Wladimir Putin gerät in der Ukraine unter Druck. Damit wächst das Risiko einer Eskalation. Als gefährdet gilt die Nato-Ostflanke. Doch was, wenn Putin ganz woanders zuschlägt?
Die Bundesregierung sollte die neue Nationale Sicherheitsstrategie, die Verteidigungsminister Boris Pistorius diese Woche vorgestellt hat, stärker als bisher mit einer Kommunikations-Initiative in Europa flankieren. Diese Ansicht vertritt der Sicherheitsexperte Christian Mölling, Senior Advisor beim Brüsseler Think Tank „European Policy Center“. „Ich finde es richtig zu sagen: Deutschland will die stärkste konventionelle Armee in Europa aufbauen. Nur: Das wird im Rest Europas ambivalent wahrgenommen“, so Mölling in der neuesten Ausgabe des stern-Podcasts „Die Lage – International“. Oppositionsparteien in Nachbarländern wie Frankreich und Polen schürten die Angst vor einem neuen deutschen Hegemonialstreben in Europa. „Die Bundesregierung tritt diesem Diskurs nicht entgegen.“
Putin könnte auch das Zentrum Europas angreifen – Deutschland
Abgesehen vom geplanten Aufwuchs der Bundeswehr auf 460.000 Soldaten in aktivem Dienst und Reserve bis 2039 sieht Mölling im geplanten Aufbau einer Deep-Strike-Fähigkeit eines der zentralen Elemente der Sicherheitsstrategie. Im Klartext bedeute das für den Konfliktfall: „Sie können den Gegner schwächen, lange bevor er an ihrer Grenze auftritt. Das heißt, wir schießen im Zweifelsfall direkt auf russisches Territorium.“
Es gehe um den Aufbau „tiefer Arsenale“, nicht nur um ein paar Hundert zusätzliche Raketen weiterer Reichweite. Ein solches Eskalationspotenzial hätten bisher in Europa nur die US-Streitkräfte besessen. Da Deutschland keine Atomwaffen habe, wolle es sich künftig auf diese Art der konventionellen Abschreckungsfähigkeit stützen. Das erfordere nicht zuletzt den Aufbau einer stark vergrößerten nationalen Kommandostruktur samt größerer Hauptquartiere, „weil man natürlich nicht weiß, ob wir das militärische Hauptquartier der Nato noch nutzen können, wenn die Amerikaner möglicherweise nicht mehr kooperativ sind“, so Mölling.
Was würde man, wenn man in Moskau sitzt, tun, um uns auf dem falschen Fuß zu erwischen?
Mit Blick auf die zusehends schwierige Lage der russischen Armee an der Front in der Ukraine warnt der Sicherheitsexperte davor, sich nur auf bekannte Eskalationsszenarien entlang der Nato-Ostflanke vorzubereiten. „Es ist wichtig, sich zu fragen: Was würde man, wenn man in Moskau sitzt, tun, um uns auf dem falschen Fuß zu erwischen? Was, wenn Putin nicht Polen, sondern Portugal angreift?“ Die europäische Bedrohungsanalyse ist Mölling zufolge noch immer lückenhaft. Jüngste Warnungen aus Estland vor dem Szenario einer russischen Militäroperation auf der deutschen Ostsee-Insel Rügen seien in diesem Zusammenhang ein wichtiger Fingerzeig. „Wir haben uns in der Vorstellung eingerichtet, Deutschland liege im Zentrum Europas und sei im Konfliktfall nur die logistische Drehscheibe“, sagt Mölling. „Möglicherweise ist es sehr viel wert, als Erstes dieses Zentrum anzugreifen und zu paralysieren.“
Source: stern.de