Dass die Bundesregierung ihre Wachstumsprognose nach unten korrigiert, hat inzwischen Tradition. Im Oktober vergangenen Jahres erwartete sie noch, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in diesem Jahr um 1,3 Prozent wächst. Im Januar senkte sie die Prognose auf 1,0 Prozent. Am Mittwoch folgte der nächste Dämpfer: Um 0,5 Prozent soll die Wirtschaftsleistung nun nur noch wachsen, wie Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) in Berlin ankündigte. Und das auch nur, wenn sich die Versorgung mit Öl und Gas infolge des Irankriegs nicht weiter verschlechtert.
Was dagegen steigt, ist die Prognose zur Inflation. Die Regierung erwartet für dieses Jahr jetzt eine Teuerungsrate von 2,7 Prozent. Im Januar war sie noch von 2,1 Prozent ausgegangen. „Der Energiepreisschub schlägt sich unmittelbar durch“, sagte Reiche. Es wird erwartet, dass diese nach und nach auch in Wirtschaftsbereichen wie der Lebensmittelherstellung oder der Baustoffindustrie Produkte verteuern. Die Ökonomen im Wirtschaftsministerium gehen zwar davon aus, dass die Energiepreise im Jahresverlauf wieder sinken, „aber nicht auf Vorkrisenniveau“, wie Reiche betonte.
„Der Staat investiert, die Privaten halten sich zurück“
Anfang April hatten bereits die großen Wirtschaftsforschungsinstitute ihre Wachstumsprognose für dieses Jahr auf 0,6 Prozent gesenkt. Von einem drohenden Rückfall in eine Rezession spricht in Berlin aktuell noch niemand. „Ich sehe keine Rezesion, aber wir beschäftigen uns mit allen Szenarien“, sagte Reiche. Auch Bundesbank-Chef Joachim Nagel hat die Wahrscheinlichkeit für eine abermalige Rezession kürzlich während der IWF-Tagung in Washington als gering eingestuft.
Allerdings ist die Unsicherheit groß, wie sich der Konflikt im Nahen Osten weiter entwickelt. Sorgen bereitet Fachleuten nicht nur die Versorgungslage mit Kerosin. Auch Helium könnte knapp werden und Lieferketten in der Industrie reißen lassen. Es ist ein Nebenprodukt der Gasförderung und wird unter anderem für die Chipproduktion benötigt.
Dass die deutsche Wirtschaft zumindest noch etwas wächst, liegt zum einen an den schuldenfinanzierten Ausgabeprogrammen zur Verbesserung der Infrastruktur und der Verteidigung. „Der Staat investiert, die Privaten halten sich zurück“, sagte Reiche. Hinzu kommt, dass in diesem Jahr mehrere Feiertage auf ein Wochenende fallen. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung hat in seinem Gutachten im November die Wirkung dieser beiden Effekte auf jeweils 0,3 Prozentpunkte Wirtschaftswachstum beziffert.
Die sogenannte Frühjahrsprojektion der Bundesregierung hat Einfluss auf die Haushaltsplanung für 2027, für die Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) am 29. April die Eckwerte im Kabinett beschließen will. Im Mai folgt dann die Steuerschätzung. Neben den geplanten Einsparungen im Gesundheitswesen wird in der schwarz-roten Koalition auch über mögliche Steuererhöhungen gesprochen, um die Finanzlücken zu füllen. Denkbar wäre eine Anhebung des Mehrwertsteuersatzes von 19 auf 21 oder 22 Prozent. Zudem könnten Bezieher hoher Einkommen in der Einkommensteuer stärker besteuert werden.
2023 und 2024 war die Wirtschaftsleistung in Deutschland geschrumpft. 2025 wuchs sie leicht um 0,2 Prozent. Insgesamt entwickelt sich die Wirtschaft in Deutschland seit Jahren deutlich schlechter als die in anderen großen Industrieländern.