Mit ihren Abmessungen stößt die Offshore-Windkraft-Branche an Grenzen

Vom dänischen Esbjerg und von Hamburg aus baut der Energiekonzern EnBW Deutschlands derzeit größten Offshore-Windpark „He Dreiht“ auf der Nordsee auf. Jede der dabei eingesetzten Windturbinen wiegt so viel wie zehn Kampfpanzer Leopard.

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Die „Wind Keeper“ steht über dem Wasser vor der Kaikante im dänischen Hafen von Esbjerg. Die Besatzung hat das Spezialschiff mit dem roten Rumpf zur Beladung auf seine vier hydraulisch ausfahrbaren Standbeine gestellt. An diesem grauen und windigen Tag nimmt die „Wind Keeper“ Stahltürme und Rotorblätter für den Transport zum Offshore-Windpark „He Dreiht“ an Bord, der rund 110 Kilometer westlich von Helgoland in die Nordsee gebaut wird.

Auf dem Terminal werden die Türme für die Windturbinen von „He Dreiht“ vormontiert. Die Endmontage von jeweils zwei Turmsegmenten findet dann jedoch an Bord der „Wind Keeper“ statt, sagt Jörn Däinghaus, 49, Projektleiter für den Bau von „He Dreiht“ beim Energieunternehmen EnBW: „Für eine vollständige Montage an der Kaikante sind die Türme zu schwer.“ Die mehr als 120 Meter langen Stahltürme stehen nach der Montage senkrecht auf dem Schiff, befestigt mit Dutzenden Schraubbolzen in speziellen Vertiefungen an Deck. Ein Turm wiegt etwa 850 Tonnen, mehr als 13 Kampfpanzer Leopard 2A7. Den Turm hievt der Hauptkran der „Wind Keeper“ später draußen auf der Nordsee auf das Verbindungsstück der Fundamentröhre, die bereits im Meeresboden steckt. Auf den Turm wird dann die Windturbine montiert, die etwa 630 Tonnen wiegt, umgerechnet zehn Panzer. Am Ende kommen je Anlage noch drei Rotorblätter zu jeweils 63 Tonnen hinzu.

Die Offshore-Windkraft-Branche hat sich in nur eineinhalb Jahrzehnten in geradezu abenteuerliche Größen und Gewichte emporgearbeitet. Am Ende der Nullerjahre wurden im deutschen Teil von Nord- und Ostsee die ersten Testanlagen und kommerzielle Windparks installiert. Doch mit deren Dimensionen haben die heutigen Anlagen nichts mehr zu tun. In den deutschen Seegebieten setzten die Unternehmen anfangs Windturbinen mit Leistungen zwischen 2,3 und fünf Megawatt ein. Auch das waren teils bereits gewaltige Maschinen, größer als die damals gängigen Windturbinen an Landstandorten. Für „He Dreiht“ bringt der dänische Hersteller Vestas nun erstmals sein neues Modell V 236 in den kommerziellen Einsatz hinaus aufs Meer. Es ist – mit je 15 Megawatt Leistung – derzeit die weltweit größte und stärkste Windturbine aus einer Serienfertigung. Mehr als 260 Meter ragt der Rotor einer V 236 in die Höhe, das sind nur noch gut 70 Meter weniger als die Spitze des Eiffelturms.

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Mit einer Leistung von 960 Megawatt aus 64 Windturbinen ist „He Dreiht“ der bislang stärkste deutsche Offshore-Windpark überhaupt. Im Jahr 2017 erhielt EnBW von der Bundesnetzagentur den Zuschlag für das Projekt. Es ist der erste Offshore-Windpark, der sich komplett ohne spezielle Einspeisevergütungen rechnen soll, die üblichen Subventionen der Stromkunden für die Nutzung von Windstrom. Allein aus dem Stromverkauf zu Marktpreisen wollen EnBW und dessen Co-Investoren „He Dreiht“ refinanzieren, mehr als die Hälfte seiner Leistung ist bereits über langfristige Abnahmeverträge ausgebucht, von Unternehmen wie dem Stahlhersteller Salzgitter, der Deutschen Bahn und auch Google.

