Das Lieferkettengesetz ist in der deutschen Wirtschaft zu einem Synonym für lästige Bürokratie geworden. Dennoch hat es Verteidiger, nicht zuletzt diejenigen, die davon einen geschäftlichen Nutzen haben. „Auch wenn Lieferkettengesetze von manchen als bürokratischer Aufwand angesehen wurden, hat es sich für viele Unternehmen tatsächlich zu einem Wettbewerbsvorteil entwickelt“, sagt Pierre-François Thaler, Mitgründer und Mitgeschäftsführer des französischen Unternehmens Ecovadis. Er ist Pionier für Umwelt- und Sozialdaten. Im Jahr 2007 begann seine Reise zur führenden Umweltratingagentur mit der Gründung in Paris. Viele Unternehmen haben seither seine Dienstleistungen in Anspruch genommen.
Viele kleine Software-orientierte Start-ups sind Thaler seither gefolgt und versuchen, ihren Firmenkunden den Umgang mit Umweltdaten, Lieferkettenrisiken und regulativen Anforderungen zu erleichtern. In vielen Unternehmen haben sie den Ruf von Parasiten, die nichts selbst zur Wertschöpfung beitragen und nur expandieren, weil die Gesetzgebung auf immer mehr Berichtspflichten setzt. Doch Thaler sagt auch, dass Unternehmen im eigenen Interesse nicht umhinkommen, sich mit ihrer Risikosituation auseinanderzusetzen. „Je mehr Nachhaltigkeit berücksichtigt wird, desto mehr kompetitive Vorteile erreichen Unternehmen mit einem guten Score“, sagt er im Gespräch mit der F.A.Z.
Selbst in seinem Geschäftsfeld ist das Bild der unproduktiven Berater zu den Berichtspflichten verbreitet. Zu diesen wurden von der EU vielerlei neue Regelungen gleichzeitig eingeführt, weshalb Unternehmen darunter litten. Inzwischen bemühte sich die Europäische Union in einem Omnibus-Verfahren um Erleichterung. Die 120 deutschen Softwareunternehmen, die die Klimabilanzierung für Kunden vereinfachen wollten, warten aber nun auf Aufträge, weil 90 Prozent der deutschen Unternehmen aus der Berichtspflicht herausgenommen wurden.
Umweltdaten enthalten strategisches Wissen für Unternehmen
Die auf Klimabilanzierung spezialisierte Branche erlebt aktuell eine Konsolidierung. In ihr sieht sich ein Wettbewerber von Ecovadis als Akteur. Er sehe solche Software nicht als Produkt, sondern als ein Derivat, sagt Simon Jähnig, der im Jahr 2014 mit zwei Mitstreitern das Unternehmen Integrity Next gegründet hat. „Einige haben die Berichterstattungspflicht als eine Reporting-Übung gesehen. Das waren oft wenig komplexe Unternehmen mit wenig komplexen Gütern“, sagt er. Reifere Unternehmen nutzten Informationen über Umwelt und Soziales in der Lieferkette als strategisches Wissen über Herausforderungen und damit als Margentreiber. „Je mehr man über die Lieferkette weiß, desto besser kennt man seine Risiken in einer angespannten geopolitischen Lage“, sagt Jähnig.
Seit Kurzem betreibt er sein Geschäft von New York aus. Japan und die Vereinigten Staaten seien wichtige Wachstumsmärkte für sein Geschäft. Die USA – meint er das ernst? Das Land, in dem die Verquickung von Umwelt, Sozialem und Unternehmensführung (ESG) zu einem Kampfbegriff im politischen Diskurs wurde? „In den USA sind die Unternehmen sehr bewertungsgetrieben. Sie wissen, sie können ihre Margen erhöhen, wenn sie Risiken aus der Lieferkette herausnehmen“, sagt er. „Europa muss weg vom Bürokratiebashing und daran arbeiten, Mehrwert zu generieren.“
Diese Sichtweise teilt Ecovadis-Gründer Thaler. Seit er im Jahr 2010 ein Mandat beim Agrarchemiekonzern Bayer gewann, ist er auf dem deutschen Markt aktiv. 10.000 Unternehmen betreue sein Team in Deutschland. Die Unternehmen müssten ein gutes Verständnis ihrer Lieferkette zum komparativen Vorteil gegenüber Wettbewerbern ummünzen. „Eine saubere Analyse kostet jedes Unternehmen vielleicht 100.000 Euro. Aber wenn man dadurch einen Auftrag über fünf Milliarden Euro erhält, weil man Nachhaltigkeitsziele verfolgt, ist das eine gute Investition“, sagt Thaler.
Bewertungen durch die Agenturen deuten auf einen Trend hin
Die Ecovadis-Scorewerte seien aussagekräftig und zeigten über lange Zeiträume an, wie sich Unternehmen verbessern. Wer sich dem stelle, gewinne ein bis zwei Prozentpunkte im Jahr in der Bewertung. „Sie lassen sich auf einen Prozess ein, wir begleiten das mit einem Scorewert“, sagt er. Für den Mittelstand sei es interessant, sich auf diese Weise für Lieferanten und Kunden attraktiv darzustellen. „Das Lieferkettengesetz war ein Experiment, das zu einer Überdosis führte“, sagt der Franzose. Dabei hätten sich deutsche, aber noch mehr schwedische, französische und finnische Unternehmen über die Jahre verbessert. „In Frankreich sehen wir zunehmend fortgeschrittene Praktiken. Viele Unternehmen nutzen zum Beispiel einen internen CO₂-Preis zur Steuerung“, sagt er.
Auf der Plattform, die Integrity Next geschaffen hat, kommunizierten drei Millionen Unternehmen zu Themen wie Menschenrechte, ökologischer Fußabdruck, Chemikalienrichtlinie, Entwaldung oder das CO₂-Grenzausgleichssystem (CBAM). Sie seien von einheitlichen Berichtsstandards überzeugt, um Daten einheitlich an Kunden weiterzureichen. Daraus sei ein Schatz entstanden, der sich vielfältig nutzen lasse – zumal Large Language Models einen bequemen Umgang damit ermöglichten.
„Ohne Kontext aber bringen diese Modelle nichts. Uns hilft, dass wir diese Informationen seit zehn Jahren sammeln und unsere Schlüsse daraus ziehen“, sagt Jähnig. Seine Erfahrungen im internationalen Umfeld, die überraschende Offenheit amerikanischer Konzerne für das Thema und der Ehrgeiz Chinas lassen ihn etwas sorgenvoll auf die weitere Entwicklung schauen: „In Europa herrscht eine gewisse Ermüdung – aber andere Regionen schlafen nicht.“