Seit ihrer Ausbildung an der Basler Kunstgewerbeschule hat Miriam Cahn das eigene Arbeiten als umfassendes Engagement verstanden, als intellektuelle Verpflichtung mit einer politischen, feministischen Haltung zur Welt. Die 1949 geborene Schweizer Künstlerin rückte bisher den Körper in seiner Verletzlichkeit in das Zentrum ihres Interesses.
Neben der Zeichnung und Fotografie wandte sie sich in den Neunzigerjahren der Malerei zu, dann der Bildhauerei und schuf aus mächtigen Baumstämmen eindrucksvolle Skulpturenleiber. Ihre Ausstellungen konzipiert sie selbst, arrangierte Werke in Gruppen, stellt Leerräume oder Reihungen her. Miriam Cahns Arbeit ist seriell; sie setzt sich mit Bedingung des Frauseins auseinander, mit Herrschaft, Unterdrückung und Konflikten – auch Kriegen im Balkan, in Syrien oder in der Ukraine.
Im Jahr 2022 thematisierte Miriam Cahn das Massaker von Butscha. In ausdrucksstarken Farben zeigen diese Gemälde durchscheinende Silhouetten von Frauen, Männern, Kindern, die aus vagen Hintergründen hervortreten, sich ins Bewusstsein rufen als Malträtierte oder Angreifer. Gesichtszüge bleiben bei Miriam Cahn archaisch reduziert, während sie Geschlechtsorgane oft mit roter Farbe wie ungeheuerliche Kraftzentren darstellt. Die Ausstellung neuer Werke von Miriam Cahn in der Pariser Galerie Jocelyn Wolff bildet eine Zäsur.
Im Vergleich zu vorhergehenden Zyklen sind die Formate eher klein. Nirgendwo taucht einer der expressiven Köpfe oder ein Körperumriss auf, wie man sie von der Künstlerin kennt. In den rund 45 ausgestellten Gemälden und Papierarbeiten (Preise 45.000 bis 55.000 Euro) beschäftigt sich die Künstlerin ausschließlich mit Gegenständen des Alltags. Auf jedem Gemälde stellt sie ein einziges Objekt dar: eine orangefarbene Daunenjacke, eine italienische Espressokanne oder einen Wäscheständer, auf dem bunte Handtücher trocknen. Die Werke zeigen Privates, eigentlich Banales, das man aus dem eigenen Leben kennt, wie die Zahnbürste im Wasserglas, die Gartenschere, Lebensmittel im Kühlschrank. Es sind Dinge und Bildausschnitte aus Miriam Cahns Atelierhaus in Stampa im Bergell. Jedes Objekt hält Miriam Cahn akkurat in Öl, Pastellkreide oder mit Kohlestift auf Leinwand, Holztafel oder Papier fest.
In einer Zeit, in der die Flut der Bilder von Krieg und Gewalt ein Gefühl der Ohnmacht wecken kann, stellt die Künstlerin die sachliche Frage nach den Sachen, die uns nahe sind, unbeachtet, aber unentbehrlich. Es sind essenzielle Gegenstände, die Menschen in Kriegsgebieten verlieren oder auf der Flucht mitnehmen. Miriam Cahn würdigt sie, jedes Objekt für sich: Alle Werke der Ausstellung sind im gleichen Abstand und auf gleicher Höhe gehängt. Gewählt hat Miriam Cahn vornehmlich Gegenstände der Hausfrau. Der weibliche Körper – als „anderes Geschlecht“ im Sinne Simone de Beauvoirs – steht unsichtbar hinter dem Dargestellten, der Waschmaschine, der Einkaufsliste, der Mülltüte, der Handtasche.
Ihrer sechsten Ausstellung bei Jocelyn Wolff hat die Schweizer Künstlerin den Titel „STILL LEBEN“ gegeben. Damit lässt sie das Genre anklingen und distanziert sich zugleich von ihm. Jeder dargestellte Gegenstand ist mit dem Leben desjenigen verbunden, der ihn verwendet. Man denkt auch an den französischen Schriftsteller Francis Ponge, der sich 1942 in Zeiten, in denen die Sprache politisch instrumentalisiert wurde, mit dem Band „Im Namen der Dinge“ der poetisch-sprachlichen Wiederbelebung von Alltagsobjekten zuwandte. Heute ist nicht nur die Sprache durch Instrumentalisierung oder „alternative Fakten“ gefährdet, sondern auch die visuelle Wiedergabe realer Dinge durch willkürliche digitale Produzierbarkeit. Miriam Cahns Gemälde geben Objekten um uns herum einen Wert, vielleicht den, in einer schwankenden Welt Halt zu geben.
Miriam Cahn: STILL LEBEN, Galerie Jocelyn Wolff, Paris, bis zum 25. April
Source: faz.net