„Wenn man dasjenige die Gesamtheit zusammenbringt, hat man eine gute Chance, 100 zu werden“

Zusammen zählen sie 410 Jahre. WELT hat vier Hundertjährige besucht, die körperlich und geistig verblüffend gesund sind, und gefragt: Wie haben sie es geschafft, so alt zu werden?

Audioplayer wird geladen

Hedwig Pohlmann ist 108 Jahre alt und wohnt noch in ihrer eigenen Wohnung in Berlin-Charlottenburg. Ein selbstbestimmtes Leben zu führen, ist für sie das höchste Gut. Auch wenn ihr das Essen in die Wohnung geliefert wird, gestaltet sie ihren Tag weiterhin eigenständig. Pohlmann erzählt, warum sie nie geheiratet hat – und was sie als ihr Geheimnis für ein langes Leben sieht.

Die Berlinerin ist eine von vier Hundertjährigen, die WELT besucht und nach ihrer Geschichte gefragt hat. Entstanden sind vier Protokolle mit erstaunlichen Einblicken in zufriedene Leben.

„Mein Leben war ein Geschenk“

Ludwig Sebus, 100 Jahre alt:

Als Kind erlebte ich den Krieg in Köln. Die Bombennächte verbrachten wir zu Hause und zitterten, während wir uns fragten, ob die Bombe unser Haus trifft oder ob wir verschont bleiben. Als ich 18 war, wurde ich Funksoldat. Es war ein Geschenk, dass ich nicht mit der Waffe in der Hand schießen musste.

An einem Tag waren die Russen nah. Meine Kameraden vergaßen mich im Bunker. Ich befand mich plötzlich allein auf einer Anhöhe. Die russischen Soldaten schossen auf mich. Da habe ich keinen Splitter abbekommen. Dass ich unverletzt blieb, war ein Wunder.

Ich bin mit zwei Kameraden aus der Gefangenschaft in der Nähe von Prag ausgebrochen. Bei den Amerikanern angekommen, schickten sie uns zurück zu den Russen – keine schöne Geste. Dann liefen wir 1800 Kilometer zu Fuß zurück nach Prag. Obwohl der Krieg bereits vorbei war, sah ich, wie Hunderttausende gefangener Kameraden an Kälte, Not, Hunger, Durst und Heimweh starben. Man kommandierte mich in ein Straflager. Dort arbeitete ich an einer Anthrazitader im Bergbau. Plötzlich gab es einen Bergrutsch. Jemand rettete mich; andere Mithäftlinge liegen wahrscheinlich noch immer 300 Meter tief im Schacht.

Lesen Sie auch

Mein Leben lang habe ich erfahren müssen, dass der Herrgott die Hand über mich hielt. Wenn ich im Krieg in Situationen war, in denen mir kein Mensch geholfen hat, in denen ich mich so schwach gefühlt habe wie eine Maus, dann war Gott für mich da. Mit dieser gläubigen Haltung hatte ich mehr Kraft und Mut als viele Kameraden. Die einzige Religion in der Welt, die Bedeutung hat, ist für mich das Christentum. Weil sie die Liebe als Grundgebot hat. Aber es ist jedem frei, ob er glaubt.

Ab dem 90. Geburtstag fühlte sich jedes weitere Jahr an, als wenn ich drei Jahre älter geworden wäre. Heute fühle ich mich wirklich wie ein Hundertjähriger. Es sind Unbequemlichkeiten, Schmerzen. Ich habe mehr als 250 Lieder geschrieben; zusätzlich Texte für Musiker. Der Beruf als Kölner Komponist und Macher von Karnevalsliedern hat immer von mir erwartet, dass ich den Menschen Freude brachte – diese Freude kam auch wieder zurück. Es ist immer wichtig, positiv zu denken. Es hat keinen Sinn, wenn man sich aufgibt.

