Polen und Deutsche: „Deutschland ist nicht mehr dies Vorbild pro uns“

Ende März schien das Leben polnischer Bahnreisender in akuter Gefahr zu sein. Denn die staatliche Eisenbahngesellschaft PKP schickte 50 Personenwaggons auf ihre Strecken, die sie gebraucht in Deutschland erworben hatte. „Skandalös!“, schrien gleich mehrere Abgeordnete der oppositionellen PiS in einer eigens einberufenen Sitzung des Parlaments.

Ein Abgeordneter verlangte, dass in autorisierten Labors Materialproben aus dem „deutschen Schrott“ genommen und auf Asbest getestet würden, auf dass die Nation nicht vergiftet werde. Der Vizeminister für Infrastruktur wies das als „Unsinn“ zurück. Polens Eisenbahn wachse so schnell, dass es länger dauere, neues Material zu beschaffen.

In Polens rechtspopulistischen Kreisen, für deren Parteien knapp die Hälfte der Wähler stimmen, fand der PiS-Aufruhr dagegen Widerhall. Aus Deutschland, so lautet der Tenor, könne nichts Gutes kommen. In vielen Familien, wo die Erinnerung an den Terror im Zweiten Weltkrieg noch wach ist, fiel das auf fruchtbaren Boden.

In Polen schaute man auf die BRD, nicht die DDR

In den Jahren nach der Wende war das noch anders. „Polen schaute auf Westdeutschland wie auf einen Leuchtturm“, sagt Knut Abraham, heute CDU-Bundestagsabgeordneter und Polenbeauftragter der Regierung, der in den Achtzigerjahren häufig aus der Bundesrepublik nach Polen fuhr.

Die Kontakte waren ab Ende 1981 entstanden, nachdem die kommunistische Regierung das Kriegsrecht verhängte hatte. Damit wollte sie die populäre oppositionelle Gewerkschaft Solidarność zerschlagen und das Land unter Kontrolle behalten.

„Das löste im Westen eine Welle der Hilfsbereitschaft aus, es herrschte eine regelrechte Polenbegeisterung“, erinnert sich Abraham. Die Bundespost beförderte Hilfspakete portofrei, und es entstanden vielfach persönliche Kontakte sowie Partnerschaften zwischen Städten und Gemeinden.

„Damals war das Interesse an der Bundesrepublik groß“, sagt auch Janusz Reiter, der in der polnischen Opposition mitarbeitete und nach der Wende Botschafter Polens in Deutschland war. Westdeutschland sei für Polen nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch von Bedeutung gewesen. „Die BRD war in dieser Hinsicht handlungsfähig, die DDR dagegen war politisch für uns irrelevant“, sagt Reiter.

Die SED ließ das Volk zwar auch Hilfspakete schicken, warnte aber ganz im Sinne Moskaus vor der „Konterrevolution“ in Polen, begrüßte das Kriegsrecht und schaffte das visafreie Reisen in das Nachbarland ab. In Polen jedoch habe man in der Opposition intensiv über die deutsche Frage diskutiert, sagt Reiter.

Lech Walesa vor Arbeitern am 31. August 1980 in Danzigpicture alliance / PAP

Man wusste damals in der Solidarność, dass das Regime die Zugehörigkeit zum sowjetischen Machtbereich mit der „deutschen Gefahr“ rechtfertigte, und man wollte das Schreckgespenst bannen, um der Diktatur ihre Legitimation zu nehmen. Ein neues, positiveres Deutschlandbild wurde deshalb als Schlüssel für Veränderungen im Land und eine Rückkehr nach Europa gesehen.

„In Polen habe ich zum ersten Mal Menschen getroffen, die felsenfest davon überzeugt waren, dass Deutschland wiedervereinigt wird“, sagt Abraham. Für viele Polen sei klar gewesen, dass ihr Weg aus dem sowjetischen Einflussbereich in ein freies Europa nur über ein in den Westen eingebundenes, nicht neutrales, vereintes Deutschland führe, sagt Reiter.

1989 waren die Polen schneller

Doch dann waren die Polen schneller: Im August 1989 wählte das Parlament Tadeusz Mazowiecki zum ersten nichtkommunistischen Regierungschef seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Veränderungen strahlten auch auf die DDR aus, wo wenig später die Mauer fiel. In jenem November 1989 umarmten sich Mazowiecki und Bundeskanzler Helmut Kohl bei einer Versöhnungsmesse im niederschlesischen Kreisau (Krzyżowa).