Um wirtschaftlich große Mengen an Windstrom vom Meer liefern zu können, mussten die Anlagen und Strukturen in den vergangenen Jahren immer größer werden – und damit auch die Investitionen. Das Meereskraftwerk „He Dreiht“ kostet rund 2,4 Milliarden Euro, rechnerisch kann der Windpark Strom für rund 1,1 Millionen Haushalte erzeugen. „Die Errichtungszeit für eine V236 inklusive Turm und Rotorblättern – das sind jeweils fünf Hübe – beträgt insgesamt etwa 24 Stunden“, sagt Henrik Thun, 38, Head of Offshore Project Management bei Vestas. „Das ist in etwa so viel wie bei den ersten Offshore-Windturbinen, die vor mehr als 15 Jahren in den deutschen Seegebieten installiert worden sind. Doch die Turbine, die wir heutzutage einsetzen, ist weit größer und schwerer und erzeugt drei- bis fünfmal so viel Strom wie die damals gängigen Modelle.“

Auf dem Terminal von Vestas in Esbjerg sieht es aus wie in einem riesigen Baukasten. Windturbinen, Turmsegmente und Rotorblätter stehen ordentlich aufgereiht zur Verladung, dazwischen große und kleine Kräne, Gabelstapler und einzelne Bauteile der Windkraftanlagen. Die Menschen auf dem Terminal wirken von Bord der „Wind Keeper“ aus winzig. Die Logistik ist neben der Technologie der entscheidende Faktor dafür, dass Windparks in der Dimension von „He Dreiht“ zeitgerecht und damit wirtschaftlich rentabel errichtet werden können. Die Unternehmen, die diese komplexen Installationen in das Meer bauen – Konzerne wie EnBW und Vattenfall, RWE und Ørsted – konkurrieren um knappe Flächen in den Häfen, um Spezialschiffe und Fachkräfte.

Einst war Esbjerg der wichtigste Fischereihafen in Dänemark. Mit dem Niedergang der Nordseefischerei wurde die Stadt ein maritimes Zentrum für die Öl- und Gaswirtschaft, die im dänischen Teil der Nordsee Energie förderte. Heutzutage ist Esbjerg der weltweit wichtigste Basishafen für die Offshore-Windkraft. Anlagen und Bauteile von Herstellern in Dänemark und aus anderen Ländern werden hier für die Verschiffung hinaus zu den Baustellen der Windparks zusammengetragen. Reedereien und Logistikunternehmen, Zertifizierer und viele industrielle Gewerke haben am Hafen von Esbjerg ihren Sitz. „Wir arbeiten hier in Esbjerg mit rund 300 Menschen von Vestas in zwei Schichten zu je zwölf Stunden und 14-tägiger Rotation“, sagt Henrik Thun. „Wir bereiten so viel wie möglich an Land vor, um die knappen Zeitfenster mit den Spezialschiffen auf See optimal nutzen zu können.“

Deutschland ist neben Großbritannien der größte Markt für die Offshore-Windenergie in Europa – es hat aber bis heute keinen eigenen Basishafen für den Bau der Meereskraftwerke. Die Monopile-Fundamente etwa für „He Dreiht“ wurden vom Terminal im niederländischen Eemshaven aus verschifft, den das Hamburger Unternehmen Buss Group betreibt. Alle Überwasser-Installationen für „He Dreiht“ wiederum kommen aus Esbjerg. Seit Jahren schon diskutiert die Offshore-Windkraft-Industrie mit der Politik in Deutschland darüber, wo an der Nordsee ein geeigneter Basishafen errichtet werden könnte. Ein Projekt in Bremerhaven scheiterte vor Jahren am Widerstand von Umweltschützern und einem sie bestätigenden Gerichtsurteil.

Die vom Bund geplante Öffnung der Tonnagesteuer für Offshore-Windkraft-Schiffe könnte jedoch helfen, einen deutschen Basishafen an der Nordsee tatsächlich zu realisieren. Diese Steuer wird pauschal auf die Größe der Schiffe erhoben und nicht auf die Gewinne oder Verluste, die Reedereien mit den Schiffen erwirtschaften. „Mit der Tonnagesteuer für Offshore-Schiffe werden Schiffe nach Deutschland kommen, die vorher im Ausland gefahren sind“, sagt der maritime Koordinator des Bundes, der Hamburger CDU-Bundestagsabgeordnete Christoph Ploß: „Das bringt Arbeitsplätze und Wertschöpfung.“

