Streiks und knappes Kerosin: „Das ist offener Krieg gegen die eigenen Leute“

Drinnen der Stolz auf das, was in 100 Jahren erreicht wurde – draußen der Unmut von demonstrierenden Flugbegleitern und Piloten, die fehlende Wertschätzung und das Missachten ihrer Tarifforderungen beklagen: Größer hätten die Kontraste zum Jubiläum der Deutschen Lufthansa am Mittwoch kaum sein können.

Und am Donnerstag kündigte die Fluggesellschaft Änderungen in der Flotte an, Flugzeuge werden, wie vor zwei Wochen skizziert, aus dem Betrieb genommen, was auch mit drohenden Kerosinengpässen zu tun hat. Verkündet wird dies im Paket mit einem Betriebsende der Tochtergesellschaft Lufthansa Cityline, deren perspektivisches Aus in den Streiks der Gewerkschaften UFO und Vereinigung Cockpit (VC) eine Rolle spielte.

Die Außerdienstnahme von 27 Cityline-Flugzeugen erfolgt zum Samstag, da am Donnerstag und Freitag streikbedingt ohnehin keine Cityline-Flüge starten, ist der Flugbetrieb der Tochtergesellschaft aber sofort Geschichte. Die Beschäftigten sollen weitgehend freigestellt werden. Zum Herbst wird darüber hinaus eine Flugkapazität von fünf Flugzeugen aus dem Kurzstreckenprogramm der Kernmarke Lufthansa genommen.

„Seit Längerem“ vorgesehen

Der Vorstandsvorsitzende Carsten Spohr hatte im Zusammenhang mit den Tarifkonflikten beklagt, dass die Kernmarke auf einigen kürzeren Strecken keinen Gewinn mehr einfliege. Zum Herbst gehen vorzeitig auch die letzten verbrauchsintensiven Flugzeuge der Airbus-Reihe A340-600 und der älteren Boeing-Jumbojet-Version aus dem Betrieb. Die junge Urlaubsflugtochtergesellschaft mit niedrigeren Konditionen soll indes neun weitere A350-Langstreckenflugzeuge bekommen.

Lufthansa-Finanzvorstand Till Streichert vermied es in der Ankündigung der Schritte, die aktuellen Tarifkonflikte anzusprechen. Er begründete die Änderungen in der Flotte mit „stark gestiegenen Kerosinkosten“ und mit „der geopolitischen Instabilität“. Das Ende von Cityline erfolge aber „unabhängig von der aktuellen geopolitischen Krise“ und sei „seit Längerem als Teil unserer strategischen Weiterentwicklung“ vorgesehen. Das sei für die Beschäftigten ein „schmerzhafter Schritt“, so Streichert. Für sie sollen Weiterbeschäftigungsmöglichkeiten im Konzern gesucht werden.

Das plötzliche Aus für den Betrieb wurde von Arbeitnehmervertreter als weiterer Eskalationsschritt aufgefasst. „Wir sind erschüttert und schockiert über so viel Skrupellosigkeit“, sagte UFO-Tariffachmann Harry Jaeger der Nachrichtenagengtur Reuters. „Das ist offener Krieg gegen die eigenen Leute.“ Die Festwoche der Lufthansa ist durch fünf Streiktage, in denen sich UFO und VC mit Ausständen abwechseln, geprägt. Wegen Flugausfällen konnten auch einige angemeldete Gäste nicht zur Feier anreisen.

Scharfe Worte vom Aufsichtsratschef

Lufthansa-Aufsichtsratschef Karl-Ludwig Kley hatte während des Festaktes am Mittwoch in Bezug auf die beiden Spartengewerkschaften scharfe Worte gewählt. Er sagte: „Selbstbezogenheit ersetzt Sozialpartnerschaft.“ Und er forderte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), der unter den Gästen war, auf, das deutsche Streikrecht zu formalisieren. „Ich bitte Sie eindrücklich, eine Diskussion um die Kodifizierung des Streikrechts anzustoßen“, sagte Kley an den Kanzler gerichtet. Vereinfacht gesagt: Nicht Gewerkschaften und Richter sollen bestimmen, sondern ein Gesetz soll festlegen, was im Arbeitskampf möglich ist. Arbeitgeber hätten in Konflikten nur noch einen Platz auf der Zuschauertribüne, so Kley. 

Jens Bischof, Präsident des Luftfahrtverbands BDL, schloss sich der Forderung von Kley an. Wesentliche Bereiche des Luftverkehrs zählten zur kritischen Infrastruktur. „Aus unserer Sicht braucht es deshalb eine neue Balance im Streikrecht für den unverzichtbaren Bereich Luftverkehr“, sagte er. Länder wie Italien zeigten, dass praktikable Streikregeln für kritische Infrastruktur möglich seien. In Italien müssen Ausstände in kritischen Bereichen zehn Tage im Voraus angekündigt werden, ein Mindestbetrieb muss sichergestellt werden.

