Am 9. Dezember 2025 hob Wladimir Putin sein Champagnerglas und verlieh Generalleutnant Sergej Kusowljew den Orden „Held der Russischen Föderation“. Das war drei Wochen, nachdem der General gemeldet hatte, der hart umkämpfte Eisenbahnknoten Kupjansk im Osten der Ukraine sei nun endlich russisch.
Nur drei Tage später ging ein Video online: Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, in Schutzweste, rechter Arm in Selfie-Position, vor einem zerschossenen Ortsschild: Das „K“ ist weg, aber das „upjansk“ ist noch da. „Ich war hier“, sagt er, während weiter weg eine Granate explodiert. „Ich bin stolz auf euch. Danke, Jungs.“ Der Fall von Kupjansk erwies sich an diesem Tag als russische Ente.
Zu den Einheiten, denen Selenskyjs Dank galt, gehört die Brigade Chartija. Westliche Kenner halten sie für eine der stärksten der Ukraine, und ein paar ihrer Infanteristen üben gerade den Sturmangriff. Ein erfahrener Offizier, Kampfname „Coach“, leitet sie an. Mann für Mann führt er sie durch einen Parcours aus Autoreifen, immer von Stapel zu Stapel bis zu einer Abteilung feindlicher Pappfiguren. „Coach“ bleibt dabei immer ganz nah am Soldaten. „Linke Deckung, rechtes Knie!“, sagt er ihm leise ins Ohr. Sprung nach links, Knie runter. „Bam, bam“ sagt „Coach“. Zwei Schuss, dann Sprung zum nächsten Reifenstapel. „Bam, bam“, sagt „Coach“. Wieder zwei Schuss. Erst unmittelbar vor dem Feind legt der Soldat den Hebel auf Dauerfeuer um. Feuernd nimmt er die letzten Meter.
Eine der effektivsten Einheiten
Vor Russlands Großangriff war „Coach“ Profisportler. Als Putin dann angriff, stieß er schon in den ersten Tagen zu den Männern und Frauen, die heute seine Kameraden sind. Den Namen Chartija gab es da noch nicht, nur eine schnell erlassene Regel aus der Hauptstadt Kiew, wonach jeder, der ein paar Freiwillige zusammenbekam, Waffen kaufen und Einheiten der Territorialverteidigung registrieren durfte.
In der Millionenstadt Charkiw an der russischen Grenze taten sich damals zwei Männer zusammen: der Agrarunternehmer Wsewolod Koschemjako, dessen Vermögen „Forbes“ auf 100 Millionen Dollar geschätzt hat, und Ihor Oboljenskyj, ein früherer Oberstleutnant der Armee. Wirtschaftliche Kraft verband sich mit militärischer Erfahrung, und wenige Tage nach Kriegsbeginn zog der erste Trupp mit Waffen und Pick-ups gegen die Russen, die gerade versuchten, Charkiw zu umzingeln.
Hohe Offiziere, Oberste und Oberstleutnants, „rannten los wie gewöhnliche Infanterie“, erinnerte Oboljenskyj sich später. Wenige Wochen danach hatten die Ukrainer die russische Zange aufgebrochen. Chartija wurde als „13. Brigade“ zur regulären Einheit der Nationalgarde, und Oboljenskyj achtete darauf, dass moderne, auf Initiative und Eigenverantwortung basierende Führungsmethoden im Stil der NATO an die Stelle der alten „Schukowschtischna“ traten. Das ist die Gehorsamsmentalität aus Zeiten des Weltkriegs-Marschalls Georgij Schukow, in der auch viele ukrainische Offiziere groß geworden sind und die vor allem auch mit der Gleichgültigkeit gegen eigene Verluste assoziiert wird. Mittlerweile ist Oboljenskyj in die Top-Liga des Militärs aufgestiegen und kommandiert das 2. Korps der ukrainischen Streitkräfte.
Ein Blick in einen unterirdischen Gefechtsstand zeigt, warum die Brigade Chartija heute als eine der effektivsten der Ukraine gilt. Es herrscht Stille. Frauen und Männer mit Kopfhörern sitzen an Computern, die Bildschirme zeigen das Gefechtsfeld live. Manche Bilder kommen von Drohnen, die gerade in Echtzeit russische Stellungen angreifen.