Ein eigener deutscher Basishafen wäre angesichts vieler geplanter Windparks enorm wichtig. Denn die Größenentwicklung in der Offshore-Windkraft könnte den weiteren Ausbau der Meereswindparks in den kommenden Jahren womöglich sogar behindern – vor allem auch wegen der Engpässe bei Logistikflächen, Spezialschiffen und Anlagen wie den riesigen Umspannwerken für die Landanschlüsse. „Die rasante Größenentwicklung der vergangenen Jahre bei den Offshore-Windturbinen ist ein großes Thema in der Branche“, sagt Jörn Däinghaus von EnBW. „Und es setzt sich allmählich die Ansicht durch, dass das Größenwachstum nicht so weiter gehen sollte, um die Technologie, die Logistikketten, aber auch die Arbeit der Zulieferunternehmen und die Infrastruktur in den Häfen auf dem erreichten Niveau zunächst einmal weiter zu optimieren.“

Damit der komplexe Bau von „He Dreiht“ so sicher und so reibungslos wie möglich verläuft, wird er auch von Hamburg aus genau überwacht. In einer Büroetage des Chilehauses sitzen die Offshore-Windkraft-Experten von EnBW. Der Karlsruher Konzern nutzt Hamburg als Basis für den Aufbau neuer Offshore-Windparks und für deren Steuerung im Betrieb. In der Hansestadt hat sich ein weit verzweigtes Netzwerk der Branche herausgebildet, mit aktuell rund 2100 Vollzeitstellen bei 83 Unternehmen. Rund 200 Menschen der Offshore-Sparte von EnBW arbeiten derzeit in Hamburg, davon aktuell etwa 100 am Projekt „He Dreiht“. Der Windturbinenhersteller Vestas wiederum zählt an seinem Standort für die Windkraft auf See und an Landstandorten in der Hamburger Innenstadt rund 600 Beschäftigte.

Bei EnBW im Chilehaus erläutert Thorsten Setzer, 48, die Leitwarte des sogenannten „Marine Coordination Office“. Dort sitzen zwei Männer vor einer Reihe von Bildschirmen und verfolgen jede Schiffsbewegung und jeden Funkspruch rund um das Baufeld von „He Dreiht“ einige Hundert Kilometer entfernt auf der Nordsee. „Wir arbeiten mit einem Dreischichtbetrieb von jeweils zehn Stunden. Es ist also immer jemand hier, der das Baufeld und das Seegebiet um ,He Dreiht‘ herum im Blick hat“, sagt Setzer, einer der vier Bauleiter im Team von „He Dreiht“. Als Bauherr habe EnBW eine „Koordinationspflicht“, unter anderem sei das Unternehmen für die „Sicherheit und Leichtigkeit des Schiffsverkehrs“ im Seegebiet rund um das Baufeld von „He Dreiht“ herum zuständig.

Und nicht nur das beschäftigt die Fachkräfte im Chilehaus. „Wir koordinieren von hier aus auch die Gewerke, die am Windpark arbeiten, und kommunizieren mit ihnen“, sagt Setzer. „Die Kollegen hier in Hamburg können über ein eigens für den Windpark installiertes digitales Bündelfunksystem mit den Teams auf den Anlagen, auf den Schiffen vor Ort und auch mit den eingesetzten Helikoptern sprechen.“ Während der Bauzeit sind etwa 3000 zertifizierte Personen für das Baufeld angemeldet. 70 Schiffe sind für den Bau von „He Dreiht“ registriert, bis zu 18 größere und kleinere Schiffe sind während der Bauzeit zugleich im rund 63 Quadratkilometer großen Areal des Windparks unterwegs.

Das Ende dieser Entwicklung ist noch längst nicht erreicht. Und auch die einzelnen Windpark-Projekte werden immer größer. EnBw-Konkurrent Vattenfall etwa plant sein Projekt „Nordlicht“ bereits mit einer Leistung von 1,6 Gigawatt – 1600 Megawatt aus mehr als 100 der neuen Vestas-Turbinen in zwei zusammenhängenden Offshore-Windparks, rund 85 Kilometer nördlich von Borkum, nicht weit entfernt von „He Dreiht“. Bislang stehen im deutschen Teil der Nord- und Ostsee rund 1700 Windturbinen mit einer Leistung von insgesamt etwa zehn Gigawatt. Bis zum Jahr 2045, so das Ziel der Bundesregierung, sollen in den deutschen Meeresregionen mindestens 70 Gigawatt installiert sein.

Olaf Preuß ist Wirtschaftsreporter von WELT und WELT AM SONNTAG für Hamburg und Norddeutschland. Er berichtet seit mehr als 30 Jahren über die maritime Wirtschaft, über Schifffahrt, Häfen und Werften.

Source: welt.de

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