Manches Stück Welttheater

Intendantin Sonja Anders nimmt den Schwung ihrer erfolgreichen ersten Spielzeit mit in die kommende Saison. Die Besucherzahlen des Thalia Theaters bleiben auf hohem Niveau, die Zahl der Abonnenten steigt. Auftaktinszenierung im September ist die Uraufführung von „Deutsches Haus“ nach Annette Hess über die Frankfurter Auschwitz-Prozesse.

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Nur wenige Jahrzehnte, bevor Berlin und Hamburg zu einer Metropole zusammenwachsen, beginnen das Deutsche Theater in Berlin (DT) und das Thalia Theater in Hamburg mit einer ersten gemeinsamen Inszenierung – eine zukunftsweisende Kooperation. Da die Berliner sich mit Kabale herausragend auskennen und die Hamburger mit Liebe, entschied sich Regisseurin Anne Lenk, die seit Jahren an beiden Häusern tätig ist, für „Kabale und Liebe“ von Friedrich Schiller. In einem gemischten Ensemble kehrt bei dieser Gelegenheit die ehemalige Thalia-Schauspielerin Maren Eggert auf die Hamburger Bühne zurück. Das Stück wird abwechselnd in beiden Städten laufen.

Vielzahl von Kooperationen

Der Klassiker von Schiller ist nur eine von mehreren Kooperationen in der kommenden Spielzeit, wie Intendantin Sonja Anders vom Thalia Theater bei der Vorstellung des neuen Spielplans ankündigte: „Es wird immer wichtiger, sich mit gesellschaftlichen Akteuren und anderen Kultureinrichtungen zu vernetzen“, sagt Anders. Neben der Zusammenarbeit mit dem DT ist „Der Menschenfeind“ in der Regie von Jette Steckel als Koproduktion mit den Salzburger Festspielen geplant. Auch innerhalb Hamburgs gibt es verstärkt gemeinsame Projekte. Gleich zweimal arbeitet das Thalia mit der Hamburgischen Staatsoper zusammen, die Stücke heißen „Dornröschen“ und „Caspar David Friedrich“, letzteres ein Projekt von Lisaboa Houbrechts, das im März 2027 zur Uraufführung gelangen wird.

Darüber hinaus gibt es gemeinsam mit Kampnagel ein Stück, das den weisen Titel trägt „Das Wutschwert muss man herausziehen, bevor es weitergeht“ sowie eine Zusammenarbeit mit der werkgruppe 2 unter dem Titel „Feierabend“, das offenbart, dass die Grenze zwischen Freizeit und Arbeit nicht so gut mit Krokodilen und Schlangen gesichert ist wie jene zwischen Indien und Bangladesch. Die Stücke, die das Thalia Theater in der kommenden Saison in kompletter Eigenregie herausbringt, lassen sich grob in zwei Schwerpunkte und eine dritte Gruppe unterteilen: Fünf Werke „gegen Hass und Populismus“ mit besonderer Berücksichtigung der „Gefahren von zunehmendem Rechtsruck“ sowie vier Dramen aus dem Spektrum „Erzählungen der pluralistischen Gesellschaft“ werden ergänzt um Stücke, die „das individuelle Gefühl als Reaktion auf Ausschluss oder normativen Druck“ (Sonja Anders) in den Blick nehmen.

Borchert, Molière und Horváth

Die Werke der ersten Gruppe befassen sich mit „faschistischer Ideologie, Autoritarismus und der Zeit des Nationalsozialismus“. Die Spielzeit wird mit der Uraufführung „Deutsches Haus“ nach dem Roman von Annette Hess am 11. September eröffnet, Regie führt Jorinde Dröse. Es folgen zwei Werke, die sich intensiv Gefühlen widmen: „Die Vegetarierin“ nach dem Roman von Han Kang im Thalia in der Gaußstraße (Regie: Lilja Rupprecht) und „Der Menschenfeind“ von Molière mit seiner Hamburger Premiere am 18. September, seinem gefühlt aktuellsten und wichtigsten Werk.

Die Dramen, die sich intensiv mit der deutschen und europäischen Geschichte befassen, sind nach dem Saisonauftakt „Draußen vor der Tür“ von Wolfgang Borchert in einer Inszenierung des israelischen Regisseurs Ran Chai Bar-zvi (21. November), die „Geschichten aus dem Wienerwald“ von Ödön von Horváth (17. April 2027) in der Regie von Anne Lenk und „Die Nashörner“ von Eugène Ionescu zum Abschluss der Saison von Luise Voigt in Szene gesetzt (29. Mai 2027). Christian Lollikes „Der fremde Blick“ kommt am 27. April in der BOX in der Gaußstraße heraus.

„Timm Thaler oder das verkaufte Lachen“

Als großes Familienstück in der Vorweihnachtszeit steht zu des Autors hundertstem Geburtstag „Timm Thaler oder das verkaufte Lachen“ von James Krüss im erfolgreichen Programm. In der ersten Saison der Intendantin Sonja Anders werden voraussichtlich rund 233.000 Besucher im Thalia Theater gezählt werden (so viele wie in der Abschiedssaison von Joachim Lux), aktuell sind es bereits 196.000, wie Geschäftsführer Tom Till erklärte. Ein weiterer Beweis für die aktuelle Beliebtheit des Hauses ist die auf niedrigem Niveau deutlich steigende Abonnentenzahl von 3200. Weiterhin bleibt der Spielbetrieb durch anstehende Renovierungsmaßnahmen, zum Beispiel die Erneuerung der Drehbühne 2028, leicht beeinträchtigt.

Von den insgesamt 20 Premieren der Saison 2026/27 werden 14 von Regisseurinnen inszeniert, darunter neben den bereits erwähnten Anna Stiepani, die in der Gaußstraße „Gym“ nach dem Roman von Verena Keßler herausbringt. Die deutschkurdische Regisseurin und Autorin Emel Aydoğdu wird beim Stück „Große Elbstraße 275a“ von Mazlum Nergiz in der Gaußstraße Regie führen.

„Lessingtage“ im Febraur 2027

Weitere Premieren im kommenden Spielplan sind unter anderem „Dschinns“ nach dem Roman von Fatma Aydemir, der die Migration vom Hintergrund in den Vordergrund rückt sowie „Nation of Strangers“ nach dem Roman von Ece Temelkuran sowie „Deutschland im Winter“ mit Texten von May Ayim als dritter Erzählung aus dem Pluralismus der Offenen Gesellschaft. Zum Pluralismus beitragen sollen auch die kommenden „Lessingtage“, die nach dem Erfolg des „Prozess gegen Deutschland“ von Milo Rau in der laufenden Saison weiter politisch bleiben. Dramaturgin Christina Bellingen übernimmt die Leitung des Festivals von Matthias Lilienthal und wird ihr Programm im November vorstellen, es soll wieder „etwas internationaler werden“, wie Bellingen sagte. Die Lessingtage finden vom 30. Januar bis zum 14. Februar 2027 statt.

Source: welt.de

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