Beide hatten den Zweiten Weltkrieg als Jugendliche erlebt. Die Versöhnung zwischen Deutschen und Polen war ihnen deshalb ein persönliches Anliegen. Zugleich schwang politisches Kalkül mit: Mazowiecki erhoffte sich Aufbauhilfe und Kohl Unterstützung bei der Wiedervereinigung Deutschlands.

Bundeskanzler Helmut Kohl und der polnische Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki am 12. November 1989 in Kreisau.Picture Alliance

Letztere weckte in Polen jedoch Sorgen angesichts der großen politischen und wirtschaftlichen Asymmetrie zwischen beiden Ländern, die auch in dem bulligen Berufspolitiker Kohl und dem hageren Intellektuellen Mazowiecki zum Ausdruck kam. Polens größte Angst sei damals eine Revision der Westgrenze gewesen, sagt Janusz Reiter.

Da schwang die Angst mit, Deutschland könne seine 1945 verlorenen Ostgebiete zurückverlangen. Zwar hatte die Bundesrepublik im Jahr 1970 die Oder-Neiße-Grenze politisch anerkannt, völkerrechtlich jedoch konnte dies erst durch ein wiedervereinigtes Deutschland geschehen.

Erst spät wurde die Grenzfrage vertraglich geregelt

„Für Polen war das eine überragende Frage“, sagt Reiter. Der Versuch Warschaus, diese Frage im 2+4-Vertrag zwischen beiden deutschen Staaten und den vier Siegermächten zu klären, ging schief. Kohl habe das Thema aus Rücksicht auf die deutschen Vertriebenen, von denen da noch viele lebten, lange in der Schwebe gelassen, sagt Abraham. Erst am 14. November 1990 wurde die Grenzfrage dann vertraglich geregelt.

Kohls innenpolitisch begründetes Zögern habe Polen damals verletzt, aber letztlich nicht die grundsätzliche Bereitschaft zu verbesserten Beziehungen berührt, sagt Reiter. „Deutschland war in den Augen der meisten Polen einfach das Land, an dem man sich orientierte.“ Starke Wirtschaft, Demokratie, Sozialstaat und die besten Autos der Welt. Für das Ziel, in NATO und EU anzukommen, habe Polen vieles mit der Faust in der Tasche akzeptiert, sagt Abraham.

Der damalige polnische Ministerpräsident Krzystof Bielecki, Helmut Kohl, Willy Brandt und Hans Dietrich Genscher 1991 in Bonn, nachdem sie den Vertrag „über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit“ unterzeichnet haben.picture-alliance / dpa

Diese Zeit ist vorbei. Nach einer entbehrungsreichen Aufbauphase zeigt sich Polen längst als selbstbewusster Bündnispartner. Seit 1999 Mitglied der NATO und seit 2004 der EU, ist Warschau ein beispielloser Aufstieg gelungen. Heute zählt das Land zu den 20 größten Industrienationen der Welt, was auch zu einem veränderten Rollenverständnis führt.

„Deutschland ist nicht mehr das Vorbild für uns“, sagt die Politikwissenschaftlerin Anna Kwiatkowska. Die Deutschlandkennerin arbeitet am Warschauer Zentrum für Oststudien und betreibt seit einiger Zeit einen Podcast mit dem Titel „Niemcy w ruinie?“ („Deutschland in Trümmern?“), wo sie gemeinsam mit dem Philosophen Marek Cichocki Woche für Woche einen realistischen, bisweilen auch ironischen Blick auf Deutschland wirft. Dass Deutschland in Problemen steckt, ist vielen Polen bekannt, und sie wollen wissen, warum, denn das Nachbarland ist für viele nach wie vor ein Bezugspunkt.

2003 folgte Polen den USA in den Irakkrieg

Der Titel sei etwas knallig, aber gut verkaufbar, sagt Kwiatkowska. „Wir hinterfragen, zeigen, was wirklich ist, geben auch Fehler zu.“ Ganz so, wie sie sich ein gut nachbarschaftliches Verhältnis vorstelle. „In den polnisch-deutschen Beziehungen setzt sich langsam Realismus durch“, sagt sie. „Das ist ein schmerzhafter Prozess, besonders für die Deutschen.“

Zwar konstatiert auch sie die „sehr wichtige Rolle Deutschlands“ beim Weg Polens in NATO und EU. Doch sei es Berlin und Westeuropa lange nicht gelungen, das „Lehrer-Schüler-Verhältnis“ hinter sich zu lassen und Polen als gleichberechtigten Partner wahrzunehmen.

