Diese Stabkamera lässt Ihr Smartphone archaisch aussehen

Die DJI Osmo Pocket 4 füllt eine technische Lücke, die eigentlich gar nicht existieren dürfte. Wo Smartphones an ihre Grenzen stoßen, liefert dieser kompakte Stab dank mechanischem Gimbal und neuem 1-Zoll-Sensor Bilder in echter Profiqualität. Doch nicht alles macht sie besser.

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Es gibt Gerätekategorien, für die sich eine Beschreibung partout nicht findet. Die DJI Osmo Pocket 4 ist so ein Fall. Keine Action-Cam, keine Systemkamera, kein Smartphone – und doch ein bisschen von allem. Man könnte sagen: Sie scheint eine Lücke sehr erfolgreich zu füllen. Das erkennt man an dem Vorgängermodell Osmo Pocket 3, dem man in der Praxis sehr oft begegnet.

Die Osmo Pocket 4 ist ein Stab mit Kamerakopf. Das klingt unspektakulär, ist es aber nicht: Am oberen Ende sitzt ein dreiachsiger mechanischer Gimbal, der Erschütterungen physisch ausgleicht – ohne Bildbeschnitt und Qualitätsverlust. Genau das unterscheidet sie grundlegend von Smartphones oder Action-Cams wie der GoPro, die elektronische Bildstabilisierung einsetzen und dafür einen Teil des Sensors beschneiden müssen. Die Pocket 4 liefert stabiles Material schon bei gemäßigtem Laufschritt, ohne dass das Bild eng oder verwaschen wirkt.

Das Gehäuse ist dabei kaum gewachsen. Mit rund 15 Zentimetern Höhe und knapp 190 Gramm passt die Kamera in fast jede Jackentasche. Das drehbare 2-Zoll-OLED-Display auf der Front dient gleichzeitig als Sucher und als Schalter. Dreht man es, schaltet sich die Kamera ein oder aus. Der Wechsel zwischen Quer- und Hochformat ist ebenfalls mit einer einzigen Drehbewegung erledigt.

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Das Herzstück der Pocket 4 ist ein neuer 1-Zoll-CMOS-Sensor mit bis zu 14 Blendenstufen Dynamikumfang, zwei Blendenstufen mehr gegenüber der Pocket 3. Das ist im Alltag tatsächlich spürbar. Bei Gegenlicht, beim Filmen in der Dämmerung oder in schwach beleuchteten Innenräumen arbeitet die Pocket 4 deutlich sauberer als ihr Vorgänger. Schatten bleiben erkennbar strukturiert, helle Bereiche brennen nicht so leicht aus.

Zur verbesserten Nachtleistung trägt auch der neue Farbmodus bei: Die Pocket 4 filmt erstmals in vollwertigem 10-Bit D-Log statt des leichteren D-Log M der Vorgängerversion. Das gibt in der Nachbearbeitung deutlich mehr Spielraum, um die Tonalität zu bearbeiten. Wer fertige, stimmungsvolle Bilder direkt aus der Kamera möchte, ohne selbst nachzuarbeiten, kann auf sechs vorinstallierte Farbstile direkt über das Kameradisplay zugreifen.

Extreme Zeitlupe

Eine der auffälligsten Neuerungen betrifft die Zeitlupenaufnahmen. Die Pocket 4 schafft im Slow-Motion-Modus bis zu 240 Bilder pro Sekunde in der hohen 4K-Auflösung – eine Steigerung von einhundert Prozent gegenüber dem Vorgänger und eine Spezifikation, die man bislang deutlich teureren Kameras vorbehielt. Das ergibt eine achtfache Zeitlupe in voller 4K-Auflösung.

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Wer die Vorgängermodelle kennt, hat sich regelmäßig über den Zoomjoystick geärgert, weil er langsam und leicht zu verwechseln ist. DJI hat das verstanden und unter dem Display zwei neue physische Tasten platziert. Die erste ist allein dem Zoom gewidmet: Ein Druck wechselt zwischen Einfach- und Zweifachzoom, ein Doppelklick springt auf den Vierfach-Zoom. Die zweite Taste ist frei belegbar. Wer oft zwischen Einstellungen wechselt, wird diese Taste schnell nicht mehr missen wollen.

Beim Zoomen hat DJI ebenfalls nachgebessert. Der sogenannte verlustfreie Zweifachzoom nutzt aus, dass der 1-Zoll-Sensor mehr native Pixel liefert, als für 4K-Video benötigt werden. Bei zweifacher Vergrößerung wird schlicht ein engerer Ausschnitt des Sensors genutzt, ohne dass Bildpunkte rechnerisch hinzugefügt werden müssen. Das Ergebnis überzeugt für statische Szenen und Stativaufnahmen.