Lesen Sie auch

Musik kann ich leider nicht mehr machen. Ich habe Gitarre gespielt. Und im ersten Stock meines Hauses habe ich ein Keyboard stehen, aber mittlerweile sitze ich im Rollstuhl. Ich habe Arthrose und kann meine Finger nicht mehr so gut bewegen. Vor zwei Jahren habe ich mein letztes Lied geschrieben. Der Text lautet: Das war, bin ich und geht mir ganz so rüstig (kraftvoll). Ich mache mit, solange es geht. Denn auch mit Falde (Falten) bin ich nicht opzuhalten (aufzuhalten). Und jede neue Dag (Tag) bring mir noch Freud (Freude).

Im Alter muss man Einsamkeit vermeiden. Als Texter, Komponist und Sänger habe ich das Gefühl, eine Vitaminkur zu bekommen, wenn ich Menschen treffe. Einsamkeit kann man vermeiden, insbesondere wenn man als alter Mensch noch laufen kann. Also sorgen Sie sich um ihre Freunde. Man kann sie nicht einklagen, wenn man sie braucht. Die muss man vorher pflegen. Es ist ein großartiges, stabiles Gefühl, wenn ich unter Menschen bin, singe, mit Menschen spreche, Gedanken austausche, akzeptiert werde.

Lesen Sie auch

Wichtig ist, die Lebendigkeit im Alter zu behalten. Es ist wichtig, sich Ziele zu setzen, die erreichbar sind, keine Utopien. Nach etwas suchen, das einem noch Freude bereitet. Wenn man das alles zusammenbringt, dann hat man eine gute Chance, 100 Jahre alt zu werden. Was mir außerdem sehr wichtig ist: Jeder Mensch sollte Anerkennung bekommen, unabhängig von Hautfarbe, Alter oder Herkunft.

Ich habe Bilanz gezogen: Ich würde alles so wieder tun. Solange ich den Zustand behalten würde, wie er jetzt ist, wäre es mir egal, ob ich meine Augen heute oder morgen zuschließen würde. Wenn ich zurückblicke, muss ich sagen: Mein Leben war ein Geschenk.

„Mein Leben war immer abwechslungsreich“

Heinz Gustav Karl Goelling, 102 Jahre alt:

Als in Deutschland der Zweite Weltkrieg herrschte, arbeitete ich in Tunesien. Dort half ich, die französische Kolonialverwaltung durch eine arabische zu ersetzen. Später kam ich in Frankreich in Gefangenschaft.

Mein Leben war immer abwechslungsreich. Eigentlich habe ich immer normal gegessen – immer das, was es gerade gab. Keine Extrawürste. Ich habe nicht geraucht, hatte keine wirklichen Laster.

Es macht mich traurig, dass ich nie mein Abitur machen konnte. Ich wäre gern technisch gebildet. Mein Sohn ist Gentechnologe mitsamt Doktor- und Professortitel – dagegen bin ich ungebildet.

Aber ich bin 102, und mein Sohn ist erst 70. Der muss erst einmal so alt werden wie ich (lacht).

Kurz bevor ich ins Heim einzog, bin ich in meiner Berliner Wohnung zusammengebrochen, weil ich zu wenig getrunken hatte. Als ich genesen war, konnte ich nicht zurück in meine Wohnung, da ich meinen Haushalt nicht mehr selbst führen konnte.

Was für mich besonders wichtig war? Die Schulzeit auf keinen Fall, da bin ich sitzen geblieben. Heute geht es mir gut. Was mir Spaß macht, sind Feiern mit allen Bewohnern meines Altersheims.

Mir fehlt aber eine Person, mit der ich eine enge Beziehung habe. Ich war lange verheiratet. Wenn ich die Augen für immer schließe, dann möchte ich zu meiner Frau ins Grab gelegt werden, damit wir wieder vereint sind. Wir hatten eine sehr schöne Ehe.

„Ich will nur noch meinen 100. Geburtstag feiern“

Anna Monke, wird im Juni 100 Jahre alt:

Mir geht es so weit gut. Meine Knie schmerzen nur ein wenig. Hier im Altenheim ist es wunderbar, ich sehe meine Freundinnen jeden Tag. Es gibt gutes Essen und immer Anlässe zum Feiern. Mittags spielen wir Halma und erzählen aus unseren Leben. Wir wundern uns, wenn eine ruft: „Mensch, die kenne ich auch!“ Dann sind wir uns einig darüber, wie klein die Welt doch ist.