Als Polen 2003 den USA in den Irakkrieg folgte, um das Bündnis mit Amerika zu festigen, hagelte es aus Deutschland und Frankreich unflätige Kritik. Frankreichs Präsident Jacques Chirac, der wie Bundeskanzler Gerhard Schröder den Krieg ablehnte, tadelte Polen und andere osteuropäische Staaten als „kindlich“ und „schlecht erzogen“ und erklärte, dass diese „eine gute Gelegenheit zu schweigen“ verpasst hätten. Vielen Polen, auch jenen, die den Irakkrieg ablehnten, ist das bis heute in schlechter Erinnerung.

„Damals kippte die Stimmung“, erinnert sich Janusz Reiter. Nur, dass es in Deutschland kaum jemand wahrgenommen habe. Der nächste Schlag folgte nach der EU-Osterweiterung, als Deutschland sieben Jahre lang keine Arbeitnehmerfreizügigkeit gewährte. Viele Polen gingen damals in andere Länder, vor allem nach Großbritannien. Es folgte Streit, etwa um das Stimmgewicht im Europäischen Rat, bei dem sich Polen nicht durchsetzen konnte.

Ein Konfliktpunkt war das Verhältnis zu Moskau

Ein weiterer Konfliktpunkt war das Verhältnis zu Moskau. Bis heute verstehen viele Polen nicht, warum Deutschland die Warnungen aus Osteuropa vor einem aggressiven Russland in den Wind schlug. Anna Kwiatkowska erklärt die Gefühlslage vieler Polen: „Wir, die Neuen, noch dazu aus dem Osten, durften einfach nicht recht haben.“

Das Schlimmste in dieser Hinsicht sei der Bau der Ostseepipeline Nord Stream gewesen, „vor allem der zweite Strang noch nach der Krim-Besetzung“, sagt Kwiatkowska. Deutschland habe sich über alle Warnungen hinweggesetzt. „Wir wurden als russophob dargestellt, und es hieß, dass wir nur das eigene Transitgeld (über bestehende Leitungen durch Polen) im Sinn hätten.“ Dabei habe sich Deutschland „letztlich zutiefst gefährlich und illoyal gegenüber der gesamten EU“ verhalten. Sein eigenes Handeln aber habe Berlin stets für pragmatisch erklärt.

Angela Merkel, Dmitri Medwedjew und Gerhard Schröder bei einer feierlichen Veranstaltung zum Bau der Nordstream-Pipeline im Jahr 2011.picture alliance / dpa

Kritik aus Osteuropa dagegen wurde als emotional und innenpolitisch motiviert kritisiert. Als Polen 2011 mit dem Bau eines Flüssiggas-Terminals in Swinemünde (Świnoujście) begann, um seine Abhängigkeit von Russland zu verringern, hätten manche in Deutschland das als „Geldverschwendung“ kritisiert. Und als Polen 2015 vor den Folgen der Aufnahme zu vieler Flüchtlinge auf einmal warnte, sei man von deutschen Politikern und Medien als rassistisch gebrandmarkt worden.

In Polen bekamen das viele Menschen auch deshalb direkt mit, weil sie sich viel mehr mit Deutschland beschäftigen als umgekehrt Deutsche mit Polen. „Uns wurde viele Jahre das Gefühl gegeben, unfähig zu sein, erst noch lernen zu müssen, bevor wir mitreden dürfen“, sagt Kwiatkowska und verweist dabei auch auf Angela Merkel, die 2021 in einer sehr persönlichen Rede kritisiert hatte, dass sie noch Jahre, nachdem sie bereits Bundeskanzlerin war, von einem westdeutschen Journalisten als „angelernte Bundesdeutsche und Europäerin“ bezeichnet wurde.

Die Botschaft war: So sehr ihr euch anstrengt, was auch immer ihr erreicht: Ihr werdet nie ganz dazugehören. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, dass Dirk Oschmanns Bestseller über innerdeutsche Befindlichkeiten auch in Polen für Furore sorgte.

Die Ossis der EU

Dass sich Polen als Ossis der EU sehen, sei jedoch allenfalls psychologisch vergleichbar, sagt Janusz Reiter. „Wir müssen ja nicht in Frustration verharren, sondern können handeln.“ Für Polen sei es jetzt interessant, zu sehen, „wie die sehr klugen Deutschen auch Fehler machen“, so Anna Kwiatkowska. Sie sagt das ohne Häme, auch wenn in Polen beim Blick auf Deutschland heute bisweilen Schadenfreude aufkommt.

Es gibt in Warschau Kräfte, die das Feindbild vom bösen Deutschen rücksichtslos ausschlachten. So wie jüngst in der Debatte um einen EU-Kredit für Polen zum Ausbau der Verteidigungsfähigkeit. Präsident Karol Nawrocki, ein erklärter Gegner der Regierung in Warschau, hat die Annahme mit seinem Veto verhindert.