Hinten sitzt „Coach“ im Halbdunkel. Er ist heute der Diensthabende, vor ihm flackert die Maus über den Laptopmonitor. Eigene und feindliche Stellungen leuchten auf, Stacheldrahtlinien, Minenfelder. Chartija hat zwar ihre Wurzeln im Infanteriekampf, aber zuletzt ist die Brigade zu einem Verband von Hightech-Kriegern geworden. Weil die Ukraine viel weniger Soldaten hat als Russland, setzt man hier auf Methoden, die anders als die sowjetische Taktik der „Fleischwelle“ das Leben der eigenen Soldaten schonen sollen. Nicht mehr das Sturmgewehr dominiert, sondern die Drohne, und die tödlichsten Soldaten sitzen nicht mehr im Schützengraben, sondern am Joystick. Draußen beginnen unbemannte Maschinengewehre auf ferngesteuerten Buggys die Infanteristen zu verdrängen.
Technologische Mobilmachung
Der Galopp der Innovation bei Chartija steht für das Konzept, nach dem die Ukraine diesen Krieg gewinnen will. General Valerij Saluschnij, bis Februar 2024 Oberkommandierender der ukrainischen Streitkräfte und heute Botschafter in London, hat geschrieben, die Kriege der Zukunft würden nicht durch millionenfache Einberufung gewonnen, sondern durch technische Überlegenheit. Diese aber erreiche man nur durch „technologische und wirtschaftliche Mobilmachung“. Damit aber werde die Wirtschaft zum „Lebensblut des Krieges“. Es gehe um Schnelligkeit und Kreativität, aber traditionelle Produktion mit zentralisierten Fabriken und langen Lieferketten könnte die lebensnotwendige Schnelligkeit nicht leisten.
Bei Chartia haben sie daraus radikale Folgerungen gezogen. „Dies ist ein Krieg der Start-ups“, sagt Jurij Butusow, bis zum vergangenen Jahr Chefredakteur des Nachrichtenportals Censor.net, heute Freiwilliger bei der Brigade. „Und wir sind ein Start-up.“ Moderne Militäreinheiten müssten wie Hightech-Unternehmen funktionieren, und deshalb brauchten sie für den Erfolg vor allem eines: immer neues Kapital für Innovation und Skalierung. Wsewolod Koschemjako, der Unternehmer, der Chartija vor vier Jahren zusammen mit Oboljenskyj gegründet hat, hat in einem Interview erklärt, was das heißt. Die Armee, sagte er, müsse Rechenmodelle entwickeln, um die Kosten jedes gewonnenen Kilometers an der Front und jeder einzelnen Operation zu errechnen. Eine Brigade entspreche in diesem Konzept einem Unternehmen, in dem getötete Feinde der „Ertrag“ seien, während die eigenen Verluste als „Kosten“ zu Buche schlügen. Kosten sparen aber heißt dann Leben retten – entscheidend wichtig für die Ukraine mit ihrer zahlenmäßigen Unterlegenheit.
Waffen-Shopping in der Brigade
Eine Armee, die so funktionieren soll, muss vieles von Grund auf neu denken. Ein Beschaffungswesen, das zentralisiert entscheidet und auf Jahrzehnte plant, passt nicht zu einem Krieg, in dem jede neue Waffe in wenigen Wochen veraltet ist und derjenige gewinnt, der neue, billige Technologien am schnellsten nutzt.
Deshalb haben die ukrainischen Streitkräfte ihren Soldaten neben den zentralisierten Materialzuweisungen durch das Verteidigungsministerium einen weiteren Weg der Beschaffung geöffnet. Über mehrere Internetplattformen kann jede Brigade direkt beim Hersteller ihrer Wahl genau die Waffen kaufen, die ihr gefallen. Die Produzenten stehen dabei mit den Soldaten in Verbindung, ihre Fachleute reisen mit nach vorne, und jedes Produkt wird ständig im Einsatz getestet, modifiziert, neu entworfen. Fachleute sagen, das Beschaffungssystem der Ukraine sei eben kein „Zoo“, wo der Direktor entscheidet, sondern ein „Dschungel“: wuchernd, in ständiger Anpassung und Konkurrenz, immer bereit für neue Lagen.