Wenn ich die Wahl hätte, würde ich vieles im Leben anders machen. Ich hätte einen Beruf gelernt, was meine Eltern mir damals verboten. Sie meinten, Mädchen bräuchten nichts zu lernen. Dabei wäre ich so gern ins Büro gegangen. Ich habe zu früh geheiratet, es war eine schreckliche Zeit. An unserer Hochzeit gab es keine Geschenke, es gab nichts zu kaufen, kaum Wohnungen. Vier Kinder – das ist auch ein wenig viel.

Mein erstes Kind habe ich bekommen, als ich 21 war. Ich war anfangs traurig, als ich nach drei Kindern noch einmal schwanger wurde. Drei Kinder erschienen mir genug. Eine Bekannte sagte schließlich zu mir: „Freu dich! Das könnte das Kind sein, das dir am meisten hilft.“ So kam es auch. Das ist meine schönste Tochter. Sie kümmert sich um alles. Heute habe ich vier Kinder, acht Enkel und sechs Urenkel.

Früher habe ich gern Sport gemacht. Wir haben viel Handball gespielt. Bei dem Bauern, bei dem ich lange lebte, aßen wir selbstgemachte Butter und Fleisch von selbst geschlachteten Tieren.

Vom Krieg haben wir hier in Husum (Schleswig-Holstein, Anm. d. Red.) wenig mitbekommen. Außer an einem Tag: Da hatten die Engländer in der Früh verkündet, Husum zu bombardieren. Wir haben alles dichtgemacht und ich bekam es mit der Angst zu tun. Dann sind wir mit Pferd und Wagen aufs Land gefahren, um uns in einem Bauernhaus zu verstecken. Das Haus war voller Menschen. Alle lagen auf dem Fußboden. Aber die Engländer sind nicht gekommen. Gott sei Dank!

Lesen Sie auch

In der schlimmen Nachkriegszeit gab es kaum Wohnungen. Also lebten wir mit zwei anderen Familien in einem Haus. Unten wohnte eine Familie mit zwei Kindern und oben eine Familie mit drei. Dann kamen wir mit vier dazu. Später lebten wir allein dort. Mein Mann war Berufskraftfahrer, er hat immer Arbeit gehabt. Er ist seit 14 Jahren tot.

Ich habe nichts Besonderes gemacht, um so alt zu werden. Wenn ich auf die heutige Welt blicke, sehe ich schwarz. Die Deutschen bekommen ja kaum Kinder.

Wenn ich sterbe, dann am liebsten so, wie es vor zwei Jahren fast geschehen ist. Meine Tochter brachte mich ins Krankenhaus, weil ich desorientiert und verwirrt war. Von alledem merkte ich nichts. Als ich wieder wach wurde, befand ich mich in meinem Zimmer im Heim. Die Ärztin sagte mir: „Wir hatten uns schon verabschiedet.“ Ich habe nichts gespürt. Genau so war es gut. Ich will nur noch meinen 100. Geburtstag feiern. Dann ist genug.

„Ich wollte meine Freiheit nie an einen Mann verlieren“

Hedwig Pohlmann, 108 Jahre alt:

Ich bin auf einem Bauernhof in Brandenburg geboren. Ich war die Jüngste von neun Kindern. Bis der Krieg vorbei war, lebten und arbeiteten meine Eltern und ich dort. Danach besetzten polnische Soldaten den Hof und vertrieben uns. Mein Vater war zu dem Zeitpunkt 80 Jahre alt, meine Mutter 75. Um ein Dach über dem Kopf zu haben, liefen wir 150 Kilometer zu Fuß nach Berlin. Es war grausam.

Meine Schwester, die damals bereits in Berlin lebte, konnte uns zum Glück bei sich aufnehmen. Sie lebte mit ihrem 16-jährigen Sohn zusammen. Ihr Mann kämpfte im Krieg und steckte sich bei anderen Soldaten mit Tuberkulose an. Kurz nach seiner Heimkehr infizierte sich ihr gemeinsamer Sohn. Beide starben daran. Das waren harte Zeiten. Wir waren arm und hatten kaum genug zu essen.