Wer allerdings mit dem Gimbal in Bewegung ist und dabei heranzoomt, stellt fest, dass die Nachführung bei gleichzeitigem Zoom und Kameraschwenk nicht ganz die Stärke des Systems ist. Der digitale Vierfach-Zoom ist verfügbar, kostet aber sichtbar an Schärfe und Detailzeichnung. Für Notfälle brauchbar, als Standardoption ist das aber nicht empfehlenswert.

Ausgerechnet beim optischen Zoomen leisten moderne Flaggschiff-Smartphones mehr. Hier hat DJI eine große Chance leider ausgelassen.

Aufhelllicht mit großem Effekt

In der Creator Combo liegt ein magnetisches Fülllicht bei, das direkt am Gimbalarm der Kamera einrastet und vom Gerät gesteuert wird. Drei Helligkeitsstufen und drei Farbtemperaturen von warmem Glühlicht bis kühlem Tageslicht lassen sich per Menü oder über die belegbare Taste einstellen. Im Test funktioniert das Licht zuverlässig in schlecht beleuchteten Räumen, beim Filmen im Freien nach Einbruch der Dunkelheit oder als Gegenakzent bei starkem Gegenlicht. Die Reichweite ist aber begrenzt und bei Objekten, die mehrere Meter entfernt sind, kaum noch erkennbar. Für typische Vlogging-Situationen aus nächster Nähe ist das Fülllicht aber überraschend effektiv.

Die Pocket 4 verfügt über drei eingebaute Mikrofone, die solide Ergebnisse liefern. Die neue Funktion „Vocal Boost“ unterdrückt Umgebungsgeräusche zugunsten der Stimme des Sprechers – hilfreich in lauten Umgebungen, kein Ersatz für ein gutes Mikrofon, aber für Notfälle nützlich. Die räumliche Audio-Funktion über alle drei internen Mikrofone klingt im Kopfhörer beeindruckend immersiv, ist für normale Sprachaufnahmen aber wenig geeignet, weil die eigene Stimme dabei merkwürdig weit entfernt klingt. Wer professionelles Tonmaterial braucht, kann ein DJI-Mikrofon direkt verbinden – per Funk, ohne Kabel. Die Creator Combo enthält einen Sender.

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DJI hat sich bei der Pocket 4 entschieden, einen 107 Gigabyte internen Speicher einzubauen. Das klingt nach einer Randnotiz, ist es aber nicht. Wer je vor dem Dreh festgestellt hat, dass die microSD-Karte zu Hause liegt oder voll ist, weiß den Wert dieser Entscheidung zu schätzen. Über USB 3.1 lassen sich die Daten mit bis zu 800 Megabyte pro Sekunde auf den Computer übertragen – für eine Kamera dieser Größe ein außergewöhnlicher Wert, der den Workflow bei großen 4K-Dateien erheblich beschleunigt.

Trotz allem hat die DJI Osmo Pocket 4 noch einige Schwächen. Die auffälligste ist das fehlende Schutzkonzept gegen Staub und Wasser. Kein IP-Rating, keine Spritzwasserresistenz. Wer bei Regen filmt, geht also ein Risiko ein. Das ist bei einer Kamera, die auf mobile Nutzung ausgelegt ist und für knapp 500 Euro aufwärts verkauft wird, schwer zu rechtfertigen. Und auch beim Zoom hätten wir uns mehr gewünscht. Zwar ist der verlustfreie Zweifach-Digitalzoom auf dem großen Sensor eine clevere Lösung, aber sie ist keine echte Alternative zu einem variablen Objektiv. Wer aus sicherer Distanz in eine Szene hineinzoomen möchte, stößt rasch an Grenzen.

Die DJI Osmo Pocket 4 kostet je nach Zubehörumfang zwischen 499 Euro und 619 Euro. Wer zum kleineren Paket greift, muss auf das Funkmikrofon, Fülllicht und ein Ministativ verzichten. Glücklicherweise müssen Nutzer keine microSD-Karte kaufen, weil der interne Speicher für viele Szenarien ausreichend ist.

Insgesamt ist die DJI Osmo Pocket 4 keine Revolution, aber eine überzeugende Evolution. Wer mit der Pocket 3 arbeitet und vorwiegend bei gutem Licht filmt, kann das Upgrade ruhig aussitzen. Wer dagegen regelmäßig in Innenräumen oder bei schwachem Licht dreht, wer professionellere Tonaufnahmen braucht oder wer extreme Zeitlupen plant, bekommt mit der Pocket 4 ein Werkzeug, das diese Anforderungen auf kleinstem Raum erfüllt.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

Thomas Heuzeroth ist Wirtschaftsredakteur in Berlin. Er berichtet über Verbraucher- und Technologiethemen, Unterhaltungselektronik und Telekommunikation.

Source: welt.de

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