Aber nicht nur die Start-ups der Rüstungswirtschaft sind durch dieses System gezwungen, ihre Produkte permanent zu modernisieren. Auch die kämpfenden Einheiten selbst stehen im Wettbewerb. Dazu trägt ein Bewertungssystem bei, das Butusow mit entwickelt hat. Es heißt E-Baly, also etwa E-Punkte, und gleicht einem Egoshooter-Spiel. Jeder Drohnenpilot, der per Videobeweis einen Treffer dokumentiert, erhält dabei Punkte. Ein getöteter Feind bringt mehr als ein verletzter, aber weniger als einer, den die Einheit durch einen Drohnenangriff zur Aufgabe gezwungen und gefangen genommen hat. Brigaden wie Chartija melden ihre Punkte und bekommen dafür Einkaufsgutscheine, die sie frei auf dem Rüstungsmarkt verwenden können.
Der Kampf um die Besten
Weil aber das knappste Gut auf dem Markt der militärischen „Vorprodukte“ der Mensch ist, hat Chartija ebenso wie andere Brigaden eine ausgefeilte Werbekampagne für Freiwillige entwickelt. Auf Großplakaten stellt sie ihre Soldaten als freundliche Riesen über die Silhouetten ukrainischer Städte. „Wachse mit Chartija“ ist der Slogan. Ein anderer Werbespruch zielt auf die Furcht mancher Rekruten, ohne Vorbereitung verheizt zu werden, und lautet schlicht: „Volle Ausrüstung, Ausbildung.“
Da jedoch auch andere Eliteeinheiten, zum Beispiel die Brigade Asow, um die Besten kämpfen, kommt es auf Köpfe an. Chartija wirbt dabei mit ihrem berühmten Gründungsoffizier Oboljenskyj, aber auch mit prominenten Publizisten wie Butusow, der als Journalist den Ruf hatte, einer der unbestechlichsten Kritiker der ukrainischen Armeeführung zu sein. Seit 2024 dient er bei Chartija, obwohl er als Vater dreier Kinder eigentlich von der Wehrpflicht befreit ist. Weitere Gesichter sind der Schriftsteller und Musiker Serhij Zhadan oder die Juristin und frühere stellvertretende Parlamentspräsidentin Oxana Syrojid. Vor ihrem Eintritt in die Einheit hat sie die ukrainische Übersetzung des militärphilosophischen Standardwerks „Vom Kriege“ aus der Feder des preußischen Generalmajors Carl von Clausewitz redigiert, heute führt sie im Rang eines Unterleutnants die Kommunikationsabteilung des 2. Korps.
Syrojid erzählt, an Clausewitz habe sie vor allem dessen Bild vom idealen militärischen Führer beeindruckt – also von dem Charakter, der in der ständigen Ungewissheit, Überforderung und Gefahr des Krieges „das Licht am Ende“ im Blick behalte und dabei genug „Mut und Verantwortungsgefühl“ besitze, den Weg dorthin gegen alle Widerstände zu bahnen. Bei Chartija, sagt Syrojid, werde anders als in der sowjetischen Militärtradition der clausewitzsche Mut zur „Verantwortung“ in allen Dienstgraden bewusst gefördert. Das habe sie dazu gebracht, als Freiwillige genau diese Einheit für sich zu wählen. „Als ich zum Militär kam, fragte ich mich, was ich mitbringen kann. Die Antwort war: kritisches Denken, Kreativität, Verantwortungsbewusstsein.“ Das seien die Dinge, die eine moderne demokratische Armee zum Erfolg führen könnten. Und das sei eben das Gegenteil von sowjetischer Militärkultur, die nur auf Angst und Demütigung setze.
