„Feuilletonschlampe“, „Rolltreppendickerchen“: Fünf legendäre Kritiker-Entgleisungen

Wenn Denis Scheck Bücher in die Tonne tritt, steht er in bester Tradition. Vom literarischen Fastfood bis zur Schmähkritik – über Jahrzehnte sorgen verbale Entgleisungen dafür, dass Literaturkritik selbst zum Schauplatz wird


Der Kritiker Marcel Reich-Ranicki hebt den Finger, Elke Heidenreich steht daneben und schaut nach oben: Wo Kritik zur Show wird

Foto: Jörg Cartensen/picture alliance


1. Elke Heidenreich: „Hysterisches Rolltreppendickerchen“

Denis Scheck geht im Februar 2003 erstmals für die ARD mit der Literatursendung Druckfrisch auf Sendung. Mit den Worten, so etwas sei doch höchstens für „alte Schachteln attraktiv“, beförderte er in einer Folge Elke Heidenreichs Buch Der Welt den Rücken in die bekannte Tonne.

Im Juli hat Heidenreich anlässlich eines großen Porträts in der SZ Gelegenheit, der Journalistin Evelyn Roll Folgendes in den Notizblock zu diktieren: „Was maßt sich dieses hysterische Rolltreppendickerchen an, dieser Tchibo-Literatur-Vertreter? Der soll mit seinen 30.000 Zuschauern unter sich bleiben. Dann kann er denen immer wieder neu vorführen, wie klug er ist.“ Eine Fehde, die inzwischen mehr als 23 Jahre währt – und ein schönes Beispiel dafür, dass die Form öffentlicher Kritik seit je auch eine Bühne ist, die Aufmerksamkeit garantiert.

2. Marcel Reich-Ranicki: „Da muss man schon wirklich prüde sein“

Am 30. Juni 2000 besprach man im damals reichweitenstarken Literarischen Quartett auch Haruki Murakami – wie üblich mit der Kritikerin Sigrid Löffler, den Kritiker Marcel Reich-Ranicki und Hellmuth Karasek. Als Gast war der Publizist Mathias Schreiber geladen. Löffler befand zu Beginn der Diskussion: „Ich würde diesem Buch einfach für diese Sendung einen Platzverweis aussprechen und sagen: Das ist keine Literatur, das ist bestenfalls literarisches Fastfood!“

Nach langem Hin und Her – die Herren waren einhellig begeistert von Murakamis Prosa, die zu diesem Zeitpunkt im Übrigen nicht direkt aus dem Japanischen, sondern aus dem amerikanischen Englisch ins Deutsche übersetzt worden war – blieb Löffler bei ihrer Ablehnung und zitierte aus dem Roman: „‚Wir liebten uns vier bis fünf Mal hintereinander, bis mir buchstäblich der Saft ausging.‘“ Reich-Ranicki reagierte: „Oh Gott, ist das so ein Unglück? Da muss man schon wirklich prüde sein, um das schlimm zu finden.“ Nach diesem unverhohlenen Frigiditätsvorwurf zog sich Löffler aus dem Quartett zurück.

3. Eckhard Henscheid: „Kenntnisloser und talentfreier Autor“

Einmal beschäftigt gar vermeintliche Kritiker-Entgleisung das Bundesverfassungsgericht. „Es ist schon schlechterdings phantastisch, was für ein steindummer, kenntnisloser und talentfreier Autor schon der junge Böll war, vom alten fast zu schweigen…Daß ein derartiger, z. T. pathologischer, z. T. ganz harmloser Knallkopf den Nobelpreis erringen durfte; daß Hunderttausende lebenslang katholisch belämmerte und verheuchelte Idioten jahrzehntelang den häufig widerwärtigen Dreck weglasen – ist das nicht alles wunderbar?“ schrieb der Satiriker Eckhard Henscheid 1991 in der Zürcher Literaturzeitschrift Der Rabe.

Anlass war eine neue Ausgabe von Heinrich Bölls Romanen und Erzählungen. Der Erbe war not amused, zog vor Gericht, und das zog sich. Nach drei Jahren landete der Fall beim Bundesverfassungsgericht. Dieses befand, Henscheid habe Böll mit einer „Schmähkritik“ in seiner Menschenwürde verletzt – darüber lässt sich bis heute trefflich streiten.

4. Edo Reents: „Sie kann nicht schreiben“

Im Jahr 2014 erschien nach mehreren Erzählungsbänden der erste Roman der Bestsellerautorin Judith Hermann. Selbstverständlich rezensierte die FAZ ihr Buch; die Besprechung des Literaturkritikers Edo Reents begann wie folgt: „Judith Hermann hat zwei Probleme: Sie kann nicht schreiben, und sie hat nichts zu sagen. Das sind denkbar ungünstige Voraussetzungen für eine Position, wie sie ihr immer noch, auch nach ihrem gerade erschienenen Roman Aller Liebe Anfang, zugestanden wird: die einer der ‚wichtigsten Stimmen‘ der jüngeren Literatur, einer ‚Meisterin‘“ gar.

Diese harte Kritik löste Befremden, aber auch klammheimliche Zustimmung im Literaturbetrieb aus – und fand nicht weiter verwunderlich Eingang in Nicole Seiferts Buch Frauen Literatur. Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt (Kiepenheuer & Witsch 2021), wo die Kritikerin Marie Schmid in der SZ wiederum die „treuherzige Verwendung der ersten Person Plural“ bemängelte: „Wer ist dieses ‚Wir‘? Autorin, Leser und Leserinnen ausgerechnet dieses Buches?“

5. Karl Kraus: „Feuilletonschlampe“

Vom Großkritiker Karl Kraus, zu dessen bekanntesten lebenden Fans man wohl den US-amerikanischen Autor Jonathan Franzen zählen kann, stammt der Satz: „Mir fällt zu Hitler nichts ein.“ Dafür fiel ihm umso mehr zu seinem Intimfeind, dem anderen Großkritiker Alfred Kerr, ein. Jahrelang trugen die beiden einen erbitterten öffentlichen Streit aus.

1911 bezeichnete Kraus seinen Kollegen als „Feuilletonschlampe“, „toten Reklamehelden“ sowie als „Kreuzung von einem Schulbuben und einem Schandjournalisten“. Kerr revanchierte sich, nannte Kraus einen „Zwanzigpfennig-Aufguss von Oscar Wilde“, ein „Nietzscherl“. Ein Literaturwissenschaftler bezeichnete diesen Kampf viele Jahre später als einen „der unangenehmsten und sachlich belanglosesten in der deutschen Literaturgeschichte“ – und doch zählt er zu den besten Beispielen intelligenter Polemik zwischen zwei Kritikern der frühen Moderne.

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