Man soll es nicht übertreiben. Zu Behaupten, die Realität habe Amazon Primes Übermenschen-machen-Politik-Satire „The Boys“ überholt, ist trotz einer Welt, die sich anfühlt wie ein außer Kontrolle geratenes Kettenkarussell, das mit Lichtgeschwindigkeit in die Sonne rast, vielleicht etwas zu viel des Zynismus. Vielleicht. Wobei die Serie sich sehr genau an der Realität zu orientierten versucht: an Amerikas Evangelikalen, den konservativen Nachrichtensendern, deren Moderatoren, einflussreichen Podcasts, medialen Spielformen, den Fetischen einer Elite, die kaum mehr an Gemeinsinn glaubt, an Überwachung durch private Technologiekonzerne, die Internetnutzern Datenpunkte im sechsstelligen Bereich zuordnen können, und natürlich am Präsidenten der „US von A“.
Geschrieben wurde die fünfte und finale Staffel von „The Boys“ vor der Präsidentschaftswahl im Jahr 2024. Umso überraschter gibt sich der Produzent Eric Kripke, der, wie er in einem Interview erklärte, für das Finale voll auf ein amerikanisches „1984“ setzen wollte: „Vieles, was uns wahnsinnig weit hergeholt vorkam, hat sich nun – und das ist verrückt – in einer Art und Weise verwirklicht, die verdammt beunruhigend ist.“
Ein Plastikbeutel voller wild zuckender Emotionen
In Staffel fünf sind alle Regler auf Anschlag gedreht. Der Superheld Homelander (Antony Starr, beängstigend wie eh und je) ist an der Spitze angekommen, man sieht das daran, dass der frisch gewählte US-Präsident ihm auf Kommando einen Drink mixt. Gleichzeitig wirkt der Mann, dessen Blicke töten können, wie ein von schlecht klebendem Tesafilm zusammengehaltener Plastikbeutel voller wild zuckender Emotionen. Sein Gegenspieler William „Billy“ Butcher (Karl Urban: Wer könnte sich an ihm sattsehen), eigentlich ein Fall für das Hospiz, befindet sich dank eines mit Superheldensaft aufgepeppten Tumors ebenfalls auf dem Powertrip. Alle anderen „Boys“ sind untergetaucht (Erin Moriarty als Starlight), verschleppt (Karen Fukuhara als Kimiko Miyashiro) oder sitzen in „Freedom Camps“ fest.
Ein Jahr haben Hughie (Jack Quaid), Marvin T. „Mother’s“ Milk (Laz Alonso) und Frenchie (Tomer Kapon, dem immer noch das entsetzlichste Klischee-Französisch in den Mund gelegt wird) in einem solchen Lager verbracht, umherstrolchend in merchandiseträchtigen „Stars & Stripes“-Schlafanzügen. Es sind Gezeichnete (Garth Ennis und Darick Robertson lieferten die Comic-Vorlage), die bis auf Marvin, der sonst immer alles zusammengehalten hat, in formvollendeter Grimmigkeit ausharren, während sie von Pappfassadenpropaganda, Stacheldraht, Scheinwerfern und Maschinengewehrläufen umgeben sind. Doch das vergnügte Gesicht von Frenchie zum Song Hygiaphone der Band Téléphone setzt gleich den Ton der Serie. Das heißt: gute Laune nicht trotz, sondern ob der Apokalypse.
Kripke und sein Team müssen in der finalen Staffel das Wunder vollbringen, das blutige Durcheinander aus falsch verstandenem Nietzsche, Freud und Machiavelli zu einem Ende zu bringen, das den Fans gefällt und dem Studio – wo bereits Anschlussproduktionen in Arbeit sind, um weiter vom „Boys“-Boom zu profitieren.
Wenn es nach dem pragmatischen Butcher geht, soll der unantastbare Homelander nun endlich mit einem Antisuperheldenvirus zur Strecke gebracht werden, selbst wenn alle anderen „Supes“ mit dran glauben müssen. Das finden die anderen „Boys“, allen voran Kimiko, die ihre Stimme wiedergefunden hat, daneben. Konfliktstoff ist also vorhanden und als Zuschauer hat man mitunter den Eindruck, dass all die fliegenden Innereien nur als Hintergrund für die wirklich bestialischen Taten dienen. Daran, wie es um Homelander steht (Spoiler: nicht so gut), will die Serie denn auch keine Zweifel lassen. Irgendwo zwischen dem fläschchenweisen Konsum frischer Muttermilch und einer Tracht Prügel, die seinen Sohn Ryan (Cameron Crovetti) fast das Leben kostet, hat der Mann, der in panischer Angst jedes graue Schamhaar sammelt, eine Epiphanie: Er muss Gott werden. Das überrascht selbst die schlaueste Person des Planeten, „Sister Sage“, die die Geschicke des Vought-Konzerns aus dem Hintergrund lenkt und ein Intrigen-Schach gegen alle Parteien spielt.
Auf Gewalt und Unterleibsgags muss niemand verzichten
In diesem Reigen aus versehrten Irren, in dem vor allem familiäre Schieflagen immer wieder zu Handlungsmotiven werden, bewahrt sich die Serie im Vergleich zur Comic-Vorlage eine Spur Menschlichkeit. Verkörpert wird diese oft durch Kimiko, die sich im Comic kaum von ihrer Existenz als unzerstörbare Mordmaschine lösen kann. Hier aber ist es neben Hughie eben sie, die durch ihre wiedergefundene Sprache Situationen entschärft – auch wenn niemand auf sie hört, als wäre sie weiterhin stumm.
Auf Gewalt und Unterleibsgags muss also niemand verzichten: Geschlechtsteile werden zu Waffen und Mordinstrumenten, aber daran hat sich der erfahrene „The Boys“-Konsument ja längst gewöhnt – oder auch nicht. Mitunter wird die Viszeralität ermüdend. Doch es braucht sie, um die Seitenhiebe auf Politik („unsere Freunde im Kreml“; auch der Überfall auf die Ukraine wird thematisiert) und die Branche (Sony als Ort, den Superhelden zum Sterben aufsuchen) abzumildern. Denn im Grunde erzählt „The Boys“ sehr schlicht und einfach vom Aufstieg Donald Trumps und der amerikanischen Rechten, die Figuren und Tatsachen mithilfe medialer Tricks so lange den richtigen Dreh geben, bis die Gefolgschaft ihre Zustimmung grölt.
Dass sich der amerikanische evangelikal-politische Komplex hier unter dem Deckmantel von Demokratie und Freiheit in ein religiös-faschistoides System verwandelt, damit wähnten sich die Produzenten in der Sicherheit einer warnend-überdrehten Fiktion. Von Dingen wie der Einwanderungsbehörde ICE wussten sie nichts.
Fasst schon verzweifelt und redundant wirkt da die etwas unerwartete, weil wörtlich vorgetragene Kapitalismuskritik aus dem Munde des einstigen „Vought“-Chefs, der in Aussicht stellt, dass, selbst wenn man alle „Supes“ beseitigte, sie bald durch das nächste Übel ersetzt würden: „Die Maschine muss gefüttert werden.“ Vielleicht ist die größte Leistung von „The Boys“ einfach nur die, dass man beginnt, sich wieder ernsthaft zu fragen, ob sie eigentlich stimmen muss, die Erzählung vom übermächtigen und alle Geschichte(n) beendenden Kapitalismus.
The Boys, Staffel 5 läuft bei Amazon Prime.
Source: faz.net