Zum Festakt übergibt Vorstandschef Spohr ein Modell des neuen Jets an Kanzler Merz.Lucas Bäuml

Obwohl Gewerkschaften Verhandlungen für gescheitert erklärt hatten, hatte es auch in den vergangenen Tagen hinter den Kulissen einige Gespräche gegeben, allerdings ohne Ergebnis. Es hakt an vielen Details. Lufthansa hat im Streit um die betriebliche Altersversorgung angeboten, dass sich Piloten der Kernmarke, die mit der Verzinsung der in einen Betriebsrentenfonds eingezahlten Mittel unzufrieden sind, Geld ausgezahlt bekommen, um es selbst anzulegen. Angeboten hat sie auch, den Betriebsrententopf mit dem für die Übergangsversorgung für vorzeitig ausscheidende Piloten zusammenzuführen. Nicht angeboten hat sie, mehr für Betriebsrenten einzuzahlen, aber die VC fordert genau das.

Lufthansa verweist auf Geschäftszahlen. Ihre deutsche Hauptmarke machte 2025 einen operativen Gewinn von 148 Millionen Euro, die deutlich kleinere Schweizer Schwestergesellschaft Swiss 600 Millionen Euro. Für die Kernmarke blieb eine Minimarge von 0,9 Prozent. Das Langfristziel liegt bei acht bis zehn Prozent. Swiss erreichte das. Lufthansa dürfte daher im Streit um die Höhe der Einzahlungen in den Betriebsrententopf hart bleiben.

Ein Schlichtungsangebot der VC wurde nicht angenommen – man konnte sich nicht auf Nebenbedingungen einigen. VC-Präsident Andreas Pinheiro warf dem Konzern vor, Lufthansa nehme „zumindest in Kauf, dass sich Tarifauseinandersetzungen weiter zuspitzen“. Die Gewerkschaft wollte in Bezug auf die Piloten der Kernmarke dem Vernehmen nach isoliert über die Altersversorgung sprechen. Die Arbeitgeberseite befürchtet, dass dann auf Teilzugeständnisse neue Forderungen zur Übergangsversorgung folgen. Die VC zeigte sich indes irritiert, dass Lufthansa in die Schlichtung Themen einbeziehen wollte, zu denen kein offener Tarifkonflikt besteht wie die Pilotengehälter. „Das ist in etwa so, als würde bei der Novellierung einer Verordnung auch gleich das Grundgesetz zur Disposition gestellt“, sagte Pinheiro.

Der nach einem Verlustjahr immer noch kleine Gewinn der Kernmarke ist auch ein Grund, warum Lufthansa und UFO im Manteltarifstreit zu Arbeitszeiten im Dissens verharren. Die Flugbegleiterorganisation hatte einen Katalog mit rund 30 teils sehr speziellen Punkten vorgelegt. Der ist Lufthansa in Summe zu teuer. In Konzernkreisen kursieren Berechnungen, dass die Produktivität um zehn Prozent sinken würde. Dabei will man die gerade erhöhen, auf einigen kürzeren Strecken würde aktuell gar kein Gewinn eingeflogen.

Demozug  der Flugbegleiterorganisation UFO am Frankfurter Flughafendpa

Lufthansa-Vorstandschef Spohr hatte im Interview mit der F.A.Z. mit Blick auf die Kernmarke gesagt: „Mit den aktuellen Kostenstrukturen dort verzehren die Verluste der Kurzstrecke in der Tat die Gewinne aus Langstrecken. Uns bleibt aktuell dann nur die Option, diese defizitären Kurzstrecken sukzessive zu verlagern, um die finanziellen Mittel für unsere notwendigen Investitionen zu erwirtschaften.“

Junge, wachsende Betriebseinheiten wie Discover und der Zubringerfluganbieter City Airlines, die schon Strecken übernommen haben, sind für UFO und VC ein doppeltes Ärgernis. Zum einen wird das Personal dort zu niedrigeren Konditionen beschäftigt, zum anderen hat Lufthansa für diese Betriebe Tarifverträge mit Verdi geschlossen. UFO und VC würden daher „in einem Dilemma stecken“, so Spohr. „Keine der von ihnen tarifierten Airlines nimmt am erfreulichen Wachstum unserer Lufthansa Group mit ihren insgesamt 14 Airlines überhaupt noch teil.“ Bei Cityline steht nun sogar das Ende fest – und damit wohl auch die endgültige Ablehnung der UFO-Streikforderung nach einem tariflichen Sozialplan, den die Gewerkschaft aushandeln wollte. Lufthansa teilte mit, nun mit der Personalvertretung, quasi dem Betriebsrat, einen Sozialplan zu verhandeln.

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