Wenn ukrainische Brigaden mit solchen Köpfen und solchen Botschaften werben, geht es aber nicht nur um Rekruten. Es geht um gesellschaftliche Unterstützung im weitesten Sinne – um das, was der frühere Oberbefehlshaber Saluschnij den Zustand der „politischen und sozialen Bereitschaft“ genannt hat. Bei Chartija dekliniert Jurij Butusow herunter, was das heißt. Russland, sagt er, habe der Ukraine gegenüber zwar einen „quantitativen Vorteil“, aber darauf komme es nicht an. Im technologischen Wettlauf der Gegenwart seien vielmehr die „intellektuellen Ressourcen“ jeder Seite entscheidend. Weil dieser Krieg aber aus Moskauer Sicht ein „Krieg der Söldner“ sei, aus Kiewer Perspektive dagegen ein „Gesellschaftskrieg“, habe die Ukraine hier einen klaren Vorteil. „Die russische Armee hat nur den Kreml hinter sich. Hinter uns aber steht die ganze Gesellschaft, und die organisiert sich selbst.“
Freunde und Verwandte spenden für Schlafsack und Stiefel
Diese Selbstorganisation hat viele Facetten. Privatleute, Familien, Städte und Regionen unterstützen einzelne Einheiten, versorgen sie mit Geld und Material. „Coach“ erzählt zum Beispiel, der Eigentümer des Hauses, in dessen Keller heute sein Gefechtsstand liege, habe der Brigade die Räume gratis überlassen. Der Soldat, den er gerade am Übungsplatz an den Feind geführt hat, berichtet, seine Freunde und Verwandten zu Hause sammelten Geld für Schlafsack, Stiefel und Wintersachen. Großregionen wie die Oblast Charkiw spenden Geld, Generatoren und Pick-ups – ebenso wie Städte, Kreise und Dorfgemeinschaften an der Front.
Und dann gibt es die Organisationen der Zivilgesellschaft. Viele von ihnen haben ihre Wurzeln in der Majdan-Bewegung, den Aktivisten der proeuropäischen Revolution von 2014. Eine der größten davon ist „Come Back Alive“, gegründet vom Installationskünstler und späteren stellvertretenden Verteidigungsminister Vitalij Dejneha. Zusammen mit der Tankstellenkette Oko hat dieser Verein ein Spendensystem entwickelt, bei dem für jeden getankten Liter Kraftstoff zwei Cent in die Finanzierung von Drohnen-Abwehrsystemen fließen.
Weil zivilgesellschaftliche Organisationen nicht nur im Land selbst, sondern auch bei westlichen Regierungen oft mehr Vertrauen genießen als die ukrainische Regierung, sind sie mittlerweile unersetzlich bei der Einwerbung von Spendengeldern. Inländische Spenden sind dabei meist klein, die meisten liegen bei umgerechnet etwa zwei Euro, aber manchmal kommen auch viel größere Summen. Außerdem leiten mehrere europäische Regierungen Teile ihrer Finanzhilfe über „Come Back Alive“ an die Empfänger in der Ukraine. Mykola Bjeljeskow, einer der Chefanalytiker der Stiftung, sagt, allein im vergangenen Jahr habe man 430 Millionen Euro aus dem Westen bekommen.
„Der Krieg kann noch fünf Jahre dauern. Oder zehn“
Bjeljeskow berichtet, allein das Drohnenabwehr-Programm mit der Tankstellenkette komme etwa 100 Militäreinheiten zugute. Außerdem liefere man Generatoren und Maschinengewehre, und man unterhalte aus eigenen Mitteln Schulungszentren für Drohnenpiloten sowie für Spezialisten in elektronischer Kriegführung. Chartija gehöre zu den Empfängern. „Die Einheit ist gut“, sagt Bjeljeskow. „Sie hat eine gute Personalpolitik. Die Soldaten dort werden richtig trainiert und gut behandelt.“
Die Frauen und Männer an der Front machen sich unterdessen bereit für einen langen Kampf. „Der Krieg kann noch fünf Jahre dauern oder noch zehn“, sagt Oboljenskyj, der militärische Gründer, in einem Interview. Einstweilen warte man auf den Tag, „an dem die Person uns verlässt, die den Krieg begonnen hat“. Der Mann mit dem Champagnerglas. Der aber kann ohne Weiteres noch zehn Jahre leben, vielleicht mehr, vielleicht weniger. Bis dahin aber, sagt Oboljenskyj, „müssen wir uns so verändern, dass wir mehr von ihnen töten als sie von unseren“. Zahl gegen Zahl. Koschemjako, der Millionär der Gründungstage, hat es einmal so gesagt: „Krieg ist wie Geschäft. Nur tragischer.“
Source: faz.net