Politiker aus seinem Lager suggerieren belegfrei, der Kredit sei ein Mittel Berlins, um Polen abermals zu unterwerfen. Nationalistische Medien beschreiben Nawrocki als „Schutzschild vor dem deutschen Überfall“ und als Mann, der „die deutsche Spezialoperation“ zerschlagen hat. Die eigene Regierung bezeichnen sie zugleich als „Bande von Verrätern, die Polen bei den Deutschen verschuldet“.

Knut Abraham, Polenbeauftragter der Bundesregierung, in Frankfurt (Oder)dpa

Knut Abraham, der paternalistische deutsche Reflexe gegenüber Polen stets kritisiert, sagt dazu, er sei schon irritiert, wie heute auf höchster Ebene in Polen Deutschland bewusst missverstanden und missinterpretiert werde. „Hier wird das wertvolle mitteleuropäische Verhältnis zwischen Deutschen und Polen bewusst in den Dreck gezogen.“

Allerdings teilt nur eine Minderheit in Polen die Einstellungen des Präsidentenlagers zu Deutschland. Ryszarda Formuszewicz vom Westinstitut in Posen (Poznań) und Piotr Cichocki von der Universität Posen befragten im Dezember 2500 Polen über die Beziehungen zu Deutschland, wobei herauskam, dass nur ein Fünftel diese als schlecht wahrnimmt, während gut ein Drittel sie als positiv und die übergroße Mehrheit als neutral einordnet.

Die Zahl der Deutschland-Gegner wurde überschätzt

Dagegen führten simple, aber in der Öffentlichkeit sehr sichtbare extreme Meinungen dazu, die Zahl der Deutschland-Gegner zu überschätzen. Die polnische Gesellschaft sei größtenteils weder stark polarisiert noch eindeutig in ihrer Sicht auf Deutschland geprägt. Vielmehr dominiere ein pragmatischer Ansatz, demzufolge Polen und Deutsche gemeinsame Interessen haben und die Zusammenarbeit beider Länder gut für ein stabiles Europa ist.

Eine Ausnahme allerdings gibt es, und zwar bei der Frage nach Entschädigung für die im Zweiten Weltkrieg von Deutschen begangenen Verbrechen in Polen. „Erwartungen an Reparationen und angemessene Anerkennung polnischer Opfer haben eine breite gesellschaftliche Legitimität, die politische Spaltungen übersteigt“, schreiben Formuszewicz und Cichocki.

ARCHIV – Beim Einmarsch deutscher Truppen in Polen am 01.09.1939 reißen Soldaten der deutschen Wehrmacht einen rot-weißen Schlagbaum an der deutsch-polnischen Grenze nieder. Foto: dpa (zu dpa-Themenpaket 75 Jahre Zweiter Weltkrieg, Reportage «75 Jahre nach deutschem Überfall auf Polen ist Versöhnung Normalität» vom 19.08.2014)dpa

Auch Anna Kwiatkowska sagt, dass die Geschichte des Zweiten Weltkriegs für die meisten Polen nicht erledigt ist. „Es gibt ein weitverbreitetes Gefühl, dass da noch etwas zwischen unseren Ländern liegt“, sagt sie und betont, dass dies nicht nur eine Frage von Geld, sondern auch von Respekt sei. Die Folgen des Krieges seien in Polen in der Erinnerung fast aller Familien spürbar und lebendig.

Die Polen nehmen heute wahr, dass die Deutschen nicht perfekt seien, konstatiert Kwiatkowska. Die Idealisierung Deutschlands in Polen vor allem in den Achtziger- und Neunzigerjahren sei eben immer auch eine mit vielen Hoffnungen verbundene Illusion gewesen.

Heute, zurück auf dem Boden der Tatsachen, erkenne man, dass Deutschland „weder ein idealisiertes Vorbild noch die Wiedergeburt eines Albtraums aus der Vergangenheit“ sei, sondern einfach ein Staat, der sehr wichtig und einflussreich, aber auch nicht frei von Fehlern sei, kurz: ein Land mit dem man konkurrieren und kooperieren können müsse. Und umgekehrt solle Deutschland Polen als Partner auf Augenhöhe behandeln.

„Die Zukunft der polnisch-deutschen Beziehungen wird weitgehend nicht von sozialen Emotionen abhängen“, konstatieren auch Formuszewicz und Cichocki. „Sondern von der Fähigkeit der politischen Eliten beider Länder, Vertrauen aufzubauen – vor allem dort, wo es heute am meisten fehlt: im Bereich Sicherheit und Sorge für das Gleichgewicht der Partnerschaft.“

Source: faz.net