Als wir nach Berlin kamen, lag die Stadt in Trümmern. Frauen räumten Schutt und Ziegelsteine weg und bauten die Stadt wieder auf. Nachdem ich auf unserem Bauernhof in der Landwirtschaft gearbeitet hatte, wollte ich nie wieder harte körperliche Arbeit verrichten. Also ging ich zum Arbeitsamt und bekam eine Stelle im Haushalt eines Direktors. Ich staunte, wie viel Arbeit im Haushalt anfiel. Zudem verdiente ich in meinen Augen zu wenig. Viel lieber hätte ich in einem Geschäft als Verkäuferin gearbeitet. So kam es schließlich auch. Die Menschen mochten mich, wollten immer von mir bedient werden.

Dann erbten meine Geschwister und ich das Haus meines Bruders. Es lag in Waidmannslust, umgeben von einem großen Garten und viel Wald. Mit drei Schwestern zogen wir in das Haus ein. Ich hatte nie eigene Kinder, aber meine Neffen und Nichten waren wie meine eigenen. Unser Haus war von Leben und Gastfreundschaft geprägt: Sonntags reisten drei, vier Autos mit Bekannten an, um uns zu besuchen. Meine Schwester hat dann immer für alle Gäste gebacken. Anschließend haben wir im Garten gegessen. An manchen Tagen lagen wir im Gras und acht Kinder saßen am Tisch und aßen Kuchen.

In meinem Leben habe ich nur einmal ernsthaft an eine Hochzeit gedacht. Bevor der Krieg begann, hatte ich einen sehr netten Mann kennengelernt. Er fragte mich, ob ich ihn heiraten wolle. Wir verlobten uns. Dann kämpfte er an der Front. Kurz nachdem er seinen Dienst angetreten hatte, schrieb ich ihm einen Brief. Eine Antwort bekam ich nie, nur die Nachricht, dass er gefallen war. Danach lernte ich viele Männer kennen – einige wurden zu Verehrern.

Lesen Sie auch

Einmal habe ich einen großen, stattlichen Mann, der gut tanzen konnte, abgewiesen. Ich hatte gemerkt, wie geizig er war. Oh Gott, der hätte nie in unsere Familie gepasst. Mein Vater sagte damals zu meiner Mutter: „Der passt doch gar nicht zu unserer heiteren, lustigen Hedl (Hedwigs Spitzname, Anm. d. Red.), der ist ja so steif.“ Ich beschloss irgendwann, dass ich meine Freiheit nie an einen Mann verlieren würde.

Also heiraten Sie bloß nicht, wenn Sie nicht zufrieden sind mit dem Mann – wenn Sie schon merken, dass er geizig ist oder so. Dann lassen Sie es lieber.

Letztens fragte mich ein Herr hier aus dem Seniorenzentrum, ob ich mit ihm spazieren gehen wolle. Ich habe ihm gesagt, dass ich keine Lust habe. Er ist ein netter Herr, aber ich möchte meine Freiheit behalten und kann gut allein sein. Ich lese gern Zeitung und bin ein Naturmensch. Früher wollte ich immer draußen sein, heute reicht mir mein Balkon.

Bis auf kleine Schmerzen geht es mir gut. Wie ich es geschafft habe, so alt zu werden, weiß ich nicht. Meine Familie ist nach und nach gestorben und der Krieg hat mich geprägt. Trotzdem war ich mein Leben lang zufrieden. Man muss das Leben so hinnehmen, wie es kommt. Wenn es anders kommt als erwartet, muss man sehen, wie man damit fertig wird. Der Glaube hilft. Manchmal habe ich gebetet.

Das Wichtigste für mich ist, selbstständig zu sein. Nur unter dieser Bedingung will ich noch älter werden.

Source: welt.de

100jährige (ks)ährigeAlte MenschenAltersvorsorge (ks)GerontologieHundertjLongevityWeihnachten