein überzeugter Anhänger von MAGA ist. Er versteht es, Leo aber nicht!“
Kritik an Privataudienz des Papstes
Abschließend wiederholte Trump sein Missfallen über Leos „Nachgiebigkeit in der Kriminalitätsbekämpfung und in der Atomwaffenfrage“ und fügte hinzu, was vermutlich das Fass zum Überlaufen gebracht hatte. Ihm habe außerdem nicht gefallen, so Trump, dass sich Leo „mit Obama-Sympathisanten wie David Axelrod“ getroffen habe, „einem Verlierer der Linken“. Statt sich „der radikalen Linken anzubiedern“, solle Leo „Vernunft walten lassen und sich darauf konzentrieren, ein großartiger Papst zu sein, kein Politiker“. Denn dies „schadet ihm sehr und, noch wichtiger, es schadet der katholischen Kirche“.
Tatsächlich ist David Axeldrod, der am vergangenen Donnerstag von Papst Leo XIV. in Privataudienz empfangen wurde, nicht bloß ein „Obama-Sympathisant“, wie Trump schreibt. Axelrod, ein sehr einflussreicher Spindoctor, hat den Politiker Barack Obama aus Chicago zur erfolgreichen Präsidentenwahl verholfen. Er und Obama lernten sich 1992 kennen. Er unterstützte mit seinem einflussreichen Beratungsunternehmen „Axelrod & Associates“ Obama 2004 maßgeblich dabei, für den Bundesstaat Illinois in den Washingtoner Senat gewählt zu werden. Axelrod entschied sich auch 2008 dafür, im Präsidentschaftswahlkampf der Demokraten den talentierten Jungsenator aus Chicago zu unterstützen statt seiner langjährigen Klientin Hillary Clinton, ihrerseits zu diesem Zeitpunkt Seniorsenatorin aus dem Bundesstaat New York.
In dem aktuellen Konflikt geht es auch um den Einfluss auf die 52 Millionen Katholiken in den USA – Kinder und Jugendliche dazugerechnet, sind es sogar 77 Millionen – und deren potentielle Wahlentscheidung. Das Pew Research Center hat ermittelt, dass der Anteil der Katholiken, die Trump unterstützen, von 51 Prozent im vergangenen Jahr auf jetzt 46 Prozent zurückgegangen ist. Und bei den allgemeinen Zustimmungswerten unter Katholiken liegt Papst Leo XIV. ganze 34 Prozentpunkte vor Präsident Trump.
Source: faz.net