Der Impuls ist allzu bekannt: Gerne würde man den Politikstil von Donald Trump, dessen Tempo der Zurschaustellung rücksichtsloser Selbstherrlichkeit von Tag zu Tag zuzunehmen scheint, als Absurdität abtun – um so mit einem Lachen, wie die Psychoanalyse lehrt, Distanz zum Überwältigenden bis Unerträglichen zu schaffen. Doch das Lachen bleibt, ob der Realität der Verrohung, die aktuell um sich greift, im Hals stecken.
Die Frankfurter Römerberggespräche widerstanden am Samstag im Schauspiel Frankfurt dem Abwehrmechanismus und widmeten sich den unbequemen Fragen nach den Gründen des Erfolgs eines Politikstils, der immer unverhohlener Tabubrüche begeht und die Werte- und Rechtsordnung des Westens infrage stellt. Die Frage nach der Anziehungskraft ist deshalb so zwingend, da die Politik Trumps vordergründig von irrationalen Elementen durchsetzt scheint. Auf der Beschreibungsebene der nicht abreißenden Tabubrüche zu verbleiben, berge die Gefahr, dem Irrationalen ohnmächtig gegenüberzustehen. Das Perfide am Prinzip Trump sei, dass es Begründungslogiken außer Kraft setze, die um das Prinzip der Transgression um jeden Preis ersetzt würden.
Verbreitungslogiken autoritärer Politik
Insofern versuchte die Veranstaltung einer Ohnmacht entgegenzuwirken, als Gründe ausgearbeitet wurden, wie der von Destruktivität durchdrungene Politikstil verfangen kann. Im Vordergrund der Erklärungsansätze standen Positionen, welche die medialen und die sozialpsychologischen Bedingungen der Verbreitungs-, Verstärkungs- und Wirkungsmechanismen der autoritären Politik ins Licht rückten.
Der Amerikanist Johannes Völz, der an der Goethe-Universität Frankfurt zur Ästhetik des Populismus forscht, brachte die Dynamik der autoritären Verrohung auf den Begriff der „enthemmten Informalisierung“, die ein Prozess mit zwei Gesichtern sei. In der Zunahme der Informalisierung, also einem Abbau von Verhaltenscodes und sozialen Regeln, gäbe es ein Moment der Egalisierung. Durch die Ungezwungenheit scheint eine Kommunikation unter Gleichen ermöglicht. Doch in dem Egalitätsversprechen der Ungezwungenheit sei eine enthemmte Zügellosigkeit angelegt, die sich gegen ein bedrohlich empfundenes Außen richte – wodurch aus einer Ästhetik der Demokratie selbst ein demokratiefeindlicher Prozess entwachse.
Phantasmatische Versuchungen
Welches Bedürfnis wird durch die Versuchung der Enthemmung gestillt, und warum kann das Angebot sich so gut verbreiten? Mit einem sozialpsychologischen Ansatz stellte Vera King, Frankfurter Soziologin und Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts, heraus, wie sehr Phantasmen der Grandiosität die Grundlage autoritären, irrationalen Handelns seien. Sie seien illusionäre Gefühlslagen der Überlegenheit, welche die Funktion haben, Defizitgefühle und überfordernde wie unangenehme Realitäten abzuwehren. Die Verführungskraft einer solchen „phantasmatischen Politik“ liege darin, dass sie autoritär sei, sie sich aber über Euphorisierung und nicht Zwang verbreite. Das könne die realitätsverleugnende Omnipotenzphantasie auslösen.
Natascha Strobl ergänzte dieses Theoriemodell mit einem Blick auf geschlechtsspezifische Identitätsangebote, denen das Phantasma von Natürlichkeit, Stärke und Reinheit zugrunde liege. Lehrreich war bei Strobl vor allem der Blick auf die medialen Verbreitungsformate: In der „Manosphere“ sind es Influencer und Youtuber, die über informelle Themen wie Dating, Gaming oder Kulturvideos („Die zehn schönsten Kirchen“) ihre identitäre Ideologie bei Jugendlichen säen, in der „Womanosphere“ ist es der „Tradwife“-Trend.
Dass der digitale Medienwandel entscheidend bei der Verbreitung von autoritären Versuchungen ist, arbeitete der Kölner Medienwissenschaftler Martin Andree heraus. Er führte vor, wie US-Plattformen in ihrer Monopolstellung alle – auch europäischen – Medien absorbieren und trotz der selbständigen Algorithmisierung von Inhalten nicht selbst als Medien gelten, also auch keiner Haftung unterliegen. Mit Blick auf die europäische Debatte machte Andree das Ausmaß der Macht von Plattformen deutlich – wolle man eine Öffentlichkeit herstellen, die wieder von Dialog und Debatte geprägt sei, führe kein Weg an einer rechtlichen Einhegung der Monopole vorbei. Die „Mühen der Ebene“, das Nicht-Kulturkämpferische könne nur dann einen Nährboden haben, wenn der Zerstörung der Öffentlichkeit etwas entgegengesetzt wird.
Source: faz.net